Wahlkampfauftakte

Die SPÖ hat Kollege S. übernommen, zur ÖVP-Klubklausur fuhr unsere Sommerverstärkung J., der ein richtiger Superpraktikant ist. Besuche bei den Blauen verweigere ich aus Gründen der Psychohygiene, ich habe dort immer so eine indifferente Angst vor Stiefeltritten, Marschmusik und Männern aus Stahl und Granit, die uns die Ordnung bringen wollen. Das BZÖ finde ich irgendwie einfach nicht mehr. Zu Frank gehe ich nicht, weil ich eh schon seit meinem abgebrochenen BWL-Studium weiß, dass ich nix von Wirtschaft verstehe, da brauche ich keinen Werkzeugmacher, der mir das noch einmal erklärt. Bei den Grünen hatte ich letztens keine Zeit, da musste es stattdessen ein – ziemlich interessantes – Telefonat mit dem Geschäftsführer tun, der mir für eine FORMAT-Geschichte im Vorhinein erzählte, was dort ablaufen würde. Die Piraten haben glaube ich gar keine richtige Auftaktveranstaltung, es fehlt wohl das Geld, was fast ein bissl schade ist, weil die ein paar wichtige Forderungen in Sachen Datenschutz und Transparenz haben.

Blieben gestern Abend also noch die Neos. Zu zumindest einem Intensivwahlkampf-Auftakt solltest du schon gehen, wenn du über Innenpolitik schreibst.

Ich hatte glatt meinen Spaß dort. Zum einen ist die Aula der Alten Universität in der Wiener Wollzeile aber auch schon so etwas von einer total kühlen Location, das glauben Sie gar nicht. Alt und neu und Stuck und Stock und Barock und Stein und Glas und Beton, alles gekonnt gemixt, stilmäßig so ziemlich meines.

Und die Neos, hoho! Die pinken Herrschaften sind
im österreichischen Politikgrau ein richtig revolutionärer Farbtupfer, Revolution eh im guten Sinn. Ich weiß nicht, wie die es machen – aber sie haben die voll coole Mischung aus seriösen Inhalten und total lockerer Präsentation in unpeinlicher Partystimmung richtig gut drauf. Entweder sind das alles natural born Entertainers, oder sie sind einfach nur professionell. Ich war mir da ja schon seinerzeit beim Interview mit den beiden Neos-Bossen Strolz und Mlinar nicht ganz sicher, Sie können das im Blogpost „Wie man mich kriegt“ nachlesen.

Jedenfalls: gelungene Inszenierung, vor allem für eine politische Veranstaltung. Frisch, unterhaltsam, trotzdem seriös. Korrekt und locker zugleich. Ich mochte es. Sogar E., die mich begleitete und sich beruflich mit Kommunikation und Events und politischer Strategie wirklich gut auskennt und sowas auch an Unis und so unterrichtet, war beeindruckt. Zum Beispiel die hippe 1980-Jahre-Band Duran Duran als musikalische Untermalung: „Is there something I should know“ muss einer politischen Partei einmal als Hintergrundmusik einfallen, wenn es ums Thema Bildung geht. Da musst du erst drauf kommen. Und wenn es dir einfällt, musst du es dich erst einmal trauen.

Außerdem drei Eindrücke, erstens: Neos-Parteichef Matthias Strolz ist ein unprätentiöser, aber nichtsdestotrotz charismatischer politischer Motivator, rhetorisch erstklassig, in der Sache halbwegs sattelfest und von der Art seiner freien politischen Rede her fast schon dort angesiedelt, wo auch der aktuelle amerikanische Präsident wohnt, und der redet ja nicht schlecht (hat aber an Eleganz seit vergangenem November in unglaublichem Ausmaß eingebüßt, was mich eh ziemlich schockiert).

Jedenfalls: Ja, ungefähr so hält man heutzutage wohl politische Reden, wenn man nicht langweilen möchte.

Zweitens: Vize-Parteichefin Angelika Mlinar kommt nicht ganz an Strolz heran, aber im Vergleich zu dem, was unser Kanzler-Vizekanzler-Duo und die meisten Anderen so von sich geben, ist auch ihre Rhetorik Zucker. Und drittens: Die Wiener Parteichefin Beate Meinl-Reisinger: ganz offensichtlich das ultimative Naturtalent in Sachen Moderation politischer Veranstaltungen. Das war richtig gut. Sie erzählte mir später, das sei erst ihr zweites Mal gewesen. Umso besser war es.

Wenn Strolz sich ein wenig von dem, was ihn oft wie aufgezogen wirken lässt, noch abtrainiert. Wenn Mlinar an Details feilt. Wenn Meinl-Reisinger ihre Begabung pflegt. Wenn der in die Chefetage der Schweizer NZZ emeritierte Co-Parteigründer Veit Dengler – der meinen erfahrenen Kollegen R. schwer beeindruckte, als er für das Dengler-Porträt im aktuellen „trend“ recherchierte – ab und an zur Verstärkung einfliegt. Und, natürlich – wenn die Neos es ins Parlament schaffen. Dann hat es vielleicht ein Ende mit den meistens anödenden, sprachlich desaströsen und inhaltlich blutleeren Reden im Parla.

Aus bisherigen Beobachtungen kann ich Ihnen, glaube ich, für diesen Fall ankündigen: Dort zieht dann wohl mehr Schwung ein. Und weil das auch die an sich eh nicht faden Grünen neu beflügeln dürfte, könnten wir es in der kommenden Legislaturperiode dann glatt einmal lustig haben, wenn wir „Hohes Haus“ im Fernsehen schauen.

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