Verhofstadt

Bild: Lukas Illgner, alle Rechte beim Fotografen
Bild: Lukas illgner

Ich sprach mit Guy Verhofstadt. Das war aus zweierlei Gründen eine Freude.

Erstens rede ich gerne Englisch, auch wenn ich die Sprache nur stümperhaft beherrsche. Zweitens stellen Sie sich bitte folgendes vor: Sie hören im Radio und sehen im Fernsehen, in der Zeitung, den Bundeskanzler, wie er Sprechblasen von sich gibt, um nichts sagen zu müssen. Immer wieder. Die Mehrheit verloren? Sprechblase. Zugesehen, wie eine Bank in Staatsbesitz 19 Milliarden Miese macht? Sprechblase. Steuersenkungen versprochen und Steuererhöhungen gemacht? Sprechblase. Krise, Europa, UNO-Einsätze, Politikverdrossenheit, Orientierungslosigkeit, Verarmung, Wirtschaftsfeindlichkeit, Sozialdumping? Sprechblase, Sprechblase, Sprechblase… Dann der Vizekanzler, Sprechblasenexpediteur auch er, nur irgendwie noch unbeholfener, noch bigotter, noch durchschaubarer, noch frustrierender für Zuhörer und Zuseher.

Und dann aber Verhofstadt, ein richtiger Politiker im besseren Sinn.

Einer, der ein größeres Bild vom Ganzen hat. Der nicht auf stromlinienförmig getrimmt daher kommt, sondern halbwegs locker und lässig. Der eine Ahnung von dem hat, wovon er spricht. Das ist richtig erfrischend, mit so einem zu reden, da könnte man glatt wieder ein wenig Gefallen an der Politik finden und Hoffnung für die Zukunft schöpfen. Der Liberale Verhofstadt war vergangenen Samstag kurz in Wien, um den Nominierungskonvent der Neos-Spitzenkandidaten für die kommende EU-Wahl mit seiner Anwesenheit zu befeuern. Da ging sich ein Interview aus. Sie sehen´s oben im Bild, Verhofstadt ist der Herr rechts, während die dickliche, glatzerte Person links ich bin.

Davor war ein kurzes Medien-Hintergrundgespräch angesetzt, das sämtliche Kollegen schlicht und einfach negierten: Mangels Anweseneheit von Journalisten fiel es komplett aus. Schlecht für die Neos, gut für mich. Weil ich damit der einzige Journi war, der mit Verhofstadt ausführlicher reden konnte, Sie können´s im FORMAT nachlesen, das am Freitag erscheint. Immerhin könnte der Mann theoretisch Nachfolger von José Manuel Barroso als Präsident der EU-Kommission werden, wenngleich das wenig wahrscheinlich ist. Selbst wenn nicht: Verhofstadt ist nicht irgendwer, neun Jahre lang war er belgischer Premierminister, davor Finanzminister. Gegenwärtig ist er ALDE-Vorsitzender, also Chef der Liberalen im EU-Parlament.

Doch jetzt noch einmal kurz Austro-Politiker: Die Nachwuchs-Politikerin der Neos (genau genommen der JuLis, eine Art beigeschlossene Neos-Unterfraktion), die das Hintergrundgespräch organisiert zu haben geglaubt hatte, hat, so scheint es mir, in Sachen Kommunikation Optimierungspotenzial. Vielleicht, liebe Neos, lasst ihr sie noch in einem Unternehmen Medienarbeit lernen, bevor ihr sie zu eurer Kommunikationschefin macht. Chic und hip und eh voll total gut drauf zu sein, reicht als Quali nicht ganz, siehe in die Hosen gegangenes Hintergrundgespräch.

Nämlich: Vor einem Journalisten ganz laut zu sagen: „Das ist halt ein Problem mit der scheiß Direkten Demokratie“, ist zwar vielleicht extra dry und superlässig, aber schon ein klein wenig ungeschickt. Immerhin seid ihr jetzt als Partei im Parlament. Da kann man nicht eine Vertreterin sagen lassen, dass die Direkte Demokratie Scheiße ist. Schon gar nicht, wenn ein Journalist daneben steht. Und nicht, ohne sofort dazu zu schreien: „Das war im Off, das war im Off, schreiben Sie das bitte nicht!“.

Weil sie eben nicht geschrien hat, kann ich jetzt schreiben (ich tu es aber nicht besonders gern, nur sollten Wähler so etwas schon auch wissen): Es gibt zumindest eine nicht völlig unmaßgebliche Neos-Politikerin, die findet Direkte Demokratie Scheiße. Aber wollen wir´s andererseits auch nicht überbewerten. Besser, Direkte Demokratie wird gelebt – und das habt ihr Neos eh vorbildlich drauf – als sie wird bloß behauptet, wie das  die meisten anderen tun.

Guy Verhofstadt käme so ein Sager vermutlich jedenfalls nie aus, der ist ein super Polit-Profi. Höchstwahrscheinlich denkt er es auch nicht. Bei der letzten Nationalratswahl musste ich mich noch zwischen nur zwei für mich wählbaren Parteien entscheiden. Bei der EU-Wahl Ende Mai sind es jetzt schon drei. Es besteht doch Hoffnung, dass in der Politik etwas besser wird.

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2 Gedanken zu “Verhofstadt

  1. Herr Puchleitner, da schreib ich gerne was drauf: 1. Find ich es toll dass Ihnen das Gespräch gefallen hat mit Herrn Verhofstadt. 2. Wenn ich das so gesagt hab, war es wohl im Scherz. Ich arbeite eben nicht nur in diesem Gebilde, sondern bin auch selbst aktiv, und das auch schon öfters als fleißige Antrags-Schreiberin und Rednerin. Mir mag es manchmal lästig sein wenn sich durch Debatten Organisatorische Dinge verschieben, genießen tue ich es trotzdem. Wenn ich es nämlich wirklich scheiße finden würde, wären viele Dinge im NEOS-Programm anders – das schöne bei uns ist nämlich, das man durch die Demokratie die wir bei den Mitgliederversammlungen hat, auch noch vieles mitbestimmen kann. Dass es mich ärgert, wenn unser minutiös geplanter Ablauf sich dann um 1 1/2 Stunden verschiebt, hat eher was mit meinen Nerven als mit meinem Verständnis für direkte Demokratie zu tun. Ich hoffe das war Erklärung genug – meinen Humor dürfen sie freilich schlecht finden 😉

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