Hotels

Britische Hotels, vor allem am Land.

Herbergen fernab der Städte – bei uns sind das meistens einfallslose Frühstückspensionen. Blumen in quellenden Wellen von schweren Holzbalkonen hängend, träger Alpen-Bombast aus der österreichischen Provinz jedenfalls. Aber auf den Britischen Inseln! Da sind das „Country Houses“. Die meisten sehen von außen genauso großartig aus, wie das klingt. Ich zeige Ihnen hier Beispiele aus der Region Royal Deeside. Der Dee ist ein Fluss und mündet bei Aberdeen in die Nordsee – „royal“ nennt sich das Ganze, weil die englische Königsfamilie ihr Sommerschloss Balmoral Casle in der Gegend unterhält, der Dee fließt streckenweise sogar über königlichen Grund und Boden.

Doch glauben Sie nicht, der äußere Eindruck dieser pittoresken Herbergen entspricht immer dem Inneren. Der Schein ist oft mehr als das Sein. Man muss schon genauer hinsehen, denn viele der Country Houses tragen das Handicap durchaus schrulliger Besitzer, haben Schwierigkeiten mit dem warmen Wasser, leiden unter schwerster Plüschologitis oder sind vom Serviceverständnis des Personals her ein wenig, nun ja, eigenartig. Einzigartig und so gut wie immer einen Aufenthalt wert sind sie aber trotzdem.

Bild: Banchory Lodge
Bild: Banchory Lodge

Zum Beispiel die Banchory Lodge, deren Lage ein Traum ist – direkt am Dee-Ufer, welches den romantischen Fluss mit manikürtestem Gras umschmeichelt, auf dem Teak-Bänke dekorativ verteilt sind, ein britischer Country-Traum. Drinnen gehst du dann dafür, wie in so vielen dieser Landhotels, auf zentimetertiefem Flausch, dem man an manchen Stellen die Jahrzehnte deutlich anmerkt. Alles riecht ein wenig nach Chemie, weil halt die Reinigung… Ich weiß wirklich nicht, warum die Briten immer diese superhässlichen, in die Jahre gekommenen Spannteppiche über ihre darunter an sich ja vorhandenen schönen alten Holzböden legen müssen. Markenzeichen aller dieser kleinen Boutique-Herbergen auf dem Land: verwinkelte Gänge, Durchgänge, Übergänge und so weiter. Außerdem: durchaus ungewöhnliches Personal, was gar nicht böse gemeint ist. Die Herrschaften sind halt nicht selten very british und daran muss man sich als Mitteleuropäer erst einmal gewöhnen.

In der Banchory Lodge wusste zum Beispiel unsere Gruppe von Golfjournalisten ein ganzes Dinner lang nicht, ob hier ein Mann oder eine Frau serviert – was übrigens für an die hundert Millionen Europäer am selben Abend auch galt, als sie im Semifinale des Eurovisions Song Contests Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst auftreten sahen. Männlein, Weiblein – wäre grundsätzlich ja auch völlig egal. Er oder sie servierte den Weißwein aber prinzipiell lauwarm, geriet in Panik, als nach Kühlung verlangt wurde, und füllte sämtliche Gläser mit Verve jeweils zur Gänze. Zum Steak gab es keine Gabel – als ich nach einer verlangte, erhielt ich ein zweites Messer, was keinesfalls auf ein Sprachproblem zurückzuführen war. Seine oder ihre servierenden Kollegen agierten irgendwie ebenfalls ein wenig strange und waren es wohl auch. Wir wussten nicht so recht, ob das alles Ernst war oder hinter irgendeiner Ecke das TV-Team von „Candid Camera“ lauerte. Der Kollege R. gewann hernach jedenfalls die Überzeugung, beim Hotelbetrieb in der Banchory Lodge handle es sich in Wahrheit um ein vom schottischen Staat gefördertes Sozialprojekt zur Reintegration langzeitarbeitsloser Problemfälle. Halte ich für plausibel.

Bild: Raemoir House
Bild: Raemoir House

Am nächsten Tag dann Raemoir House. Das Country Hotel verfügt über einen Heliport, dafür aber zumindest in einigen Räumen über kein Wlan und über nur wenig warmes Wasser. Mit diesem Rinnsal kann keiner duschen. Auch hier agierte einer der Kellner in Ansätzen ein wenig spastisch. Ein anderer – der, der mir mein Zimmer zeigen sollte – fragte mich bei der Schlüsselausgabe, ob ich ihm erklären könne, wo es sich befinde. Kann ich nicht, antwortete ich, schließlich bin ich zum ersten Mal hier und habe keine Ahnung. Für den Mann galt das wohl auch, denn er wusste nicht mehr weiter. Dafür erklärte später beim Dinner der Hotelbesitzer, ein ausgesprochen freundlicher und engagierter Mensch, man wolle sich in Zukunft auf die Klientel russischer Milliardäre konzentrieren, die im Hubschrauber anreisen und jeweils das ganze Haus mit all seinen 20 Zimmern wochenlang mieten. Wird nicht leicht werden, ohne nennenswert fließendes Warmwasser und kompetente Servicierung. Aber ich drücke dem sympathischen Mann die Daumen – und falls unter den Blog-Lesern ein russischer Milliardär ist: Fliegen Sie hin, es gibt dort ein superschönes großes H in der Wiese, auf dem Sie ihren Hubschrauber parken können. Und glauben Sie mir, Warmwasser in der Dusche wird ohnehin überschätzt. Es geht entweder auch kalt oder Sie warten halt eine halbe Stunde, bis es tröpfelt.

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 15.50.34Ordentlich hingelangt hat hingegen Milliardär Donald Trump. Nördlich von Aberdeen baute er seinen eigenen Golfplatz. Linksgolf vom Feinsten, soviel steht fest. Aber das genügte dem reichen Onkel aus Amerika nicht, es musste auch ein richtig kitschiges Hotel sein – mitten am Golfplatzglände, das er den ortsansässigen Schotten in langen und mühsamen Diskussionen zuerst abgetrotzt und dann abgekauft hatte. Trump behauptete eine schottische Urgroßmutter, von der bis heute niemand weiß, ob es sie wirklich in dieser Form gegeben hat. Jedenfalls sei sie, so sagte Trump, eine Nachfahrin des berühmten alten MacLeod-Clans gewesen und darum wolle er sein Hotel auch „MacLeod House“ taufen. Das Projekt wurde umgesetzt. Und nun steht eben MacLeod House neben dem Golfplatz, sieht von außen – da hätten wir´s wieder – recht passabel aus, haut dich von innen aber richtig um, wenn du dich nicht mental gegen all den schweren Kitsch wappnest.

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 15.31.40Außer den Feuerlöschern (die sind chrombehübscht) gibt es in MacLeod House vermutlich keinen Gegenstand, der mit Gold nicht zumindest verziert ist. Die Heizkörper zum Beispiel: goldfarben. Die ohnehin schon auslandend geschmacksverwirrten Ledercouches: goldene Ziernähte. Die Bettdecken: golden. Lampen, Luster, Gläser und so weiter: goldumrahmt. Gold, Gold, Gold. Das – erstklassige und unglaublich freundliche – Hauspersonal erzählt stolz, der Besitzer habe beim Design selbst Hand angelegt. Vertrauen Sie mir, wenn ich ihnen versichere: Die Sache ist best of hässlich. Und nicht billig – wer hier für 600 Pfund die Nacht (inklusive Golf-Greenfee) in einem Standard Room absteigt, riskiert ein Loch in der Brieftasche und möglicherweise eines in seinem Geschmack. Ich durfte ein Foto jenes Bedrooms machen, in dem Donald der Reiche angeblich selbst nächtigt, falls er sich einmal an Ort und Stelle verfügt. Allein das Bad ist größenmäßig schon ein halber Fußballplatz, der Rest ist Kitsch, Kitsch, Kitsch.

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 15.31.14Dafür ist Kincardine Estate die Wucht. Es handelt sich hier nicht so richtig um ein Hotel, sondern mehr um das private Zuhause von Schlossher Albert und seiner Frau Nikki. Die zwei laden sich gerne Gäste ein und die wohnen dann für die Dauer ihres Aufenthaltes mit Lord und Lady gemeinsam in deren Schloss. Frühstück und Abendessen nimmt man mit den Schlossherrn im Speisezimmer ein, dessen Wände schwere Gemälde der Vorfahren schmücken. Eine von ihnen ist jene Dame, die seinerzeit Jane Austen zum Schreiben ermutigte und ihre ersten Versuche auch finanziell unterstützte. Ein anderer Ahn war jener Mensch, der das Grab Tut-ench-Amuns entdeckte und ausschaufelte. Albert und Nikki laden nur Gruppen ein, man sollte also zumindest zu sechst sein, will man hier wohnen.

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 15.30.07Ganze Chefetagen größerer Konzernen kommen etwa sehr gerne immer wieder für ein paar Tage hierher, um Klausuren in der Abgeschiedenheit von Royal Deeside abzuhalten. Auch Jagdtrupps logieren manchmal in Kincardine Castle, zudem Golfer. Sie alle wohnen dann in den 17 verschiedenen Schlafzimmern der Schlossherrn, sitzen abends mit diesen vor dem Kamin und lauschen Alberts witzigen Stories aus der Geschichte von Royal Deeside und seiner Familie – oder lustwandeln tagsüber durch den tollen Garten, der wirklich best of ist. Es duftet und blüht hier, dass es nur so eine Freude ist. Albert pflegt alles selbst und hat überhaupt nichts dagegen, wenn einer seiner Gäste zur Entspannung mit Hand anlegen möchte. Eine Krampe, Gummistiefel und Handschuhe sind dann jeweils schnell ausgefasst und man darf sich umstandslos wie ein Schlossherr fühlen, der gerade seine Rosen beschnipselt.

Die Sache hat was, sage ich Ihnen!

Bild 8Zum Schluss jetzt noch Gleneagles, ich versprach das im letzten Post. Wir sprechen hier natürlich von keinem Country House, sondern von einen ausgewachsenen Hotelkasten, wie sie an großen Sommerfrische-Destinationen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden. In Biarritz stehen solche Häuser, in Deauville auch, selbst das Panhans am Semmering ist so ein Ding. Das Gleneagles-Hotel wurde seinerzeit von der britischen Eisenbahngesellschaft errichtet und verfügt daher sogar über seinen eigenen Bahnhof. Ein großartiges Luxus-Haus, das allen Schwung aus der Zeit seiner Errichtung in die Gegenwart übernommen hat.

Bildschirmfoto 2014-05-12 um 15.30.57Wenn sie im Urlaub gerne stilvoll logieren und bereit sind, dafür ordentlich Kohle hinzulegen, werden Sie Gleneagles mögen. Toller Park rund ums Haus, weitläufiges Gelände, Seen, Philodendren ohne Ende und überhaupt die ganze großartige Bepflanzung! Sogar eine Araucaria Araucana, eine chilenische Andentanne, habe ich gefunden. Die Dinger werden über tausend Jahre alt, wachsen extrem langsam und extrem gerade, sie haben fischgrätartige Nadeln. Drei Golfplätze gibt es, man kann das Offroadfahren erlernen, das Tontauben- und Bogenschießen, Rasentennis spielen, mit Habichten auf die Kaninchenjagd gehen, Gundogs trainieren und so weiter. Alles halt, was dem stilvollen britischen Lord und jenen Spaß macht, die gerne einer wären. And for his Lordship´s lady fair stehen selbstverständlich weitläufige Spa-Facilities bereit, indeed.

Und natürlich kann man auch gut Essen gehen. Was heißt gut: Im Gleneagles-Gebäudekomplex liegt das „Andrew Fairlie“, das beste Restaurant Schottlands. Hmmmmm, möchte ich an dieser Stelle anmerken!

So, abschließend jedoch: Ich möchte keine Missverständnisse aufkommen lassen, daher empfehle ich die tollen Gegenden von Perthshire (Gleneagles) und Aberdeenshire (Royal Deeside) dringendst zum Aufenthalt. Es ist wunderschön dort. Und Sie können, wenn Sie möchten, das großartigste Golf ihres Lebens auf unzähligen, zum größeren Teil genialen Kursen spielen, von denen wir Österreicher sonst nur träumen. Die Country Houses, also die dortigen Landhotels, sind trotz aller manchmal vorhandenen Schrulligkeit durchaus einen Besuch wert. Fahren Sie hin und machen Sie sich selbst ein Bild. Mir hat´s jedenfalls insgesamt ausgezeichnet gefallen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s