Politikverständnis

Gestern Abend erhielt ich einen Leserbrief – ein wildes Mail, geschrieben über einen jener Politiker der Neos-Wahlplattform, die zwei Kollegen und ich in unserer FORMAT-Geschichte porträtierten. Selbstverständlich unter einem Pseudonym, besonders heftige Leserbriefschreiber sind ja der Erfahrung nach fast immer auch besonders feige Leserbriefschreiber. Ich habe natürlich aus der Historie meiner Recherchen so meinen Verdacht, wer der echte Autor sein könnte, werde mich damit aber weiter nicht beschäftigen.

Das Mail war immerhin Anlass, noch einmal über die neue Partei nachzudenken, die es als erste geschafft hat, alle notwendigen Unterstützungserklärungen abzuliefern, was keine schlechte Leistung ist. Diese bösartige Hürde, die der Staat gegenüber Neuem aufbaut, das seinen etablierten Besatzern gefährlich werden könnte, ist ja nicht ohne und jedenfalls viel zu hoch.

Also, die Neos: Offenheit, Redlichkeit, neues Denken propagieren sie, auf ihrer Website kann man das gut nachlesen. Sie tun es auf konkludente Weise und
rücken damit nach einer gewissen Verzögerungsphase auch zusehends in den Scheinwerferkegel der öffentlichen Wahrnehmung. Gut so, Österreichs eingemauerte Politik braucht Frisches so dringend wie einen Bissen Brot. Ob dieses neue Denken aber bei näherem Hinsehen dann immer noch wirklich neu ist – also, ich weiß nicht.

Beim Wegschieben unangenehmer Dinge scheinen mir die Neos jedenfalls punktuell traditionell zu agieren. Nehmen wir zum Beispiel die Sache mit der Offenheit: In einem – fast – lückenlos gefüllten Pressearchiv stellen sie sämtliche über sie erschienen Berichte in den Medien zum Nachlesen online. Ich sah mir das gerade durch und mir fiel auf: so gut wie nichts Negatives dabei.

Das könnte natürlich bedeuten, dass alle Kollegen die neue Partei einschränkungslos positiv sehen. Wäre doch einmal was Neues. Aber kann das wirklich sein?

Kann es nicht. Ich selbst habe in unserer ziemlich umfassenden Neos-Geschichte im aktuellen FORMAT gemeinsam mit zwei Kollegen auch ein paar Dinge beschrieben, die weniger gut laufen. Wir waren ohnehin gnädig, die Kollegen und ich haben mögliche Problembereiche aber immerhin zart angedeutet. Jedenfalls war in unserer Story nicht alles so blickdicht rosarot wie im Neos-Logo, wir beschrieben einfach ziemlich neutral, was sich beim Hinsehen wahrnehmen ließ.

Es reichte offenbar, dass es die Geschichte nicht in das Neos-Archiv schaffte (was schwer okay ist, ich bin auf den Webseiten politischer Parteien, egal welchen, ohnehin nicht so gerne vertreten). Auch in den sozialen Netzwerken, in denen die Neos sonst jede auch noch so minimale mediale Erwähnung auswalzen, kommentieren, reproduzieren – wie man das heutzutage eben so macht: Funkstille.

Gespannt wie ein Gummiringerl, zwitscherte eine Landeschefin noch vor Erscheinen der FORMAT-Geschichte, sei sie darauf. Danach: Stille. Vielleicht sogar eine Art Schockstarre. Sie ist darin nämlich mit einem Zitat vertreten, das zwar – natürlich – authentisch ist, aber vielleicht für ein bissl neosinternen Telefonverkehr gesorgt haben könnte. Auch hat ein anderer Landeschef in der Story Details zum Budget der Jungpartei verraten, die man vermutlich lieber nicht öffentlich breitgetreten sieht.

Noch ein Beispiel für Denken, das nicht in die Schublade „voll modern“ fällt und statt pinkfarben eher rabenschwarz ist:

Für die Story schickte ich das beigestellte Interview mit den Parteichefs Strolz und Mlinar zum Autorisieren. Das heißt: Man darf, nur zur Sicherheit, noch einmal drübersehen, ob beim Zusammenstellen der Antworten auch kein sachlicher Fehler passiert ist. Inhaltlich nachgebessert werden kann nicht mehr. Normalerweise funktioniert das gut – selbst die Pressesprecher etablierter Politiker haben das ziemlich korrekt drauf. Über nachträglich eingepasste Formulierungen streiten muss ich eigentlich immer nur mit den Presseleuten eines ganz bestimmten Ministers.

In diesem Fall schickte mir die Neos-Pressechefin ein Mail: Die „Freigabe“ sei bereits erfolgt, lediglich ein Detail fehle noch. Das Wort „Freigabe“ sprang mir sofort ins Auge. So sehen die Neos sich in ihrem Selbstverständnis? Genau gleich wie die herkömmlichen Parteien: Journalisten gegenüber werden Texte „freigegeben“, Informationen also gleichsam dekrediert.

Das ist das, was normalerweise zahlende Auftraggeber mit Schriftstücken machen, die ihre PR-Agenturen für sie verfassen. Lohnschreiber, Sprachrohre ihrer Chefs, Propaganda-Beauftragte lassen sich etwas „freigeben“. Unabhängige Journis natürlich: nicht. So eine Formulierung wäre an sich, wenn sie nicht im Alltagstrott als Ausrutscher passiert ist, entlarvend. Sie lässt Rückschlüsse auf eine vielleicht (ich weiß es ja nicht) vorhandene tatsächliche Denke hinter den Fassaden zu. „Autorisierung“ und „Freigabe“ sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Unnötig zu erwähnen: Das Interview ging natürlich ohne das Abwarten einer „Freigabe“ in Druck. Erst recht.

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Ein Gedanke zu “Politikverständnis

  1. P.S.: Aber wie ich inzwischen gelernt habe – beziehungsweise hat mich die Wiener Neos-Chefin per Twitter (https://twitter.com/BMeinl) darauf aufmerksam gemacht: Die Neos führen in ihrem Pressearchiv ausschließlich Geschichten an, die irgendwo online zu lesen sind. Da hätte ich von selbst aber auch draufkommen können, Asche auf mein haupt. Das gehört sich außerdem für eine moderne Partei wohl so, Print ist tot. Jedenfalls nehme ich hiermit die Vermutung von oben, das gestrige Umgehen mit Kritik, wieder zurück. Sorry liebe Neos, Ihr seid´s eh die Offensten, Modernsten! Die kuriosen Lesermails zu einem eurer Bundesländer-Kandidaten bleiben aber ziemlich kurios.

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