Im Vaterunser

Ich lese vom Paternoster im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz, angeblich der älteste noch in Betrieb befindliche Umlaufaufzug der Welt, denkmalgeschützt mittlerweile. Und erinnere mich. Rund vier Jahre habe ich dort gearbeitet, weil ich als Redakteur des Wochenmagazins „industrie“ im zweiten Stock des Gebäudes meine Redaktionsstube hatte.

Ich fuhr jeden Tag mit dem Paternoster, mehrmals. Knarzend und sanft schaukelnd beförderten mich die mit elegantem Holz braun getäfelten Kabinen nach oben oder unten. Draußen schmolzen die Stockwerke hinauf oder hinunter. Manchmal huschte am Gang eine Sekretärin vorbei, ab und zu auch Herbert Krejci, der schon damals ein so weißhaariger Herr war wie heute. Legendär waren im Haus die Gespräche über seine Anzüge, sämtliche von ihnen maßgefertigt, mit einer konservativen Beinfreiheit unten, die früher, so ließ ich mir bei mehreren Gelegenheiten erklären, guter Stil war. Auch Politiker sah ich aus dem fahrenden Paternoster heraus manchmal den Gang entlang in Richtung Generalsekretariat eilen, wo Krejci Dienst tat. Er war damals jener Mann, welcher die Industriellenvereinigung zur einflussreichsten Institutionen des Landes machte.

Der Paternoster also.

Ich erinnere mich, als ich einmal Tochter Julia zu einer Fahrt rundherum mitnahm. Der Kleinen, sie war damals schätzungsweise vier oder fünf Jahre, gefiel das. Natürlich war ihr anfangs ein wenig mulmig zumute. Wie mir, als ich das erste Mal oben und unten nicht ausstieg. Dann wurde es plötzlich finster, knarzte ein wenig lauter, zwischen den sich auftuenden Spalten der Kabinen, wenn sie von der einen auf die andere Liftseite verschoben wurden, sah man schemenhaft das Räder- und Kettenwerk, kurz nur, für eine oder zwei Sekunden vielleicht. Es rasselte ein wenig, man konnte es kurz gruseln lassen und sich ausmalen, wie es sein würde, würde man nun unten, tief im Bauch des Liftes, in den Steinkellern des weitläufigen Hauses der Industrie, stecken bleiben. Und schon ging es wieder aufwärts. Sobald sie es gewohnt war, wollte Julia immer wieder unten und oben herum fahren.

Ich selbst nutzte den Paternoster manchmal, um nachzudenken. Denn fast immer war es bei der Fahrt mit ihm ruhig. Und in den Umkehrhohlräumen oben und unten herrschte bis auf das Knacken und Rasseln die totale Stille, es war nachtgrau, die perfekte Atmosphäre für den einen oder andern aus dem Arbeitsalltag gerissenen Gedanken.

Eine Geschichte noch:

Die Industriellenvereinigung hielt mehrmals im Jahr ihre sogenannte Sitzungswoche ab. Da kamen dann die Funktionäre diverser Arbeitskreise, Zirkel und Bundesländer-Untergrüppchen, um eine Woche lang in allen möglichen Gremien zu beraten und Aktionspfade für die kommenden Herausforderungen festzulegen. Sehr oft waren das honorige alte Herren – nie Frauen. Im Arbeitsleben standen sie nicht mehr. Als Patriarchen, Clanvorsitzende oder angestellte Firmenchefs der heimischen Industrie hatten sie Bruttoinlandsprodukt und Kapital bereits jahrzehntelang im Schweiße des Angesichtes ihrer Arbeiter mit Zähnen und Klauen gegen Gewerkschaften und Sozialismus verteidigt. Auch wenn sie firmenmäßig schon im Ruhestand waren, hatten sie in den Sitzungswochen-Sitzungen doch noch einiges mitzureden.

Aber viele von ihnen waren wirklich schon sehr alt. Und der Einstieg in den Paternoster daher eine rechte Tortur. Obwohl die Kabinen auch damals schon so langsam fuhren, dass sie fast stillstanden, konne sich der eine oder andere Sitzungswochen-Senior oft minutenlang nicht überwinden, den entschlossenen kleinen Sprung vom sicheren Gangparkett auf den dunkelbraunen Teppich der Liftkabine zu wagen. Manche waren bereits so schlecht zu Fuß, dass der Portier Baresch, ein Stier von einem Mann, mit all seiner Körperkraft helfend einschreiten musste. Mehr über Baresch, der ein herzensguter Mensch war, können Sie übrigens hier lesen.

Ich stand dann manchmal im Erdgeschoß verstohlen hinter einer Ecke und sah dem verzweifelten Treiben des verlangsamten Ein- oder Aussteigens amüsiert zu und hatte meine unterhaltsame halbe Stunde in der ansonsten doch eher spaßbefreiten Industriellenvereinigung. Danach sprang ich selbst lässigen Fußes mit einer fließenden, eleganten Bewegung in den Paternoster und fuhr meinem Redaktionsschreibtisch entgegen.

Das ist lange her und ich bin inzwischen auch schon deutlich älter, meine Bewegungen sind weniger fließend und manchmal habe ich das Gefühl, ich gehe mehr und mehr kaputt. Aber der Paternoster fährt noch immer mit derselben Geschwindigkeit, er knarzt, knackt und schlingert genauso verhalten und vornehm wie vor 20 Jahren. Und ich habe soeben beschlossen, dem Haus der Industrie wieder einmal einen Besuch abzustatten und mir eine volle Paternoster-Runde oben und unter herum zu gönnen.

Das Bild des alten Herren Vaterunser übrigens, das Sie hier sehen, ist ein preisgekröntes. Es wurde 2012 österreichisches Wirtschaftspressebild des Jahres. Gemacht hat es der großartige Fotograf Ian Ehm für ein Interview mit den Herren Tumpel  und Sorger, das ich vor knapp zwei Jahren für eine Coverstory im FORMAT führte. Das Making of finden Sie hier. Herbert Tumpel, damals Chef der Arbeiterkammer, ist der Mann links – und Veit Sorger, der frühere Präsident der Industriellenvereinigung, der Herr rechts. Ich überlasse es ihrer Phantasie, mit wem es gerade bergauf und mit wem bergab ging.

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