Nationalrat

Lassen Sie mich von der ersten Zusammenkunft des neu gewählten Nationalrats erzählen – nachdem ich Ihnen ja bereits von der Wahl berichtet hatte.

Also heute, konstitutionierende Sitzung: Es war ziemlich gedrängt.

Auch an Plenartagen ist es ja, traurig genug, nicht selbstverständlich, dass alle Abgeordneten in ihren schon schwerst renovierungsbedürftigen, abgewetzten Sitzen Platz nehmen. Doch diesmal: volles Haus im Hohen Haus. Auch die Galerien zum Bersten voll, die beiden Journalistenbereiche prall gefüllt. Normalerweise kann ich mich dort breit machen, wie ich will, weil: kein Mensch da. Diesmal standen und saßen die Kollegen, Kolleginnen und ich eingeschlichtet wie Sardinen in vier, fünf engen gestaffelten Reihen.

Hier ein paar Eindrücke, wild gemischt und willkürlich:

Kathrin Nachbaur, die neue Parteichefin und Klubobfrau im Team Stronach, ist keine besonders gute Rednerin. Schulaufsatzstil, Marke Unterstufen-Redewettbewerb. So hat zu meiner Mittelschulzeit unser Klassenuntalentiertester Gedichte vom Blatt abgelesen. Es ist auch ein wenig peinlich, wenn in den dramaturgisch bemüht eingestreuten Sprechpausen von den 182 anderen Abgeordneten genau vier applaudieren, also nicht einmal alle aus der eigenen Partei. Mag jedoch auch daran gelegen sein, dass Nachbaur erstaunlich viele englische Zitate einstreute, die im Team Stronach vielleicht nicht alle verstanden haben.

Matthias Strolz von den Neos hingegen ist ein besserer Redner. Ein bissl scheint mir persönlich zwar inzwischen diese Geste der gespreizten Arme schon abgenutzt, aber lassen wir sie einfach als Signum der neuen Partei durchgehen, das mitgeholfen hat, neun Abgeordnete ins Parla zu hieven. In jedem Fall ist Strolz, wenn er spricht, ein hoffnungsvoller Flecken bunte Zukunft in all diesem öden Parlamentsgrau der vergangenen Jahre.

Unverändert ist auch Werner Kogler ein Farbklecks im Parla, der nichts von seiner Angriffslust eingebüßt hat, die angesichts der vielen Fehlentwicklungen in der österreichischen Politik aber angebracht ist. Die Grünen hatten übrigens grüne Pflanzen in grünen Gefäßen vor sich stehen, die SPÖ-Mandatare rote Blumen angesteckt, sehr originell. Alev Korun war sogar in knallgrünem Blazer erschienen, und selbstverständlich war auch eine rote Abgeordnete im roten Oberteil anwesend. Wer, konnte ich allerdings nicht erkennen – das Alter, die Kurzsichtigkeit, die Eitelkeit, die fehlende Brille.

Mir scheint auch, dass Laura Rudas ein paar Sitzreihen nach hinten gerückt ist, was durchaus auf die Bedeutung innerhalb der Partei schließen lassen könnte, aber vielleicht irre ich mich ja. Bei Josef Cap ist das jedenfalls definitiv der Fall. Monika Lindner, die neue wilde Abgeordnete, haben sie sitzplatzmäßig ordentlich isoliert. Rechts, links, vor ihr und hinter ihr sitzt: niemand.

Auf der Galerie saßen: der Bundespräsident, selbstverständlich. Heide Schmidt, ehemalige Liberale. Fritz Neugebauer, ehemaliger Parla-Präsi, damals im Dienst wie auch heute außer Dienst völlig unbeweglich. Robert Lichal, ehemaliger Verteidigungsmini, ÖVP-Stahlhelm und lange Zeit Spindelegger-Chef. Norbert Steger, seinerzeit liberales Feigenblatt der nationalen FPÖ, für die seine Tochter jetzt Abgeordnete ist. Muss eine ziemliche Mischung aus Stolz und Trauer sein, die durch den ehemaligen Vizekanzler während der Angelobung durchschwappte, vermute ich.

Mir fiel noch auf, dass Frank Stronach immer wieder kurz einzunicken schien, während die anderen sprachen. Seine eigene, neun Minuten kurze und erstaunlich normale Rede beschloss er wieder in alter Frank-Manier, er sagte:

Ah, das Licht da blinkt jetzt schon ein bisserl, das muss ja alles seine Ordnung haben, aber es freut mich, dass ich neun Minuten gehabt habe, im ORF geben sie mir immer nur ein oder zwei.

Doch diente er niemandem einen Wirtschafts-Kurs an und teilte auch keine Beschimpfungen an Menschen aus, die noch nie Löhne gezahlt haben. Nein, Stronach entschuldigte sich sogar gleich zu Beginn seiner Rede für entsprechende Ausrutscher aus dem Wahlkampf, was schwer in Ordnung war. Es herrschte übrigens mucksmäuschenstille Stille im erwartungsvollen Parla, unten im Plenum wie auch oben auf den Galerien, als der alte Herr nach vorne in Richtung Rednerpult schritt.

Mucksmäuschenstill, keiner schwätzte, alle hörten aufmerksam zu! Das hat es im Hohen Haus, wie ich es bisher erlebte, noch nie gegeben.

Aber als dann die Grüne Eva Glawischnig forderte, die Bildungspolitik zum koalitionsfreien Raum zu machen, die Neos begeistert klatschten und Minuten später Gabriele Heinisch-Hosek von der SPÖ am Rednerpult klarstellte, dass ihre Partei sich mit koalitionsfreien Räumen nicht so wohl fühle, da war in diesem neuen Nationalrat dann eh ganz schnell alles wieder so, wie es im alten war.

Meine Prognose: Vom versprochenen „Regieren neu“ wird schon bald aber auch schon so etwas von keine Spur mehr zu sehen sein, dass es ein Trauerspiel ist.

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