Wie man mich kriegt

Habe ich damals in Irland mitgehabt, sagt der Politiker und schiebt lässig das Tischchen mit dem Österreich-gebrandeten Tuch zwischen unsere Sessel, damit das Interview leichter vonstatten gehen kann.

Irland?

Da spitzt einer wie ich sofort die Ohren. Der Mann hat ein Jahr in Dublin gelebt, identifiziert Galway, wo Tochter Julia zwei Jahre studiert hat, sofort als coole Stadt, und überhaupt. Da plaudert man ja gleich einmal entspannt ein wenig über Irisches, bevor es ans politisch Eingemachte geht, über die schöne Insel, the place my heart lies nearest. Und freut sich.

Jetzt ist es ja so: Im Alltag bin ich es schon ziemlich gewohnt, von Politikern angelogen zu werden. Es gibt Parteizentralen, die kann ich im schlimmsten Gewitter anrufen und der Parteisekretär erzählt mir mit einer Engelsstimme vom herrlich blauen Himmel samt rosa Wolken über seinen Jungs und Mädels, von den sie nach wie vor liebenden Wählern, alles voll in Ordnung und bestens, während ich im Hintergrund den Donner durch den Hörer grollen hören kann.

Ich bin also grundsätzlich misstrauisch im Umgang mit Politikern. Und wie ich in einem anderen Blogpost einmal geschrieben habe, gibt es eher wenige, die meinen Respekt besitzen. Ich muss diese Shortlist wohl ergänzen.

Denn genau so, wie der das heute gemacht hat, kriegt man mich. Erwähnst du Irland, bin ich kritiklos dein Mann – egal wer du bist, woher du kommst, was du kannst, was du tust.

Allerdings schwimme ich ja andererseits nicht auf der Nudelsuppe daher. Also ist mir klar, dass im Mahlwerk der politischen Alltagsbewältigung, im Spannungsfeld zwischen Parteien, Wählern und Medien, die wenigsten Dinge Zufall sind. Ich argwöhne: Diese Partei hat, anders als andere, eine superprofessionelle Pressesprecherin.

Denn folgende Geschichte:

Vor zwei, drei Wochen traf ich mich mit ihr auf ein Glas Wein. Ich erzählte irgendwann vom Haus auf Achill Island, einer dem irischen County Mayo vorgelagerten Halbinsel, das ich seit zwei oder drei Jahren im Internet frustriert und wehmütig beobachte, weil es zum Verkauf steht und ich es mir nicht leisten kann.

„Glór na Mara“ heißt das von einem deutschen Architekten superstylish renovierte alte Cottage, von dem aus du die beeindruckendsten Sonnenuntergänge sehen und deinen Blick auf den wilden Atlantik werfen kannst, bis hinüber nach New York. Letzten Oktober fuhr ich quer über die Insel von Dublin an die Westküste, um es mir in natura anzusehen. Die Besitzer waren nicht da. Ich nahm mir die Freiheit, setzte mich auf die Terrasse, sah der Sonne eine Stunde lang beim Zubettgehen zu und war daheim. Hier würde ich leben wollen, zumindest zeitweise, könnte ich es mir aussuchen, wusste ich in diesem Moment. Derart schweren Herzens bin ich lange davor und danach nicht mehr von einem Platz weggegangen. Zurück in Wien mailte und telefonierte ich dann sogar mit den Besitzern, die nun in Berlin leben, sympathische Leute. Ich würde alles verkaufen, um mir Glór na Mara leisten zu können. Aber ich habe leider nichts. So bleibt nur der Traum. Ui, das klingt jetzt schon ein bissl kitschig, von zu tief unten aus dem Schmalztiegel geholt, oder?

Jedenfalls  – fast bin ich geneigt anzunehmen, die Pressesprecherin hat ihren Job eins A erledigt und dem Chef gesagt:

Pass auf, der steht auf Irland, lass das irgendwann geschickt einfließen und wir haben ihn im Sack.

Nach dem Gespräch mit dem Politiker und einer seiner Kolleginnen muss ich jetzt jedenfalls schon den ganzen Tag an Irland denken. An das Dubliner Konzert von Königin Sinéad letzten Samstag, zum dem ich wollte – aber zu blöd war, mir rechtzeitig Karten zu besorgen. An diese wunderbare Version des betörend schönen, traurigen a-capella-Liedes „In this heart“, die ich verpasst habe. An Glór na Mara, dessen Preis zwar im Zuge der irischen Finanzkrise inzwischen auf beinahe die Hälfte gefallen ist, das ich mir aber trotzdem nicht leisten kann. An den Platz auf der Kaimauer von Howth, an dem ich bei jedem einzelnen meiner Irland-Besuche für zumindest eine halbe Stunde stehe und zum Inselchen Ireland´s Eye hinüber blinzle. An Linksgolf. An Julia, die ich schon gute fünf Jahre nicht mehr gesehen habe.

Aber statt in dear old Ireland sitze ich gerade am Ufer der Donau und schaue zum Donauturm auf der anderen Seite, während ich das hier tippe, von dessen verwelktem Charme ich bei den Recherchen für mein Donauturmbuch aus dem Jahr 2010 zu viel gesehen habe, um ihn noch kühl finden zu können. Doch ich weiß mir zu helfen: Ich schaue also auf die Donau und stelle mir vor, das ist der broad majestic Shannon. Dann geht es schon.

Jedenfalls: kein politisches Programm, keine Wahlversprechen, keine Karotte, kein Wahlzuckerl, nichts, das alles funktioniert nicht bei mir. Aber Irland funktioniert. So kriegt man mich. Guter Job, liebe Pressesprecherin.

Nur der Vollständigkeit halber – „Glór na Mara“ ist Irisch und heißt: Klang des Meeres.

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3 Gedanken zu “Wie man mich kriegt

  1. Sehr geehrter Hr. Puchleitner,
    ich habe diesen Bericht erst heute gelesen. Ich habe Glór na Mara leider noch nie wirklich sehen können, leider immer nur auf den Bildern von Hr. Jentz, aber ich kann Sie so gut verstehen. Ich habe mich direkt verliebt, als ich dieses wundervolle Anwesen im Internet gefunden habe. Sie haben es so wunderbar beschrieben. Ich werde in ein paar Wochen für ein paar Tage in Irland sein, und dann sicherlich einmal dort vorbei schauen. Und ich werde dann genauso wehmütig davorstehen, wie Sie. Danke für diese wundervolle Beschreibung.
    M.f.G.
    G.Gosch

    1. Liebe Frau Gosch, danke für die Blumen. Ich glaube, Glór na mara wurde inzwischen Gegenstand einer Verlassenschaft und verkauft. Aber direkt daneben steht Teach na Gaoithe (http://www.daft.ie/sales/cloughmore-atlantic-drive-achill-mayo/939832/), das heißt Haus der Winde – sehr ähnlich und von derselben Architekten-Sozietät. Das gibt es noch, und mittlerweile sogar zu einem Preis, der reasonable ist. Melden Sie sich, wenn Sie Interesse haben, ich kann Sie mit der Besitzerin in Verbindung bringen. Viele Grüße!

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