Eukalyptus

Eukalyptus, der ganze Bus roch danach.

Klostein ist das, sagte hingegen C., der es wissen muss, denn der Kollege vom deutschen Diners Club Magazin habe, erzählte er mir, immerhin an die 40 Bücher veröffentlicht – darunter jenes, in dem erstmals das neudeutsche Wort „Lebensabschnittspartner“ aufgetaucht ist. C. hat den Begriff also quasi erfunden, was ich natürlich nicht überprüfen kann. Aber ich neige dazu, ihm zu glauben, da er am Golfplatz zwar einen etwas bemühten, jedoch insgesamt ehrlichen Eindruck hinterließ. Und es ist ja so: Schummelt jemand beim Golf, schummelt er auch im Leben, und umgekehrt.

Im Autobus, den Visit Britain mir und den Kollegen von diversen Golf- und sonstigen Medien organisiert hatte, war ein Duftspender montiert, der alle 20 Minuten selbständig lossprühte, sich nicht abschalten ließ und die Kabine mit Eukalyptus-Duft (oder eben Klostein, je nach Betrachtungsweise) kontaminierte. Man muss
das mögen. Vier Tage lang chauffierte Busfahrer Rick uns deutschsprachige Journalisten auf diese Weise durch das verschlafene Norfolk. Die Grafschaft wollte herzeigen, was sie hat. Da wären einmal:

Traumhafte Links. Ich bin ja der Welt größter Linksgolf-Fan, mag die Dünen aber auch, wenn niemand  Fairways zischen ihre Canyons gelegt hat. Es ist jedes Mal dasselbe: Aus dem Hinterland spazierst du  leicht bergan, meistens durch verschwiegene Wäldchen, der Boden wird zusehends sandiger, die Luft salziger. Autos parken an den Wegen, denn hierher zieht es viele, die sich für ein paar Stunden aus ihrem Alltag in das Freie am Wasser verabschieden wollen. Dann in der Regel noch ein kleiner Anstieg über eine Kuppe, und die gibt dir ganz plötzlich den Blick ins Unendliche frei. Das Meer öffnet sich vor dir, eine Brise, die Grenze ist auf einmal der Horizont und deine Seele fühlt sich in der Sekunde gestreichelt. Einmal einatmen, ganz tief, die Lungen lachen, und wir Mitteleuropäer – zumindest ich – vergessen dann unser kleingeistiges, verschrobenes Zuhause, weil vor unseren Augen auf einmal das Leben aufgeht.

Norfolks Nordküste hat wunderschöne Dünen mit allem, was dazu gehört: Wind, Kanäle, Segelboote, Marschland, mit der Flut wachsende und verschwindende Wasserarme, Weite, Wellen. Zwischen den Städtchen Cromer und King´s Lynn ist alles das zusammen das ganz große Kino.

Die Präsenz der Königin. Sandringham Estate ist ein einigermaßen schrulliges kleines (sagen wir halt) Landhäuschen, in dem lediglich an die hundert Angestellte werken, um alles für jene zwei Monate im Jahr vorzubereiten, in denen die Besitzerin sich vor Ort befindet, welche die Queen of England ist, um hier mit der Familie Weihnachten zu feiern. Von Mitte Dezember bis Mitte Februar spielt sich dann der komplette Glanz samt aller Gloria ab, zu der das British Empire fähig ist. Den Rest des Jahres darbt der Landsitz als Museum vor sich hin. Zwölf Pfund kostet der Eintritt und man kann dann nicht nur durch das weitläufige Parkgelände schlendern, sondern auch durch das Speisezimmer der Königin spazieren oder dort verweilen, wo sonst der Christbaum steht.

Ein weiteres Museum in den Stallungen zeigt zudem ausgemusterte Fahrzeuge aus dem königlichen Fuhrpark. Dort lernt der staunende nicht-Brite: Spielten wir alle in unserer Kindheit mit Matchbox-Autos, hatte hingegen zum Beispiel der Prince of Wales einen kleinen, in mehrmonatiger Handarbeit zusammengeschraubten Aston Martin als Elektrofahrzeug zur Verfügung. 30 Mitarbeiter im Werk des bitischen Nobelherstellers waren damit beschäftigt, das Ding zu entwickeln und zu bauen. Damit der achtjährige Nachwuchsprinz über Kieswege düsen durfte. Ich verkniff es mir, ein Foto zu machen – aus reinem Neid, denn ich musste sofort an das aus Stahlrohren zusammengeschusterte Tret-Cart aus meiner Kinderzeit denken, das mir schon in frühester Jugend gehörige Muskelkater beschert hatte. Schneller als die größeren Jungs auf ihren Kinderrädern war ich dennoch nie, während Prinz Charles mit seinem Baby-Aston 30 und mehr Meilen an Tempo aufnehmen konnte. Auch die diversen Daimlers und Royces der Queen stehen hier.

Im Haus selbst herrscht strengstes Fotografierverbot, ich vermute: Weil sich selbst die Königin für die beispiellose Ansammlung des ungalublichstes Kitsches genieren würde, bekäme das der Rest der Welt zu Gesicht.

Glauben Sie mir: Sie würden so nicht wohnen wollen.

Aber für Besucher: allemal interessant. Kollegin E. vom famosen Magazin „Die Golferin“ stand jedenfalls kopfschüttelnd vor dem Portal des schmucken Anwesens und sagte im Tonfall der vorsichtigen Enttäuschung: Also, ein wenig mehr Pomp hätte ich mir schon vorgestellt, und dass alles irgendwie größer ist. Ich wusste es ja schon immer: Die golfende Damenwelt ist irgendwie in ihren Ansprüchen überdimensioniert, alles freundliche Luxusgeschöpfe. Wie feierst du mit deiner Familie denn leicht Weihnachten, wenn du das alles hier zu bescheiden findest?, wollte ich wissen, und da musste sie sich gleich ganz ordentlich abhauen.

Die Norfolk Broads. Eine Parallelwelt, wer hier ist, nimmt sich selbst komplett aus dem Alltag. Im 12. Jahrhundert waren das alles Torfgruben, mit der fruchtbaren Erde wurde gebaut, geheizt, gedüngt, alles Mögliche. Als die Abbaustellen schließlich aufgegeben wurden, füllten sie sich im Laufe der Zeit mit Wasser, das ergab dann die heutige gigantische Seenplatte mit verwunschenen Kanälen, verschwiegenen Teichen und einer bunten Vogelwelt. Ein eigenes Universum. Man kann Boote mieten und von See zu See schippern, an den Ufern hat sich ein Sammelsurium an Villen, Ferienhäusern, Pubs, Anlegestellen und wild verwachsenen Geflechten entwickelt. Zwar alles sehr touristisch, aber trotzdem schön. Auf ein paar wenigen Kanälen staut sich heavy Schiffst-Traffic und die Hafenpubs sind gestopft voll mit Briten auf dem ultimativen Ferientrip. Die Sache ist ein Erlebnis.

Norwich. Die Stadt hat was. Einerseits ist sie von der Wirtschaftskrise schwer gebeutelt, die hier in dieser entlegensten aller englischen Ecken besonders heftig zugeschlagen hat. Andererseits lebt die City von ihrer Vergangenheit: pittoreske Häuser, viel Altes, Pubs, Shops und mit alten Quadern gepflasterte Straßen ohne Ende. Die Stadtväter hatte auch eine gloriose Marketingidee – und so warten jetzt an allen Ecken überraschend platzierte, überdimensionale bunte Gorillas. Schwer, nicht darüber zu spotten. Dafür hat Norwich die größte relative Kirchendichte Englands, alle paar Meter trotzt ein altes, normannisches Kirchlein der Zeit. Und über die bombastischste aller Kathedralen verfügt die Stadt sowieso.

Golf. Ja, auch Golf gibt es hier. Einige beeindruckende Cliffside-Links-Plätze warten auf Teeshots. Ich stand zum Beispiel vorgestern noch gerade eben um diese Tageszeit oben an Abschlag Nummer vier des Kurses von Sheringham und hatte das beeindruckendste Panorama vor mir, das man sich vorstellen kann. Der Wind blies mir um die Ohren, die nicht allzu heiße britische Sonne tat ihr Bestes. Dazu dieses Blau, dieses Blau, dieses unendliche Blau des Meeres. Ich stand da, war glücklich und grinste wie ein Hutschpferd. Mit dem Wind im Rücken – und somit keiner Belästigungsgefahr für die hinter mir stehenden Kollegen – sang ich sogar ein wenig. Das mache ich sonst nur in den irischen Links, aber hier war wirklich alles wunderbar. Ich gab das kurze Ständchen von „The minstrel boy“, teete den Ball auf und setzte meinen Abschlag mit einem Sechser-Eisen sauber in das Grün unter uns. In solchen Momenten liebe ich meinen Job als Golfschreiber.

Nach der Golfrunde stiegen wir in den Bus, ließen uns neuerlich vom Eukalyptus-Duft ein wenig vergrämen, den der freundliche Rick aber sichtlich gut fand, und fuhren zurück ins Hotel „The Barnham Broom“, das ich Ihnen hiermit als Homebase für einen Norfolk-Aufenthalt empfehlen möchte und von dem ich Ihnen vielleicht in einem gesonderten Blogpost noch erzählen werde.

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