Eine Frage des Stils

Nach Jahren der wohlüberlegten Absenz wagte ich mich vergangenen Donnerstag und Freitag wieder mitten hinein in ein Golfturnier. Österreichische Journalisten-Meisterschaft, da spielt man halt mit, wenn man viel über Golf schreibt.

Warum?

Sag ich Ihnen: Weil die Wettspielleitung, meine famosen Kollegen von der Golfrevue, als Modus nicht das lächerliche Stableford-System ausgewählt hatten, das irgendein Weichei für andere Weicheier ersonnen hat, sondern das einzig wahre Zählwettspiel. So sollst du Golf spielen, nicht anders, jeder Schlag gilt, Streichresultate sind Kinderkram. Ich will Sie nun aber nicht mit der Erzählung langweilen, wie die Sache für mich gelaufen ist. Ich wurde nicht Letzter. Viele Kollegen fanden sich am Ende von Tag 2 am Leaderboard allerdings nicht mehr hinter mir.

Meine Scorecard: ein Drama. Sie sehen oben eh selbst. Ich kenne mich als Golf Writer beim Thema zwar ganz gut aus, bin spielerisch auch schwer bemüht, aber halt nicht so rasend talentiert.

Viel spannender:
Am zweiten Tag spielte ich mit dem Kollegen T., der mir seinerzeit als Paris-Korrespondent des ORF immer wieder von diversen ZiB-TV-Schirmen entgegen analysierte. Ich lernte: Der Mann hat während dieser Zeit französischen Lebensstil inhaliert und den zelebriert er jetzt auch im stilistischen Entwicklungsland Österreich.

Denn stellen Sie sich bloß vor: Ich fabrizierte glatt einmal ein Birdie. Für nicht-Golfer: Ich benötigte einen Schlag weniger, um den Ball ins Loch zu bugsieren, als der Platzdesigner an der entsprechenden Spielbahn vorgesehen hat. Keine schlechte Leistung, auch Profigolfer nehmen Birdies jederzeit dankend an. Bei mir sind diese Scores jedoch seltene Ausnahmefälle, Einhörner in freier Wildbahn kommen öfter vor.

Aber jetzt T. Für Fälle wie diesen hab ich heute ein Schnapsflascherl eingesteckt, sagte er.

Man schritt zum nächsten Abschlag und dort kramte T. tatsächlich einen Flachmann aus den Tiefen seines Bags hervor, welchen er mir reichte, um das Birdie zu feiern. Feinste Marille. So mag ich das. Wäre ich ein besserer Golfer und spielte öfters mit T., ich käme laufend zärtlich beduselt von einer Runde zurück ins Clubhaus.

Jedenfalls: Ich habe auch schon mit Flightpartnern gegolft, die sich bei einem Birdie der Mitspieler vor Neid am liebsten in die Lippe gebissen hätten. Weil ich vom Zugang zum Spiel her – nicht vom Können – ja ein ziemlicher natural born Golfer bin, mag ich so etwas dann eher weniger. Umso mehr liebe ich es, wenn einer Stil hat und daher vor Freude über das Birdie eines Mitspielers sofort mit einem Schnaps zur Hand ist.

Ist nämlich wirklich eine Frage des Stils. Hat man wie T. lange in Frankreich gelebt, färbt das offensichtlich ab. Aber vielleicht ist´s ja auch das Ausseerland, wo er mittlerweile logiert, das in Sachen savoir vivre ab und zu eh schon recht französisch daher kommt und in manchen Belangen sogar überhaupt richtig knapp an Irland dran ist, the place my heart lies nearest.

Dort trinken sie halt Poitín, nicht Marille. Aber eh wurscht. Schnaps ist Schnaps.

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