Amhrán na bhfiann

Ich erzähle Ihnen heute eine surreale Geschichte.

Der Sommer des Jahres 1964 war kein guter für Nóirín Ní Bhriain. Sie verbrachte viele verzweifelte Stunden am breiten Strand des Kaps, das ihrem Heimatörtchen Clonakilty im Südwesten Irlands vorgelagert ist, hatte keine Augen für die kunstvollen Ecken und Kanten, welche die Vögel mit ihrem Flug in den blauen Himmel schnitten, wenn sie Insekten jagten, weinte manchmal kleine Teiche in den Boden, weil die Tränen schneller nach unten tropften, als sie im Sand versickern konnten, ließ die Flut an sich heranrollen, bis ihr das Wasser an die Hüften reichte, bevor sie aufstand und einige Meter zurückwich. Wäre dieser Sommer nicht ein ganz besonders schöner und warmer gewesen, Nóirín hätte, nass im Meerwasser und im manchmal selbst im August eiskalten irischen Wind und Regen sitzend, eine Lungenentzündung bekommen. So aber ging sie dann einfach nach Hause, wanderte den langen Wasserarm entlang, den das Meer hinter dem Kap ins Land gefurcht hatte, wusch in ihrem kleinen Appartement das Salz aus Rock, Strümpfen und Unterwäsche, wickelte sich in eine dicke Decke und fuhr fort mit ihrer Verzweiflung.

Ich kann mich als Mann natürlich in Frauen nicht hinein denken, die ungewollt schwanger werden und die auf den Verursacher dieser Schwangerschaft verzichten müssen, weil er sich bei Nacht und Nebel verabschiedet hat. Ich weiß nichts von der Einsamkeit, die sie dann möglicherweise empfinden, oder von der Furcht vor dem, was kommen könnte. Ob sie größer ist als die Freude, weil da in ihnen etwas heran wächst, oder ob es diese Freude in vielen Fällen vielleicht gar nicht gibt. Damals jedenfalls, kurz nach der Mitte des 20. Jahrhunderts, war eine vater- und vor allem ehelose Schwangerschaft in Irland eine Katastrophe. Sie abzubrechen im bigotten Katholizismus des Landes, an dem Zehntausende scheiterten oder für den Rest ihres Lebens litten, unmöglich. Es war verboten und jene Frauen, die das Pech hatten, schwanger zu werden und auf dem Land zu leben, konnten bestenfalls in die Anonymität Dublins fortgehen und dort eine herzzerreißende Geschichte von einem Verkehrsunfall oder Ähnlichem erzählen, jedenfalls von einer dramatischen Tragödie, die den Kindesvater das Leben gekostet hatte. Oder sie suchten sich einen schlecht ausgebildeten, schlampigen, meistens versoffenen und charakterlich in aller Regel fragwürdigen Kurpfuscher, überreichten ihm alles, was sie oder die Eltern gespart hatten, und ließen das Kind im schmutzigen Hinterzimmer eines verlumpten Hauses, nicht selten irgend eines Pubs, verschwinden.

Das war der Weg, den Nóirín schließlich gewählt hatte, und sie hatte Pech damit. Eine Infektion, kurzes Leid mit einigen Schmerzen, zwei, drei einsame Tage im Bett ihrer Wohnung, der letzte davon bereits in einem delirösen Dämmerzustand, der kein Bedauern und zu Nóiríns Glück auch keine Angst mehr zuließ. Nachbarn fanden sie schließlich, der Leichnam der jungen Frau wurde in die Stadt Trim überführt, wo ihr Vater lebte, und der ließ Nóiríns Körper auf dem schönsten Friedhof bestatten, den Irland zu bieten hat. Dort wartet ihr Grab nun auf die Ewigkeit und der Vater hatte das Herz, auf den inzwischen verwitterten Stein nichts einmeißeln zu lassen. Nur einen kurzen Satz, mit dem er seine Tochter um Verzeihung dafür bat, dass er nicht da war, um ihr zu helfen: „Nóirín, mo chroí in pian“. Kein Geburtsdatum, kein Sterbedatum, nichts. Nur der Vorname und dieser spartanische Hinweis für alle Besucher, dass hier etwas Schreckliches geschehen war: „Nóirín, mein Herz in Schmerz“. Keiner der Menschen, die vorbei gehen, weiß, wann die bedauernswerte Irin geboren wurde, wann sie gestorben ist.

Außer mir. Denn folgendes: Nóirín muss ein guter Mensch gewesen sein. Das Universum wollte sie nicht einfach so gehen lassen, ohne dass eine Spur von ihr in der Welt blieb. Diese Spur bin ich. Kurzerhand nämlich wurde irgendwo, von irgendwem, beschlossen, dieses abgetriebene Baby nicht in die übliche große Masse des Nichts diffundieren zu lassen wie die meisten anderen, sondern das Schicksal wurde, wie das in seltenen Fällen geschieht, mit der Auslieferung beauftragt. In Österreich gab es ein Ehepaar, das es viele Jahre lang mit der Produktion von Nachwuchs versucht hatte, erfolglos allerdings, die beiden waren zu ungeschickt für alles, auch eine ordentliche Ehe hatten sie nicht hinbekommen und selbstverständlich nicht einmal eine ordentliche Scheidung. In stummem Zorn lebten sie vor sich hin und arbeiteten stupide und fehlgeleitet an Nachwuchs. Dorthin schickte das Universum das ungeborene Kind und zur Überraschung aller Beteiligten kam ich auf die Welt. Problemlos war das nicht, denn durch die in großer Eile getroffene Entscheidung meiner Umleitung war der Körper meiner Mutter nicht wirklich bereit. Obwohl sie sich ein Kind gewünscht hatte, überraschte die Schwangerschaft ihre Hormone, nach neun Monaten kam es schließlich zu einem Kaiserschnitt. Auch wenn ich mich natürlich nicht mehr daran erinnere, bin ich sicher, dass mir das nicht gefallen hat. Und wenn ich mir nun, als Erwachsener, bei den seltenen Familientreffen meine Verwandten so ansehe, ihnen beim Reden zuhöre, sie beobachte, wenn sie mir beim Reden zuhören, dann umfasst mich regelmäßig mit heftigem Griff das verschleierte Gefühl, dass ich irgendwie vertauscht worden sein muss. Ich weiß zwar, dass das nicht sein kann, weil ich meinem Vater zum Verwechseln ähnlich sehe, meine unglaublich große Nase zum Beispiel die seine ist, aber ich will dann jeweils nicht umhin, mir zu denken, dass ich mit all denen einfach nicht verwandt sein kann. Dann fühle ich mich wie ein Alien in dieser Welt, ziemlich allein gelassen. So allein, wie Nóirín es damals gewesen sein muss.

imageNur wenn ich Irland besuche und den Fuß auf den Boden dieser Insel setze, die ein unsichtbares Band an mein Herz gelegt hat, komme ich mir nicht einsam vor, sondern fühle mich mit etwas verbunden, von dem ich nicht weiß, was es ist. Und als ich vorigen September am Strand des Kaps vor Clonakilty saß, wo ich zuvor noch nie in meinem Leben gewesen war, den Möwen über mir zusah, schoss mir auf einmal die Idee in den Kopf, hier zuhause zu sein. So seltsam war das, dass ich lachen musste, was ein paar Spaziergänger verwirrt haben mag.

Und auch den Friedhof gibt es, die Gräber gruppieren sich um eine kleine Kirche oben am Hügel von Tara, sagenumwoben dieser, in der Nähe von Trim, jene Stadt, die das älteste und größte aller zumindest einigermaßen erhaltenen Normannenschlösser der Britischen Inseln beschützt. Aber natürlich bin ich Österreicher und es wäre, wie gesagt, surreal, zu denken, jemand hätte mich ursprünglich für Irland vorgesehen. Trotzdem, kein schlechter Gedanke.

Und so verbringe ich den heutigen Sonntag eben damit, endlich die irische Hymne zu lernen. „Amhrán na bhfiann“ heißt sie. Und morgen, wenn St. Patrick’s Day ist, der Nationalfeiertag Irlands, werde ich sie können. Vermutlich muss ich im Laufe des Tages nach Wien fahren. Ich werde dann im Auto, wenn mich keiner hört (ich kann nämlich überhaupt nicht singen und bin in musikalischer Hinsicht weitgehend talentfrei), Amhrán na bhfiann singen. Als Hommage an die Heimat der frei erfundenen Nóirín Ní Bhriain.

Das würde ihr gefallen, glaube ich.

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