Ernsthafte Dinge

Kennen Sie Cecily Corti? Aber bitte ehrlich sein.

Haben Sie Max Schrems schon einmal was sagen hören, falls Sie überhaupt wissen, wer das ist?

Was sagt ihnen Johanna Rachinger? David Alaba sagt Ihnen wahrscheinlich viel. Womöglich kennen Sie sogar Christian Kern. Womöglich aber auch nicht.

Wissen Sie, was alle fünf gemein haben? Sie wurden von einer Jury des Public Relations Verbandes Austria (PRVA) für den Titel „Kommunikator des Jahres“ nominiert. Das ist jener Wettbewerb, den die heimische PR-Branche jedes Jahr ausschreibt und abwickelt. Die Sache ist meiner Ansicht nach ein wenig zweifelhaft. Man muss sich nur einige der bisherigen Preisträger anschauen, um zu erkennen: allzu professionelles Kommunizieren kann nicht das Kriterium sein. Haben Sie zum Beispiel noch in Erinnerung, wer Dan Ashbel ist, der Kommunikator des Jahres 2008? Rudolf Taschner (2007)? Oder Rainer Riedl (2006)? Kennen Sie die Herren überhaupt?

Ich weiß schon: Jetzt werden sich
PRVA-Mitglieder sicher entsetzen, wenn sie Kenntnis von diesem Blogpost erhalten. Aber bedenkt doch bitte: Gute und wichtige Dinge zu tun, heißt noch nicht automatisch, professionell darüber zu kommunizieren. Jemanden für richtiges und wichtiges gesellschaftspolitisches Engagement oder tolles Fußballspiel auszuzeichnen ist die eine Sache. Eine Auszeichnung für professionelle Kommunikation ist eine andere. Also frage ich mich:

Wie in aller Welt Welt kann man jemanden für den Titel „Kommunikator des Jahres“ nominieren, den so gut wie niemand kennt? Cecily Corti ist mir zum Beispiel noch nie untergekommen, obwohl ich aus beruflichen Gründen das Tagesgeschehen einigermaßen observiere. Wenn man jemanden erst einmal googeln muss, um herauszufinden, wer das ist – eignet sich der oder die dann wirklich als Nominee für so einen Titel? Corti ist übrigens Gründerin der „VinziRast“, als eine Art lizenzierte Außenstelle des Grazer VinziDorfes eine super Einrichtung – aber gelebte Menschenliebe macht jemanden zum guten Menschen, nicht zum Kommunikator des Jahres.

Genauso, wie perfekte Ballbeherrschung einen Fußballer noch lange nicht dazu macht. David Alaba, der kicken kann wie seit Jahrzehnten niemand mehr in Österreich, ist aus genau diesem Grund in aller Munde. Aber nicht, weil er so gut kommuniziert. Da verwechseln die möglicherweise ein wenig naiv urteilenden PR-Leute Ursache und Wirkung. Alaba, der ballesterisch jede nur edentkliche Auszeichnung verdient, ist in diesem Wettbewerb eine glatte Fehlbesetzung.

Max Schrems hingegen hat zwar in diesem Jahr einen öffentlichen Auftritt hingelegt, der sich gewaschen hat. Aber nicht, weil er so gut kommuniziert, sondern weil er Außergewöhnliches gewagt und getan hat – nämlich juristisch gegen Facebook vorzugehen. Nur deshalb ist der Jus-Student in den Medien. Das hat mit der Hund-beißt-Briefträger-oder-Briefträger-beißt-Hund-Sache zu tun: Was ungewöhnlich ist (zweiteres), ist interessant und kommt daher in die Medien. Was alltäglich ist (ersteres), nicht. Schrems ist schwierig zu interviewen, in Gesprächen eher wortkarg. Keine zwingenden Eigenschaften für einen Kommunikator des Jahres. Ginge es nicht um eine David-gegen-Golitah-Show mit weltweiter Bedeutung, würde von dem jungen Mann kein Medium auch nur Notiz nehmen. Schrems ist vermutlich ein beeindruckender Jurist und wohl auch beeindruckend mutig, wofür er vielerlei Auszeichnungen verdienen würde. Ein beeindruckender Kommunikator ist er ganz sicher nicht.

Weil ich von der miserablen Pressearbeit mancher PRVA-Mitglieder aber in Lied singen kann, weiß ich: Es gibt dort welche, die keine Ahnung davon haben, wie Medien funktionieren, und warum. Eine Nominierung wie jene von Schrems zeigt das wieder einmal.

Johanna Rachinger, ach. Die ist bei diesen Nominierungen irgendwie eh ein Dauergast, so kommt es mir zumindest vor. Vielleicht hat sie unter PRVA-Mitgliedern eine Lobby, so etwas soll ja vorkommen. Durch herausragende kommunikative Leistungen ist die ansonsten höchst verdiente Direktorin der Nationalbibliothek zuletzt jedenfalls nicht aufgefallen. Was natürlich nicht heißt, dass sie ihren Job schlecht macht. Sie macht ihn ganz im Gegenteil super. Aber das macht sie noch lange nicht zu einer Kommunikatorin-des Jahres-Kandidatin.

Christian Kern hingegen passt wohl. Denn er ist der einzige aller Nominierten, der tatsächlich professionell kommuniziert. Er führt ein Unternehmen, dessen Image katastrophaler nicht sein könnte, ohne selbst davon Schaden zu nehmen. Im Gegenteil. Er wird regelmäßig als Kandidat für höhere politische Weihen genannt, eben weil er so gut dasteht, während die ÖBB das nach wie vor eher nicht tun. Eine Leistung, welche die Nominierung zum Kommunikator des Jahres rechtfertigt.

Kern müsste diese Wahl angesichts der völlig fehlbesetzten Mitbewerber haushoch gewinnen.

Auch, weil echte Konkurrenten, die 2013 aus professioneller Sicht gut kommunizierten, gar nicht berücksichtigt wurden. Vermutlich, weil man im PRVA aus welchen Gründen auch immer mehr oder weniger zufällig vorhandene tatsächliche oder vermeintliche Bekanntheit mit Kommunikationstalent verwechselt. Heinrich Staudinger etwa hat mit einer superprofessionellen Grassroots-Kampagne mittlerweile halb Österreich hinter seinem Anliegen, das allerdings ein kommerzielles ist, versammelt – und die Finanzmarktaufsicht ganz schön in die Enge getrieben. Für den Kommunikator des Jahres ist er kein Kandidat.

Könnte das vielleicht sogar damit zusammenhängen, dass PR-Staatspreis und PR-Gala und alles Drumherum vom Wirtschaftsministerium gesponsert wird und es daher dort vielleicht gar nicht opportun wäre, den Preis jemandem zu geben, der die FMA fertig macht, welche zum Finanzministerium der Parteifreundin gehört?

Oder: Wer, wenn nicht der Neo-Politiker Matthias Strolz, der es mit seiner neuen Partei aus dem Nichts ins Parla und in die Köpfe ziemlich vieler Wähler geschafft hat, würde den Titel „Kommunikator des Jahres“ verdienen. Ich wette: Fast alle von Ihnen, liebe Textblog-Leser, können mit der Geste der ausgebreiteten Arme etwas anfangen und haben eine Idee, was sie bedeutet, was vor einem halben Jahr vermutlich noch nicht der Fall war. Eine ziemlich smarte Kommunikationsleistung, finden Sie nicht?

Von mir aus auch noch, wenn es schon Fußball sein muss: der Teamchef. Der erledigt den kommunikativen Part seines Jobs nämlich ebenfalls ausgesprochen professionell. Österreichische Fußball-Nationaltrainer stehen normalerweise immer ziemlich in der Kritik – egal, wie gut oder schlecht sie ihre Arbeit erledigen. Marcel Koller nicht. Den verstehen alle, den wollen alle. Egal, ob er gewinnt oder verliert. Weil er besonnen und gut kommuniziert, in ganzen Sätzen spricht – was man weder von seinen Vorgängern noch von David Alaba oder den meisten anderen Austro-Kickern behaupten kann.

Aber bei dieser Wahl geht es wohl weniger um beispielhaftes Kommunizieren sondern mehr darum, was chic und schnick oder opportun und idealerweile auch noch non-profit ist. Möglicherweise spielt sogar ein gewisses anbiederisches Momentum eine Rolle. Auch das lässt ein Blick auf die Liste der Preisträger vergangener Jahre vermuten.

Ich weiß schon, jetzt wird im PR-Verband, wo ich ja selbst jahrelang Mitglied war, Zeter und Mordio losgehen. Aber das halte ich schon aus. Dennoch hier meine abschließende Bitte an einige Mitglieder dort: Werdet erwachsen und macht endlich wieder ernsthafte Dinge!

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