Doppeltiger

So musst du mit 20 erst einmal schreiben können.

Ich ziehe mir immer noch „Axolotl Roadkill“ rein, weil in größeren als homöopathischen Dosen geht das Ding mir nicht ins Hirn. Ein paar U-Bahn-Stationen lang, optimal. Jede einzelne Seite: eine solch irre Verdichtung, dass es soviel Aufmerksamkeit verlangt, das alles zu entwirren und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen, wie ich über maximal zehn Minuten aufzubringen imstande bin. So lese ich das Buch der damals, als sie es schrieb, 17-jährigen Helene Hegemann im fein portionierten Seitenrhythmus, zum Beispiel zwischen Vorgartenstraße und Schwedenplatz (U1) oder zwischen Schottentor und Museumsquartier (U2). Besonders mag ich die Tranche  Volkstheater-Stubentor (U3). Ich bin inzwischen jedenfalls irgendwo in der Mitte. Und nun erschien gerade „Jage zwei Tiger“, der Nachfolger.

Jetzt switche ich zwischen beiden Büchern. Das neue liest sich leichter, ist aber nicht minder gut. Gleich sein Anfang gefällt mir sehr, Lebensweisheit quasi. Ich werde gleich aus dem Start dieses neuen Buches der jungen Frau Hegemann zitieren, die überhaupt und insgesamt so erwachsen daherkommt, dass ich mir unsicher bin, ob das jetzt gut für sie ist. Zu früh in der alles überblickenden Helikopterperspektive durchs Leben rotieren schadet vielleicht dem Wachstumsverlauf in seiner Gesamtheit. Wohin sollst du dich noch entwickeln, wenn du schon als halbfertiger Teenager geniale Sachen machst?

Also, Zitat jetzt:

Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll. Jage zwei Tiger.

Das bringt mich zum gestrigen Grazer Opernball. Nicht dass Sie glauben, ich gehe zu so etwas gerne. Im Gegenteil. Dort hält die totale Lächerlichkeit Hof, da muss ich nicht mit von der Partie sein. Jenes überflüssige Sammelsurium von Grazer und steirischen Provinzgrößen ist dort präsent, die glauben, sie gehören zu den Meistern des Universums, weil sie sich den teuren Eintritt leisten können, von lokalen Kamerateams abgefilmt und von bescheidenen Westentaschen-Adabeis hofiert werden. Sie benehmen sich auf diesem Ball als Herrscher der Welt und wissen gar nicht, dass hinter ihrem Horizont, welcher steirischen Landesgrenzen sind, erst die richtige Welt beginnt. Ich bin diesmal hingegangen, weil die kleine Tochter meiner Nachbarn, mein totaler Liebling, eine Ballett-Berufsausbildung absolviert und bei der Balleröffnung ihren ersten wirklich großen Auftritt hatte. Und wenn einer Neunjährigen dein Erscheinen wichtig ist und du es versprochen hast, dann bist du gefälligst vor Ort, selbst wenn es die Hölle ist, in der du zu erscheinen hast.

Ich bestaunte neben den tollen Ballettschritten der kleinen Tänzerin, die mir ein paar Tränlein des Stolzes in die Augenwinkel trieben, ich bin ja viel zu nah am Wasser gebaut, einen unglaublich peinlichen Eröffnungsredner. Eine unbeholfen choreographierte Polonaise sowie befrackte und abendbekleidete Menschen in höchster Lächerlichkeit. Die Schickeria der Stadt ist in Summe ein so undedeutendes Völkchen der Provinzialität, dass es fast schon Mitleid erregend ist.

Höhepunkt: Der Moderator pries die zwei anwesenden steirischen Reformzwillinge – also den Landeshauptmann und seinen Stellvertreter – auf das Anbiederischste. Auf eine Weise, dass es triefender nicht geht. Wahrscheinlich hofft er auf irgend eine Förderung, oder so. Vier Tage zuvor erst hatte ich mit beiden Herren ein langes Interview, dessen Making of Sie im Blogpost „Bei den Reformzwillingen“ vom 23. Jänner nachlesen können, und das mittlerweile auch auf www.format.at publiziert wurde. Beide Herren, die keine Tiger sind, prosteten sich im großen Saal der Grazer Oper über mehrere Logen hinweg wählerwirksam zu, als der Moderator sie in den Himmel hob. Nicht von dieser Welt, letztklassig.

A propos Doppeltiger. Lassen Sie mich mit einem etwas zusammengewürfelten Vers des großartigen William Blake schließen, welcher der Welt zu seiner Zeit viel Talentiertes geschenkt hat:

Tyger tyger burning bright in the forests of the night

What immortal hand or eye dare frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies burnt the fire of thine eyes?

On what wings dare he aspire, what the hand dare seize the fire?

And when the stars trew down their spears and watered heaven with their tears

Did he smile his work to see? Did he, who made the lamb, make thee?

Tyger tyger, burning bright, in the forests of the night.

Jedenfalls denken Sie dran: Gehen Sie alles am besten immer gleich ganz groß an, damit Sie, wenn Sie schon scheitern, was wohl in der Mehrzahl der Fälle passieren wird (sorry), es wenigstens glanzvoll tun. Vergessen Sie die Welt der Hasen, jagen Sie gleich ordentlich. Jagen Sie zwei Tiger.

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