Bei den Reformzwillingen

Rufzeichen sind einfach nicht mein Ding.

Warum passiert es daher ausgerechnet mir immer, dass Chefreds in meine Titel welche hinein redigieren? Ich habe an zwei Universitäten und bei verschiedenen Profi-Schreibern gelernt: Rufzeichen in journalistischen Sätzen, vor allem in Titeln, sind eine Todsünde. Man tut so etwas einfach nicht – und glauben Sie mir, ich halte mich eisern daran. Wenn Sie also zum Beispiel in einer FORMAT-Geschichte von mir ein Rufzeichen vorfinden, dann gehen Sie davon aus, dass es nicht, keinesfalls, nie und nimmer, aus meiner Tastatur stammt.

Obwohl diesmal: Der Chefred hat überhaupt gleich den ganzen Titel gekippt, was ich eh völlig entspannt sehe, sowas kommt halt vor, was solls.

Schade nur diesmal, weil ich hatte mir für das Doppelinterview mit dem steirischen Landeshauptmann Franz Voves und seinem Stellvertreter Hermann Schützenhöfer einen so schönen, fast schon ein wenig poetischen Aufmacher ausgedacht, der voll gut passt: „Die Kunst der zweieiigen Zwillinge“. War aber wohl zu wenig Holzhammer, denn nach dem chefredakteurlichen Korrekturvorgang wurde daraus: „Immer diese Steier!“

BildAber wurscht jetzt. Die Reformzwillinge Voves und Schützenhöfer (Bild: www.bigshot.at / Christian Jungwirth) saßen mit mir im Grazer Büro von Landesrätin Bettina Vollath, die es extra für uns geräumt und sich für diese eine Interview-Stunde nach wohin auch immer vertschüsst hatte. Die Sache war nämlich die: Direkt diagonal gegenüber von Vollaths Büro tagt der Landtag, und auf der Tagesordnung standen vergangenen Dienstag zwei dringliche Anfragen an den Landeshauptmann. Themen: Pflegeregress und steirische Verwaltungsreform. Wann genau der Landesboss dazu befragt wird, entscheidet die voranschreitende Diskussion, die sich kaum je an Zeitpläne hält. An solchen Tagen sitzt also selbst der Chef eines Bundeslandes nur auf Abruf an seinem Schreibtisch und muss in der Sekunde springen, wann immer die Abgeordneten ihn zu sich rufen. Und weil Voves in der Grazer Burg residiert, also einen knappen Kilometer Luftlinie entfernt, ist das unpraktisch. Daher saßen wir im etwas gruftigen Vollath-Zimmer, aber immerhin mit schönem Blick auf die Herrengasse im Stadtzentrum. Damit Voves rasch vor den Damen und Herren Abgeordneten erscheinen konnte, wann immer sie nach ihm verlangten.

Ich bin kein Fan des steirischen Reformkurses. Ich halte ihn für notwendig, aber nicht so. Man muss das anders angehen. Dass Voves, ausgerechnet der Sozialdemokrat Voves, den Pflegeregress wieder eingeführt hat, ist unverzeihlich. Das ist kalt, herz- und schmerzlos, unwürdig, letztklassig. Es ist sogar illegal, weil die Steiermark damit einen Vertrag bricht, als einziges aller Bundesländer übrigens, den sie mit der Republik Österreich eingegangen ist. Dass auf der anderen Seite die Parteien sich in der Steiermark eine trotz 15prozentiger Kürzung immer noch üppige Förderung gönnen, während sie bei den Angehörigen Pflegebedürftiger abkassieren, macht die Sache nicht besser. Solange diese Regelung in Kraft ist, scheiden SPÖ und ÖVP für mich als Option bei einer Wahl aus, soviel steht fest.

Was ich aber sagen muss und auch will: Voves und Schützenhöfer waren in dem Gespräch erstklassig. Überzeugend, authentisch, locker, angenehm. Das heißt etwas, wenn ich das sage. Denn ich werde in meinem Job von Politikern ständig nach Strich und Faden angelogen. Ich kann ab und zu ein wenig hinter die Kulissen des politischen Alltags blicken. Dort sieht es, bitte glauben Sie mir das, schrecklich aus. Daher neige ich dazu, wenig bis gar nichts von Politikern zu halten. Zwar gibt es Ausnahmen, aber wohl kaum in SPÖ oder ÖVP, die beide ziemlich vorgestrig daherkommen und ganz sicher nicht die Politik machen, die Österreich braucht. Doch ich gewann vorgestern den Eindruck, dass Voves und Schützenhöfer das mit den Reformen in der Steiermark ernst meinen, dass sie es durchzuziehen entschlossen sind, auch gegen innere und äußere Widerstände, und dass sie dafür Respekt und Unterstützung verdienen.

Ich werde daher beim Zusehen und Kommentieren in Zukunft geduldiger und wohlwollender sein, was das Thema notwendige Reformen in der Steiermark betrifft. Räumen wir alle also Voves und Schützenhöfer doch einfach den Handlungsspielraum ein, den sie immer urgieren, um ihre Reformen durchzuziehen. Seien wird jedoch gnadenlos, was den Pflegeregress betrifft. Dieser, sehr verehrter Landeshauptmann Nummer eins und Nummer zwei, ist abzuschaffen, ersatzlos zu streichen, umstandslos und möglichst sofort.

Das ganze Interview übrigens, liebe Blog-Leser, in dem beide Herren den Bundespolitikern Faymann und Spindelegger ordentlich einschenken, finden Sie im neuen FORMAT, das ab morgen an den Kiosken erhältlich ist.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Bei den Reformzwillingen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s