Lesen, wenn der Tod sich anpirscht

Sie wissen eh, dass ich im Moment nicht gut drauf bin, oder? Ziemlich gaga, irgendwie.

Ich komme mir vor, als pfeift der Wind durch mich hindurch. Vermutlich kommt das daher, dass ich glaube, langsam kaputt zu gehen, Bandscheibenvorfall letzten November, Schleimbeutelentzündung im Dezember, Muttermal herausgeschnitten im Jänner und so weiter, dieses ganze idiotische Zum-Arzt-gehen, als wäre ich mein eigener Großvater, das ist sowas von Bullshit, und scheiß auf den Februar, den März und den April, was die gebracht haben und noch bringen, ist mir auch schon egal. Ostern jetzt, sowieso der totale Beschiss, zwei Eier bloß, Regen über dem Feuer und insgesamt ein Wetter zum Vergessen. Erkältung, eh klar. Brauch ich nicht. Vielleicht liegt der Frust auch daran, dass Weihnachten mir heuer die Ohren mit einer so gnadenlosen Langeweile zugedröhnt hat wie noch kein Weihnachten davor, und Silvester ist ja überhaupt das Idiotischste, diese ganzen besoffenen Schampus-Feierer. Früher war das noch halbwegs okay, weil das hältst du als Junger schon aus, einmal im Jahr, wenn dir alle auf pseudolustig kommen, manchmal ist sogar Mitfeiern eine Option, eine akzeptable natürlich nie, aber was ist schon eine akzeptable Option, heutzutage.

Jetzt allerdings Facebook, das versetzt die Dimensionen noch einmal hinauf in den Himmel, wo einer wie ich sowieso die Hölle vermutet, auf einmal posten die Durchgeknallten dort alle Fotos von Christbäumen und Sektflaschen, ich meine, das ist ja überhaupt das Bescheuertste, warum sollte einer, der noch halbwegs im Besitz seiner kognitiven Fähigkeiten ist, eine Allerweltsflasche mit Alkohol aus irgendeinem Supermarkt abfotografieren und das Bild ins Web stellen, wo doch genau zu diesem Zeitpunkt, an dem er auf Posten klickt, das schätzungsweise auch noch dreihundertachtundneunzigtausend andere Seichte im Land ganz genauso machen.

Total uncool.

Da sitzt du dann zu Hause, beklagst dich angepisst beim Universum, dass gerade in der Sekunde keine Frau vorhanden ist, mit der du ein Glas Wein auf- und danach was weiß ich was machen kannst, damit das alte Jahr wenigstens gut endet und das neue nicht ganz so dramatisch losgeht, also ich meine, da kann man schon ein wenig gaga werden, oder? Die Frauen sind ja überhaupt alle das völlig Letzte. Nach Silvester stellen sie sich dann plötzlich an und du gibst dir eh Mühe und bist nett, aber, sowieso klar, eine akzeptable ist nie dabei, am Anfang kommen sie dir alle auf zwitschernd, dass du glaubst, du hast eine Querflöte in der Hand, und erst mit der Zeit hämmern sie dann mit ihren rücksichtslosen Forderungen los, dies hier und das dort und so nicht dafür aber so schon, und überhaupt. Eine will sogar,  dass du ihr ein Gedicht schreibst, aber gleich, in zehn Minuten bitteschön, und dann vorlesen und wehe wenn nicht gut. Und so weiter, die ganze bekackte Partitur der Weiberscheisse. Sowieso: nicht mit mir. Allein bist du in vielen Fällen besser dran. Außer natürlich, das Leben schickt dir wirklich die eine, was es aber maximal einmal im Leben macht, und wenn du dann nicht einrastest, Pech gehabt.

Doch jetzt Silvester, wie gesagt. Weil da kommen ja dann auch noch die Heiligen drei Könige und du musst dir darüber Gedanken machen, warum die Katholische Kirche, dieses ausgeklügelte Folterinstitut brandgeschatzter aber sonst womöglich noch ansatzweise in Betrieb befindlicher Seelen, einmal pro Jahr ganz offen Kinderarbeit praktizieren lassen darf, ohne dass ein Shitstorm losgeht, der sich in Weihwasser gewaschen hat, dass die halbe Welt glaubt, der liebe Gott wird es jetzt gleich einmal so richtig ordentlich tuschen lassen. Und singen können die auch nicht. Und dann schickt dir links die Bandscheibe einen Schmerz ins Hirn, der so grell ist, dass die missbrauchten Kinder draußen vor der Tür rappen könnten und es wäre egal, und die Schleimbeutelentzündung antwortet rechts mit einem Ziehen, als würde der Mikrokosmos sämtlicher bigotter Hilfsorganisationen alle Kinderkönige der Welt direkt ans Schafott der totalen Gnadenlosigkeit liefern, Fallbeil, und aus.

Jedenfalls sitze du jetzt beim Arzt und ekelst dich vor den rotzigen Röchlern der alten Omas und vor den beschissenen Viagra-Blicken der verschlissenen Opas, mit denen sie die paar jungen Frauen abchecken, die irgendwie auch immer da sind, und denkst dir, wie scheiße es ist, wenn du älter wirst, und dass das aber jetzt so weitergehen wird, bis du wirklich alt bist. Ich meine, nicht dieses rosenblattfarbene und gesellschaftlich voll akzeptierte Werbeplakatalter, sondern das richtige, das grausame Alter, das ungustiöse und abstoßende, das dir Ekzeme schickt und dich in Schleim absaufen lässt und dir jeden Tag mit einer beschissenen Angst vor allem droht und das dir einen Arsch macht, der dauernd auf Grundeis parkt, und so weiter. Den Arzt wechseln bringt es nicht, damit du das alles nicht sehen musst, weil entweder bist du reich und der Arzt kommt zu dir und tut, was du willst, oder du musst das aushalten, weil diese Wartezimmer sowieso alle ganz genau dasselbe Elend sind, weil in jedem einzelnen der Tod Hof hält und sich was aussucht, an das er sich anpirschen kann, und da sitzt du dann mittendrin, so lange, bis er sich auch an dich heranmacht, also jahrelang, ein ganzes elendes Leben als Alter lang.

Aber wenigstens liest du, und das ist gut so. Gegen die röchelnden Omas und sabbernden Opas kannst du wenigstens vor Ort den Kindle entflammen. In die andere, bessere Welt der Lyrik abhauen. Der englischen, weil Deutsch ist ja ein totales Desaster, nur was für von allen Lehrern der Welt blöd gedroschene Sprachbrutalos. Goethe war ein Dilettant, Rilke ein Schwachmatiker. Yeats hingegen, aah, Yeats. Oder William Blake. Die haben gedichtet. Goethe hat bloß gerotzt.

Aber egal, das alles wollte ich Ihnen heute nur einmal sagen. Und nur zur Sicherheit, falls Sie jetzt vor Entsetzen rotieren und daran denken, sich bei mir zu melden, um mich zu beruhigen: Das ist sehr nett und vielen Dank – aber keine Angst, das ist eine erfundene Geschichte. Sie erscheint in der Kategorie „Stories“. Naja, sagen wir, fast alles ist erfunden. Ein bissl was, aber eh nur sehr wenig, ist auch frei interpretiert.

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