Auf den Cliffs

Heute biegt es die Bäume als gäbe es für sie kein Morgen mehr.

„Gael force winds and pouring rain“, sagen meine irischen Freunde dazu. Das ist ziemlich heavy weather, aber vom Golfspiel hält das hier niemanden ab. Dementsprechend sitze ich vor meinem Hotelfenster und sehe draußen den Regen, wie er waagrecht daher kommt. Wolkenschwaden, die im Eilzugstempo über die Wiesen jagen. Und Golfer, die auf Fairway Nummer 6 an mir vorbei spielen, als wäre das alles eh gar nichts. Manche müssen nach ihrem Abschlag gegen den Wind in Deckung gehen, weil der Ball nach ein paar Sekunden Flug zu ihnen zurück kommt. Aber das ist schon okay. Anders als im österreichischen Golfuniversum der schickimicki-Männer in karierten Hosen und der Frauen auf den Fairways mit kiloschwerer Schminke im Gesicht, ist Golf in Irland ja das, was es ist. Ein Spiel, das man immer spielt, nichts für Flaneure, Weicheier oder Schmierenkomödianten.

Thema Weicheier. Gestern schaffte ich es endlich zu den Cliffs, die ziemlich kühl daher kommen. Ordentlich Abgrund, da halte ich mich lieber einige Meter zurück. Eine indisch-irische Gruppe Pubertierender jedoch
überklettert die Steinbarriere ohne weitere Umstände, wirft sich kunstvoll ins abfallende Gras, nicht viel mehr als 20 Zentimeter vor der Abrisskante, und posiert für Fotos. Ehrlich – als ich jung war, hatte ich deutlich mehr Angst vor der Welt.

Aber jetzt die Cliffs of Moher. So oft war ich schon in Irland, hier noch nie. Da stehst du dann oben, schaust hinüber auf Inishmore, Inishmaan und Inisheer, die drei wundersamen Aran Islands in der Galway Bay, der blaue Himmel legt sich über den Atlantik und die Weite und dein Glück, der Wind pfeift und das Leben ist gut. Ich weiß ja, warum ich Irland so mag. Danach Fahrt durch den Burren, das ist eine Mondlandschaft, dass du glaubst, du bist in der Sahara.Bei Oranmore stößt man wieder auf eine normale Straße, die Limerick-Galway-Route, und dann hinein in Galways evil Westside. Aus dem Roisín Dubh schwappen mich wilde Rock-Riffs gleich wieder auf die Straße zurück, aber das ist eh gut so, denn zwei Ecken weiter weiß ich die Crane Bar, wo die Iren hingegen, die Trad hören wollen, und die von den Touristen aber auch schon sowas von nicht gefunden wird, dass es dort gar nicht anders sein kann als voll super.

Gestern Abend also in der Crane Bar: 15 Musiker haben sich eingefunden, von Opa bis Studentin. Die Reels sind ja nicht so meines, aber zwischendurch klopft einer oder eine auf den Tisch, das heißt, er oder sie wünscht jetzt solo was zu singen, und da bin ich dann immer gleich so gerührt, dass ich gerade jetzt vor Ort bin und das hören darf, dass mir jedesmal fast die Tränen kommen. Denn die können das. Weiß der Teufel warum, aber jeder zweite Ire ist musikalisch begabt wie Mozart, singt wie ein Vogerl und beherrscht Fiddle, Tin Whistle, Quetsche und was weiß ich was für Instrumente sonst noch aus dem Effeff. Tags zuvor war ich im Örtchen Ennis in insgesamt vier verschiedenen Pubs, überall: Musikertisch, Musiker, Trad, entspannte Menschen, und überhaupt.

Aber zurück zu den Gael Force Winds: Ich packe mich jetzt zusammen und breche auf an die Küste. Lahinch. Linksgolf. Es wird mich zwar vom Fairway blasen, aber wen juckt das. Ich werde Golf spielen, auf das regenverhangene Meer schauen, ein Liedchen vor mich hin trällern und glücklich sein.

Sie dürfen mich ruhig ein wenig beneiden.

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