Fassungslos

Der „Sponsoring & PR Manager“ eines Wettbüros schickt mir seinen Pressetext: Wettanbieter seien in ihren Vorhersagen von Wahlergebnissen präziser als Meinungsforscher, schreibt er und verweist darauf, dass seine Firma „mit den Quoten schon vor den vergangenen Wahlen“ immer richtig lag.

Aber lesen Sie selbst, indem Sie das Bild des Originaltextes anklicken, ich habe Ihnen extra einen Screenshot der Mail gemacht. Dieses leuchtende Beispiel hoher PR-Kunst muss einfach unter die Leute gebracht werden. Glauben Sie mir, nachdem ich die ganze Geschichte jetzt weiterverfolgt habe, bin ich ziemlich – aber davon weiter unten, ich will nicht vorgreifen.

Klingt jedenefalls nach guter Geschichte, die Sache.

Die Aussendung ist auch halbwegs einwandfrei getextet, da bin ich Schlimmeres gewohnt. Ich rufe den Mann also an, eine mäßig begeisterte Sekretärin erklärt mir, dass
er auf einem Termin sei und zurückrufe. An die zwei Stunden später tatsächlich der Rückruf des PR-Managers, der am Telefon kaum zu verstehen ist, weil er in Wahrheit mit schwerer Sommergrippe im Bett liegt (Was ist das nur, ihr eigenartigen Sekretärinnen, warum könnt ihr nicht einfach sagen: ist krank?).

Ich frage, ob das wirklich so stimmt, was in seinem Text steht, denn ungewöhnlich ist das ja schon.

Ja, stimmt selbstverständlich, antwortet er.

Eine gute Geschichte, kann ich dann bitte die Quoten von, sagen wir, einer Woche vor der jeweiligen Landtagswahl haben – von allen drei, die heuer stattgefunden haben?, frage ich.

Zu Landtagswahlen bieten wir keine Wetten an, sagt er.

Ich: Aber Sie schreiben doch, dass Sie bei „den vergangenen Wahlen“ richtig lagen. Wie können Sie so etwas sagen, wo Sie doch gar keine Wetten dazu hatten?

Damit sind die vergangenen Nationalratswahlen gemeint, gibt er kleinlaut zu.

Ah, sage ich, das geht natürlich auch, könnten Sie mir dann Ihre Quoten von den Nationalratswahlen geben, sagen wir vielleicht von den letzten drei oder vier?

Ich weiß eigentlich gar nicht, wann genau die waren, antwortet er.

Das macht mich nun allerdings ein wenig stutzig.

Wieso spricht der, gleich vollmundig per Presseaussendung, von Quoten und „besser liegen als Meinungsforscher“, wenn er nicht einmal weiß, wann die Wahlen waren, bei denen seine Firma besser gelegen haben soll.

Kurze Pause, ich höre den Mann am anderen Ende der Leitung schwer atmen, er denkt offensichtlich nach, dann rückt er mit folgender Information heraus:

Unsere Rechner speichern alle Wettquoten ohnehin nur drei Jahre zurück, von davor haben wir nichts mehr.

???

Aber wie können Sie dann behaupten, sie hätten Wahlergebnisse besser vorausgesagt als Meinungsforscher, wenn Sie die Zahlen zu Ihren Voraussagen gar nicht kennen, weil Sie sie nicht mehr haben?, will ich wissen.

Da habe ich meine Kollegen gefragt, die damals schon in der Firma waren, die haben sich erinnert und mir gesagt, dass es so war, und denen vertraue ich, sagt er.

Ich: Schnappatmung und nahe an einem veritablen Auszucker, weil ich die Geschichte in der vorangegangenen Redaktionssitzung schon als originelle Story angepriesen habe, mal was ganz anderes, neu und ungewöhnlich und so weiter, dem Chefred hat´s richtig gefallen, er hat bereits eine Seite dafür reserviert und die ist jetzt natürlich weg. Das werde ich ihm morgen in der nächsten Redsitzung erst auseinandersetzen müssen, wie ich etwas als gute Story ankündigen kann, das ganz genau nichts ist, null, nada, zero, höchstens Schwachsinn.

Kann denn das wahr sein? Mit dermaßen rachitischen Informationen macht der Typ tatsächlich eine Presseaussendung!? Was hat er sich gedacht? Dass das jeder als Sensation einfach abdruckt und niemand genauer nachfragt? Aber ich habe mir selbst gelobt, Anbietern dilettantisch aufbereiteter Informationen nicht mehr immer gleich ins Gesicht zu fahren, auch wenn mein Entsetzen noch so groß ist.

Ich also, höflich: Glauben Sie, dass es geschickt ist, bei praktisch überhaupt keinen Fakten eine Presseaussendung zu machen und darin etwas zu behaupten, für das es offensichtlich keine Belege gibt?, frage ich.

Ja, wissen Sie, ich bin eigentlich krank, sagt er.

Und ich bin: fassungslos.

Ich habe diese Erfahrung öfter gemacht: Es gibt PR-Leute, die sind erstklassig. Die reden mit Journalisten nur, wenn sie was zu sagen haben, und das auf eine so angenehm professionelle Weise, dass sich daraus fast immer eine für beide Seiten positive Zusammenarbeit ergibt, sprich: eine gute Geschichte. Darüber freut sich dann der Journi und es freuen sich auch der PR-Mann oder die PR-Frau. Und dann gibt es PR-Leute, die sind auf eine unbeschreibliche Weise ziemlich eigenartig. Schließlich gibt es noch solche, die aber auch schon so etwas von null Ahnung von dem haben, was sie tun. Die sind dann unterirdisch. Außerirdisch unterirdisch. Unterirdischst.

Aber wissen Sie was?

Es gibt Kollegen im Journiversum, bei denen verhält sich die Sache auch nicht viel anders. Ich bin ehrlich gespannt, ob ich nicht morgen in irgendeinem Blatt, zum Beispiel in „Heute“ oder „Österreich“, eine Headline finde, die ungefähr so geht: „Wettanbieter schlagen Meinungsforscher“. Untertitel: „Können Wahlergebnisse genauer vorhersagen.“ Oder irgendwie so halt.

Dann werde ich noch fassungsloser sein.

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