Pfeil der Hoffnung

Der Jetta Diesel, den Tourism Ireland mir bei Hertz bestellt hatte, brummte dahin wie eine volltrunkene Hummel.

Ich flog vorbei am Rock of Cashel, passierte die Stadt Portalaoise, und die irische September-Sonne tat ihr Bestes, meine Fahrt von Cork nach Dublin zu wärmen. Irland streichelt mich fast immer mit kristallenem Wetter, wenn ich zu Besuch bin, muss wohl eine Art Pendelbewegung der Liebe sein. Jedenfalls: Ich lauschte im Autoradio einem Interview mit dem großartigen Harry Belafonte, der gerade in Dublin angekommen war, um irgendeine Ehrung von Amnesty International über sich ergehen zu lassen.

Von Belafonte wusste ich bisher so gut wie gar nichts – außer, dass er „Island in the Sun“ und sonst noch ein paar Melodien erfand, zu denen ich mich nie entscheiden kann, ob sie mir jetzt kitschig oder genial vorkommen sollen. Den Mister Belafonte, inzwischen ein alter Mann, zeichnet eine Sprechstimme aus, die
tief und brüchig ist, Worte als halb erstickte Reibeisen-Kehllaute hervor gurgeln lässt, aber von deren Besitzer du nach zwei, drei Sätzen weißt: Hier spricht ein Gütiger.

Belafonte, der als Schauspieler begonnen hat, entwickelte sich in zunehmender Weise zu einem Kämpfer für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie – kurz: für alles, was richtig und gut ist. Natürlich lebt er da in den Vereinigten Staaten von Amerika derzeit ein bissl im falschen Land, er dürfte es dort im Moment auch nicht ganz leicht haben. Belafonte erzählte eine ganze Stunde lang von seinem Leben, von der Kommunisten-Verfolgung in der McCarthy-Ära, von seiner Zeit im Umfeld Martin Luther Kings, von seiner Kindheit und schließlich auch von der schwierigen Gegenwart.

Obama is an arrow of hope, sagte er plötzlich mittendrin, that simply missed its target.

Nicht mehr und nicht weniger. Obama ist ein Pfeil der Hoffnung, der ganz einfach sein Ziel verfehlt hat. Keine weitere Erklärung, keine Ergänzung, Belafonte ließ diese paar Worte einfach so stehen und die Interviewerin war gefühlvoll und professionell genug, den bemerkenswerten Satz nicht durch Nachfragen zu zerreden.

Das Interview war dann bald einmal vorbei, aber mich beschäftigte das noch lange, ich verfuhr mich im Anschluss sogar einmal, so abgelenkt war ich.

Was ist tatsächlich aus diesem schwarzen Präsidenten geworden, der so gut reden und die Massen mitreißen kann, der vor sechs Jahren so vielen Menschen nach der Finsternis der Bush-Ära Licht am Ende des Tunnels versprach – und das ganze Land sowie mit ihm die ganze Welt dann nur noch tiefer in die Nacht hinein führte? Warum ist Amerika inzwischen bestenfalls nur mehr eine Karikatur vom „land of the free“, wie es in seiner schönen Hymne heißt? Was sind das dort nur für eigenartige, selbstherrliche Menschen geworden?

Heute stieß ich auf einen Blogpost eines deutschen Hobbymusikers. Natürlich weiß man nicht, ob das, was drin steht, so auch wirklich stimmt. Aber der Text ist dermaßen nüchtern geschrieben, ohne jeglichen Schaum vor dem Mund, dass man wohl annehmen darf: Es wird schon ungefähr so gewesen sein. Klicken Sie hierher, lesen Sie sich das bitte durch und denken Sie dann nach, ob Sie dort wirklich noch hin wollen.

Ich meinerseits werde mir das gut überlegen. Vor allem nach meinem eigenen Blogpost vom vergangenen Juni – wäre möglicherweise ein ziemliches Risiko, zu versuchen, als Autor dieses harmlosen Textes in die USA einzureisen. Wenn die dort wirklich alles mitlesen und tatsächlich so dumm sind, wie Herr Niederhauser in seinem Beitrag durchblicken lässt.

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Ein Gedanke zu “Pfeil der Hoffnung

  1. Und erlauben Sie mir noch ein Post Scriptum: Seit ich im Juni diesen Beitrag von den neuen Lesern postete, habe ich bei jedem neuen Blogpost nur Sekunden, nachdem ich ihn online gestellte habe, einen Zugriff aus den USA. Jedesmal ist das so. Vorher war das nicht so. Was soll mir das sagen?

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