Raubkatze

Die Inchydoney Island Lodge.

IMG_0615Das Hotel liegt auf einem kleinen Kap, das seinerseits die Spitze einer Halbinsel bildet, die sich vom kleinen Ort Clonakilty aus in den Atlantik streckt. An ihren beiden Seiten bilden Inlets ein spannendes Spiel zwischen Ebbe und Flut. Bei High Tide eine Halbinsel, liegt der schmale Landstrich bei Low Tide zwischen zwei gigantischen Mud-Bänken. Vorne hinaus, auf das Kap, wurde das Hotel gebaut: tolle Panorama-Balkone, rechts und links zwei betörende Sandstrände, Dünen, Sonne, nur wenig Wind. Das ist ein spezieller Platz. Ich sage Ihnen: Sie müssen sich das im Original ansehen, weil Bilder dem tatsächlichen Eindruck nicht gerecht werden können.

Haken wir zunächst die Fakten ab, bevor ich zu meiner eigentlichen Geschichte von Poesie, Lyrik, Zoologie und heimischer Soziologie komme: Das Hotel ist ein gehobenes Viersternehaus, nach dessen Güte sich manche Fünfsternehotels alle zehn Finger abschlecken würden. Hier gibt es alles, was einen Aufenthalt angenehm macht. Super zum Beispiel im Restaurant die West-Cork-Speisefolge: lokale Besonderheiten in vielen Gängen. Danach werden Sie satt und zufrieden schnurren wie eine vollgefressene Katze. Oder diese Lounge im dritten Stock mit ihrer Terrasse vorne hinaus auf den endlosen Atlantik, den flauschigen Fauteuils und der wohlsortierten Bar.

Sonst bin ich da ja nicht so, aber die Inchydoney Island Lodge empfehle ich. Sie können auch Kinder mitbringen, die werden an diesen beiden unglaublichen Stränden oder in der eigens eingerichteten Children´s Lounge ihre Freude haben.

Und jetzt die Geschichte:

Gestern Abend hatte ich Dinner mit Hotelbesitzer Des O´Dowd und seiner Sales Managerin Ruth McCarthy, zwei wirklich liebe Menschen. Die echte Güte eines Hotels erkennst du ja an seinem Besitzer: Wie geht er mit den Leuten um, ist er mehr der pompöse Typ, der beherrschend durch seine Hallen schreitet, oder eher der leise Mensch von der feineren, respektvolleren Sorte? O´Dowd ist eindeutig Zweiteres und das bedeutet für dieses gute Hotel, dass hier durchwegs auch solche Mitarbeiter am Werk sind. Die sind alle freundlich und meinen es wohl auch so. Richtig angenehm, hier zu sein.

Des erzählte von seinem Lebensweg zum Hotelbesitzer. In seinen ganz frühen Jahren als Kind und Jugendlicher war der Keltische Tiger noch ein nuckelndes Baby, keine Rede von Wohlstand in Irland, man war eher das Armenhaus Europas. Eltern schickten ihren Nachwuchs in sichere Verwaltungsjobs, wenn möglich. Get a job in some office, wear a suit and stay safe, hieß es damals. O´Dowd´s Altvordere ließen ihren Sohn Buchhalter werden. I was a bad accountant, lachte er beim Abendessen zwischen zwei Gängen der vollen West-Cork-Palette. Als sich dann die Gelegenheit ergab, mit Partnern in ein Hotelprojekt einzusteigen, griff er zu. Heute gehört ihm Inchydoney Lodge ganz allein. Er ließ super Balkone an- und ein traumhaftes Spa einbauen. Besonders stolz ist man hier auf das geheizte Meerwasserbecken, ein wirklich formidabler Indoorpool.

IMG_0625Des ließ auch das kleine Kap vor dem Hotel von einer wilden Gstettn in begehbares Promenierland umbauen. Highlight: eine halbrunde Arena mit steinernen Stufen zum Sitzen. „Picnic Area“ nennen sie das, aber in Wahrheit ist es ein kleines Amphitheater. Derzeit noch unbespielt, weil soeben erst fertiggestellt. Des weiß noch nicht so recht, was man dort veranstalten soll, er denkt vorerst einmal an Poetry-Lesungen.

Gerade das gefällt mir natürlich, sofort schlug ich Yeats-Gedichte vor, die sich unter dem im County Cork erstaunlich oft unbewölkten sommerlichen Sternenhimmel gut rezitieren ließen. Der Vorschlag kam an, was mich mutig machte. Ich rückte mit folgender Idee heraus: Hier wäre doch, sagte ich, eine supertolle Location, um Sinéad O´Connor Irish-Trad-Songs vortragen zu lassen, am besten a capella. Ruth und Des sahen sich kurz an, mit so etwas hatten sie eher nicht gerechnet. Dann nickten sie, was aber vermutlich weniger als Begeisterung, sondern mehr als Akt purer Höflichkeit einem Gast gegenüber zu werten sein könnte, der über ihr Hotel zu schreiben hat.

Ich jedenfalls ging heute nach dem Frühstück in das kleine Amphitheater, setzte mich auf den Platz unten in der Mitte und stellte mir den Shakespeare-Darsteller Patrick Stewart vor, wie er hier gerade das wunderbare Gedicht „My Lagan Love“ rezitiert, das – wie so viel andere Irish Poetry auch – natürlich vertont wurde. Und nach ihm betritt dann Königin Sinéad die Bühne, die alles so singen kann, wie es sonst niemand singen kann, sie intoniert mit ihren großartigen Musikern „My Lagan Love“:

Where Lagan stream sings lullabies there blows a lily fair,
The twilight gleam is in her eyes and the night is on her hair,
And like a lovesick lenanshee she hath my heart in a thrall.
No life have I nor liberty, for love is lord of all.

And often, when the beatle´s horn has lulled the eve to sleep,
I steal into her shieling lorn, and through the doorways creep.
There on the cricket singing stones she stirs a bogwood fire
And sings, in sweet and undertones, the songs of hearts desire.

Consider yourself invited if it happens, sagen Des und Ruth. Aber eine Einladung ist gar nicht notwendig, denn wenn Miss O´Connor tatsächlich anrückt und hier auftritt, werde ich selbst unter selbstmörderischer Plünderung meines Kontos von jedem Punkt der Erde anreisen und weinen vor Begeisterung, weil ich wie dieses Hotel nahe am Wasser gebaut bin.

So saß und träumte ich vor mich hin, bis ein rurales Paar mit seinen Eltern heran stapfte und die Stimmung mit breitestem Niederösterreichisch kontaminierte, laut und stubborn. Doch weil ich im Irland-Modus war, also friendly as hell, quatschte ich sie an. Es ist hier einfach so, dass jeder jeden grüßt und man schnell einmal ein paar freundliche Worte für den anderen übrig hat.

Die Niederösterreicher waren entsetzt. Ein Wildfremder, der sie einfach so anredet. Das geht gar nicht. Ich bekam von der Mutter ein paar gefauchte Sätze zurück und am liebsten hätte sie wahrscheinlich nach mir geschnappt. Auch gut, dachte ich mir, verabschiedete mich auf Englisch und ging ab.

Am Parkplatz sah ich dann den Unterschied zwischen hier und zuhause. Da stand ein Jaguar-Coupé, schön und würdevoll. Bei uns in Mitteleuropa sind das teure Autos, deren perfektes Aussehen höchstens ein paar eingeweihten Geschmackvollen auffällt. Der Rest der Menschen sitzt in Audis, VWs, BMWs oder anderen nullachtfünfzehn-Gurken und hält Jaguare für bald kaputt gehenden, unpraktischen Schnickschnack mit kleinen Kofferräumen. Dem allein schon aus Gründen der Vernunft zum Beispiel ein Passat vorzuziehen ist. Ein Passat. Vorziehen. Einem Jaguar! Hallo?

Aber hier auf den Britischen Inseln sind Jaguare schöne Raubkatzen, die sich auf eine so unglaublich elegante Weise in die Landschaft ducken, dass es die reine Freude ist. Dieser eine silberne Jaguar am Parkplatz passte so perfekt zum Inchydoney Island und seiner Lodge, dass ich sofort wieder mit mir, der Welt und den Niederösterreichern versöhnt war.

Das Leben ist so schön, hier in Irland.

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