Wie du arbeiten sollst

Ganz genau so mag ich meinen Job – übers Land fahren, mit Leuten reden, darüber schreiben. Es sind ja nicht die uninteressantesten Menschen und die hässlichsten Locations, an die du dabei gerätst. Gestern zum Beispiel, Fotograf Ian Ehm – unter meiner nur minimalen Mithilfe ist er etwa verantwortlich für das von der APA ausgezeichnete österreichische Wirtschaftsbild des Jahres 2012 – chauffierte sich und mich in seinem 1991er-Mercedes die Strecke Wien-Salzburg-Graz entlang.

Das alte Coupé grummelte tief und zufrieden wie eine satte Katze. Beim Starten des Motors fuhr mir der Gurtbringer mit einem sanften Summen über die Schulter. Pass auf, dass du den nicht abbrichst, das ist ein teures Ersatzteil, sagte Ian. Mit allerzärtlichsten Händen griff ich nach der metallenen Schnalle. Ian öffnete das Schiebedach, die Julisonne verbrannte mein schon ein wenig abgewohntes Glatzerl, der Westautobahnwind huschte durch den Wagen, ein freundlicher Sommertag legte sich vor uns in die Welt. So sollst du arbeiten. In Momenten wie diesen danke ich Gott, an den ich nicht glaube, dafür, dass er mich statt hinter den Kundenschalter einer grauen Bank oder an den Referentenschreibtisch einer finsteren Versicherung in die Schreiberei geschickt hat.

Wir gewannen Salzburg und
erklommen den Mönchsberg, per Lift allerdings, man ist ja schon ein alter Mann. Ian noch nicht, der ist jung und kräftig, trotzdem schleppte er sein vieles Zeug keuchend und ich gestehe, dass ich ihm nicht mehr als einen Generator abnahm. Ich trage ohnehin schwer genug an den vielen missglückten Formulierungen in meinem Kopf. Unglaublich, was Profi-Fotografen alles dabei haben. Bei mir tut es das iPhone, das macht auch Bilder.

Oben dann die leuchtende Stadt, das M32 liegt in einer perfekten Höhe, du schaust aus einer guten Entfernung über die Dächer und grüßt die vielen Türme knapp auf Augenhöhe, drüben krallt sich leicht erhöht die weiße Festung an ihren Berg, unten schlingert das grüne Salzach-Wasser durch die Stadt. Mit einem tiefen Zug saugst du als Wiener oder Grazer das schöne Salzburger Leben in dich ein.

Ian tat seinen Job und fotografierte den Wirt, Sie werden in einer der kommenden Wochen irgendwo davon lesen können. Ich schlürfte meinen Cappuccino und hörte den vielen Japanern zu, die sich in multiplen persönlichen Ausnahmezuständen an Stadt und Blick abarbeiteten. Mich amüsiert diese kindliche fernöstliche Begeisterung ja, seit ich als Einheimischer im Grazer Kulturhauptstadtjahr 2003 vor der ausladenden Holzfassade der k.u.k Hofbäckerei Edegger immer wieder Tausendschaften begeisterter Japse bereitwillig mit deren Canons, Sonys oder Nikons für ihre zu Hause gebliebenen Fotoalben knipste.

Ian und ich gewannen wieder Land und der Mercedes fuhr uns ins Ennstal hinein. Ich winkte dem kleinen Kircherl der Ortschaft Haus zu, die vorüber flog und in der ich sommers wie winters bereits Dutzende Wochen meines Lebens verbracht habe. Den Hauser Kaibling zum Beispiel kenne ich wie meine Westentasche und dieses komplizierte Loch 18 am gegenüber liegenden Golfplatz, Bernhard-Langer-Design, liebe ich. Ich unterhalte mich dort immer wieder gern mit Rudi Horn, dem Ex-Olympiateilnehmer und nunmehrigen Clubmanager. Ab und zu schaut dann der lokal ansässige Andreas Schwab vorbei, vergangener Olympionike auch er, Ex-adidas-Chef, Ex-ÖGV-Sportdirektor und dazu ehemaliger oberster Dopingjäger des Landes, bis ihn so etwas wie eine kleine Intrige vom NADA-Chefsessel schwappte. Jetzt in der Pension ist er voll der total entspannte Mensch, begolft sein niedriges Single-Handicap und arbeitet an der Profikarriere der Söhne Matthias und Johannes.

Bevor wir Irdning passierten, schaute streng durchs offene Dach der Herr Grimming herunter, unter dessen karstigem Blick mir immer ein wenig mulmig wird. Daher sofort Augen hinüber zur anderen Talseite, wo die Weichheit wohnt, speziell und ganz alleine nur für mich. Ich weiß dort nämlich die skurril benannten Mikro-Örtchen Lantschern, Gatschen und Quilk, Heimat von Christiane, die ich einmal wirklich, wirklich lieb hatte. Sie mich auch, beide glaubten wir damals, dass das für eine lange Zeit so bleiben wird, blieb es aber nicht. Ich gönne mir dann bis Liezen jedesmal meine Viertelstunde Traurigkeit und komme erst zurück ins Leben, wenn Licht am Ende des Autobahntunnels auftaucht, der das Portal ins schöne Palten- und Liesingtal darstellt.

Der Mercerl schnurrte weiter, schließlich Graz. Am Friedhof von St. Veit, von dem aus du die Stadt überblickst wie Salzburg von der M32-Terrasse (nur, dass sie nicht ganz so pittoresk ist), starteten wir Fotoarbeit Nummer 2. Wie wild stapften wir zwischen den Gräbern umher. Ian postierte den ungewöhnlichen Kleinunternehmer, um den es ging, unter Kreuzen, vor Grabsteinen, hinter Hecken, vor Bäumen, auf Wegen und Stegen. Der Mann hielt zu meinem Erstaunen wacker durch, eine ganze Stunde lang. Aber das ist wohl ein Klacks, wenn du es beruflich mit der Ewigkeit zu tun hast.

Ich bin an diesem Tag auch einem möglicherweise nicht so schönen Sachverhalt auf die Schliche gekommen und weiß noch gar nicht, ob und wie ich darüber schreiben soll. Lassen Sie mich das kommende Woche prüfen und danach entscheiden. Manchmal ist das halt so im Journalismus, da entdeckst du etwas und musst dann, erledigst du deinen Job professionell, jemandem schaden, dem du gar nichts tun willst. Aber schaunmaamal, vielleicht stimmt ja alles eh doch nicht.

Ian jedenfalls gab danach seinem Coupé in alleiniger Weiterfahrt die Sporen zurück nach Wien, ich saß auf meinem abendlichen Grazer Balkon und sah den Yuccas beim Wachsen zu. Dann Eschenlaube, der legitime wenn auch nicht ganz so makellose Nachfolger von Kultlokal „Kommod“, mit den Freunden A. und G., die ich beide schon ganz lange kenne, man analysierte die Welt, unter anderem. Lösungen für eh alles fanden wir keine, wie auch schon in vielen vergleichbaren Biergesprächen davor nicht.

Aber es war ein super Arbeitstag. So mag ich es, das Leben, wenn du dein Geld mit Schreiben verdienst.

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