Wahl 13

Ich parkte mein Auto gleich hinter der Universität.

Sofort bekam ich nostalgische Gefühle, weil ich damals vor 25 Jahren an ziemlich derselben Stelle ab und zu auch einen Parkplatz gefunden hatte. Einmal fräste ich mich mit meinem studentischen Allrad-Panda sogar in eine Parklücke, welche die Wiener Schneeräumung gnadenlos zugeschüttet hatte. Aber egal jetzt, es geht ja um die Nationalratswahl.

Also:

Ich marschierte die paar hundert Meter zum Parlament hinüber, wo gelangweilt dreinschauende Polizisten den Eingang gegen fotografierende japanische Touristen verteidigten. Ich zeigte meine Akkreditierung (eine von rund 600 ausgegebenen, sagt das Parla heute), durfte durch und wurde zum ersten Mal in der parlamentseigenen Röntgenstraße durchgecheckt. Sonst passiert mir das dort nie, sie winken immer umstandslos alle durch, die einen Ausweis um den Hals baumeln haben. Doch am Wahltag nehmen selbst die sonst laschen Parla-Portiere offensichtlich alles sehr genau.

Drinnen dann: eher Gähnen. Um 16 Uhr war noch nicht richtig viel los. Nur die berühmten Kolleginnen und Kollegen Salomon vom Kurier, Pandi von der Krone, Weissenberger von der Kleinen Zeitung und Nowak von der Presse warteten auf ihren ersten Analyse-Einsatz mit ORF-Chefpolitiker Hans Bürger. Über die APA-Schirme flimmerten die ersten Hochrechnungen. Ich klaute

der APA an ihrem Info-Stand ein Zweierpackerl Manner-Schnitten, weil ich seit dem Frühstücks-Butterbrot nichts mehr gegessen hatte und mir dachte, dass es vielleicht nicht so gut kommt, wenn mein Magen dann später laut in die erwartungsvolle Stille vor der TV-Spitzenkandidaten-Runde hinein knurrt.

Spannend für mich: Der ORF schaffte es den gesamten Wahlabend hindurch nicht, den Ton mit dem Bild der in der Säulenhalle aufgestellten TV-Schirme zu synchronisieren. Frank Stronach zog auf seinem Weg zwischen den Interview-Stationen von ORF, Puls 4 und ATV eine Kohorte mehr oder weniger aufgedonnerter junger und fast so junger Damen hinter sich her, allen voran seine rechte und linke Hand Kathrin Nachbaur. Ein wenig sahen die aus wie das Fähnlein Fieselschweif, das dem General folgt. Das Parlament schaffte es, die Fernbedienung des TV-Schirms im Pressezentrum zu verstecken und vorher seine Lautstärke so einzustellen, dass man nichts hörte, wenn man weiter als 50 cm vom Bildschirm entfernt stand. Erst spät erbarmte sich ein Parla-Mitarbeiter, zog aus der Innentasche seines Sakkos das Gerät hervor, drückte ein wenig herum und frage dann: No, passt´s jetzt? Fortan konnte man im Pressezentrum richtig fernsehen. Und der Filterkaffee dort ist, nun ja, außerirdisch. Schlecht, meine ich. Aber ich will mich nicht beschweren, immerhin war er gratis.

Ich will mich auch nicht beschweren, dass mir schließlich bei der ZiB-Kandidatenrunde ein Koloss von Sicherheitsbeamter meinen super Platz rechts hinten auf der Seite verstellte, von dem aus ich direkten Blick auf das Geschehen hatte. I muass do stehn, sagte der 2,80-Meter-Mann mit seinen gefühlten 760 Kilo, weil nochher bring i de olle aussi. Ich sah nach oben in Richtung Gipfelkreuz, wo die Augen waren, betrachtete mir die Kohleschaufeln, die der Mann als Hände getarnt hatte, und entschied mich gegen eine weitere Intervention sowie für einen Stellungswechsel. Später beobachtete ich den ORF-Kameramann, der sein Arbeitsgerät eine halbe Stunde lang stur auf das leere Rednerpult hielt und angestrengt in den kleinen Bildschirm der Kamera starrte, obwohl die Innenministerin nicht und nicht zur Bekanntgabe des Endergebnisses aufkreuzte. Ein Muster an stoischer Ruhe, der Mann. Vermutlich bekommt er vom ORF irgend eine Zulage für langes und sinnloses Warten. Ich hätte mich ja für ein kleines Päuschen in die Parla-Cafeteria verzogen.

Aber ich bin kein ORF-Mitarbeiter, also ging ich zu Wahlparties – und da hatte ich gute Karten gezogen. Mein tapferer Kollege S. hatte nämlich von sich aus angeboten, zu ÖVP und FPÖ zu gehen. Der andere Kollege J. würde die SPÖ abarbeiten, hatten wir ausgemacht. Zu Frank wollte keiner, fällt mir jetzt im Nachhinein auf. Jedenfalls blieben mir die Grünen und die Neos, sicher die unterhaltsameren Parteien. Hier mein Bericht: In der Halle E des Museumsquartiers, wo die Grünen feiern wollten, wurde nicht gefeiert. Betretene Minen überall, obwohl immerhin: bestes Ergebnis in der grünen Parteigeschichte. Ein paar junge Leute tanzten, eine Band spielte nicht einmal schlecht, aber außer Halbpromis der Partei wie Christoph Chorherr oder Teresia Stoisits fand ich keine maßgeblichen Parteileute. Vor dem Eingang traf ich dann doch noch Volker Plass, Chef der Grünen Wirtschaft, in mäßig heiterer Stimmung auch er. Aber wir scherzten doch ein wenig, der Blogger Guenberg stieß hinzu, nach ein paar Minuten verabschiedete ich mich zu den Neos.

Aber dort. Frage nicht! Da ging die Post ab. Es war alles ziemlich pink, sogar das Licht.

Schon beim Lift traf ich auf einen bestgelaunten Veit Dengler. Der Parteigründer, mittlerweile CEO der Neuen Zürcher Zeitung, war extra mit seiner Familie aus der Schweiz angereist, hatte einen pinken Pullover an und beendete gerade die Feierlichkeiten, wohl weil die Kinder ins Bett mussten. Dann kamen mir Polizisten entgegen. Nachbarn hatten sich wegen der Lautstärke beschwert, die tatsächlich nicht ohne war, denn wenn die Neos feiern, dann feiern sie. Drinnen in der Neosphäre wies mir Ex-LIF-Mann Michael Schiebel, eine Art politischer Direktor der neuen Partei, der vielleicht den Job des künftigen Klubdirektors im Parla übernehmen könnte, den Weg zu Getränkeausgabe, der in diesem Gedränge sonst nicht leicht zu finden gewesen wäre.

Man sah und hörte und fühlte: Hier feiern Wahlsieger. Ich traf Menschen, die schon 48 Stunden und länger nicht geschlafen hatten, um im Endspurt des Wahlkampfes noch einmal ordentlich loszulegen. Ich traf glückliche Landesparteichefs. Ich sah die Chefredakteure der „Presse“ und des „Falter“, auch der Presse-Innenpolitik-Chef war vor Ort. Und ich sah eine ziemliche Menge euphorisierter freiwilliger Helfer. Man gratulierte sogar mir – ja, mir – zum Einzug der Neos ins Parlament: Denn das sei schließlich gut für das Land, wurde mir erklärt, und ich sei schließlich ein Bürger des Landes. Also. Dann zog gegen halb elf Matthias Strolz ein und der Jubel war eher nicht enden wollend. Eine kurze Rede, schließlich schickte die Wiener Parteichefin Beate Meinl-Reisinger die Menge ins nahe Lokal „Wirr“. Man wolle am nächste Tag ab neun Uhr tagen und sehen, was nun alles anzugehen sei, die Neosphäre müsse sich daher schön langsam wieder einkriegen.

Ich holte mein Auto von der Uni ab, fuhr heim und sah mir die ZiB 24 an. Dabei lernte ich, dass SPÖ und ÖVP eher nicht lernen. Es werden wohl noch weitere Problemjahre folgen. Ob es wieder fünf werden, wage ich aber zu bezweifeln.

Dann schlief ich vor dem Fernseher ein.

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