Best of Böse

Jaguar_F_TypeFriedlich und zufrieden chillt das Raubtier jetzt gerade in der Grazer Franckstraße vor sich hin, die Ohren angelegt, wie sich das für modernes Straßenvieh heutzutage gehört. Auch nicht wirklich atemlos, weil ich eine Bestie wie diese gar nicht atemlos machen kann. Da kann ich mich noch so bemühen. Für den F-Type war das Kurvengeläuf der alten Packer Bundesstraße vermutlich höchstens ein netter kleiner Vormittags-Workout, anstrengungsbefreit, einfach nur Zeitvertreib für die Bewältigung der Langeweile – bis wieder ein Fahrer kommt, der es wirklich draufhat.

Ich muss auch zugeben, nicht einmal die Reifen haben irgendwo ein bissl gequietscht – trotz Kurventempi hier und da, die für meine bescheidenen Verhältnisse schon ein bissl forciert waren. Das neue Coupé, erst seit ganz kurzer Zeit auf dem Markt, ist in seiner R-Version halt ein echter Rennwagen, den ein alter Herr wie ich keinesfalls artgerecht zu bewegen in der Lage ist. Aber lustig war es trotzdem und im Vergleich zu Ausfahrten mit meinem braven Versicherungsvertreter-BMW, der langsam in die Jahre kommt, war ich soeben eine Stunde lang gefühlt der große Ayrton Senna. Auch in meinem Schneckentempo, denn das Auto hat nämlich: eine Soundtaste.

Die Soundtaste also.

Es ist ja nicht so, dass der Jag grundsätzlich ein schnurrendes Kätzchen wäre. 550 PS schärfen die Akustik schon per se ganz gehörig. Das ist ein Fauchen und Räuspern und Röhren, dass es eine wahre Freude ist. Aber dann gibt es noch diesen kleinen Knopf rechts neben dem Automatik-Joystick. Drückst du den, geht in der Sekunde ein rotziges Sägen und Knattern los, als befändest du dich nun nicht mehr im Universum der normalen Menschen. Dann bist du Rennfahrer, auch wenn du sämtliche Tempolimits berücksichtigst. Der F-Type ist in diesem Modus Best of Böse, selbst mit braven Piloten wie mir. Ist das ein Spaß, mit kleinen Schlenkern des rechten Fußes ein Inferno an Höllentönen loszulassen, ein exemplarisches Wummern, Rasseln, Plotzen und Krachen! In der Stadt geht das wahrscheinlich gar nicht, da lynchen dich die Passanten, wenn sie dich an einer roten Ampel erwischen.

Aber hey jetzt, Tunnels! Ich lasse das Fenster runter, beschleunige mit einem hysterischen Kreischen rauf auf 130, wo es erlaubt ist, und trete ruckartig dann vom Gas zurück. Die Kanonen der Schlacht von Waterloo ballern los bis 80 oder 70. Du glaubst, der Berg über dir bricht zusammen. Ich mag das sehr. Die Soundtaste ist mein favorisierter Knopf im Jaguar.

Von Wien nach Graz benötigte ich gestern Abend knapp drei Stunden. Habe ich meine 122 angestammten BMW-PS unter dem Hintern, schaffe ich es am verkehrsarmen Abend locker in zwei, ohne ein Tempolimit zu übertreten. Kurios: Der 550-PS-Jag verzettelte mich deutlich länger. Warum jetzt dieses? Es ist neuerlich die Soundtaste. Bist du frisch in diesem Auto und ist sie aktiviert, glaubst du einfach permanent, du reitest im Zustand der Raserei dahin. Selbst bei unter 100. Zum ersten Mal fiel mir das auf, als ich mit einem akustischen Feuerwerk das kleine Autobahnhügerl hinunter in Richtung Wiener Neustadt galoppierte. Mit zittrigem Griff hielt ich das Lenkrad fest umklammert und dachte frohlockend an Vollgastier Jochen Rindt, Grazer auch er. Ich fühlte mich richtig, richtig schnell, beanspruchte selbstverständlich die linke Überholspur und röhrte glückselig dahin. Dass sich plötzlich von hinten ein Schwerlaster näherte und meinen Rückspiegel mit der Lichthupe unter Dauerfeuer setzte, irritierte mich im ersten Augenblick sehr. Dann sah ich: Der Jag ratterte zwar wie Tempo 250, hatte aber bloß 80 drauf. Da setzt bergab sogar ein 20-Tonnen-Truck locker zum Überholen an und sein Chauffeur ärgert sich grün und blau, wenn ihm ausgerechnet ein halber Rennwagen die Fahrbahn blockiert.

Doch ich sage Ihnen folgendes: Der Trucker war in Sekundenbruchteilen Geschichte. Ein Tipp aufs Gas nämlich und der Jag fetzt so richtig wild los. Ein paar hundert Meter und der Lkw schaffte es nicht einmal mehr zum Pünktlein im Spiegel. 0 auf 100 in vierkommazwei, 100 auf 200 dauert auch kaum länger. Es gibt sogar ein Gyroskop, das man am Touchscreen aufrufen kann, die G-Werte lassen sich abspeichern, damit man sich dann abends beim Bier mit den anderen bösen Jungs vergleichen kann, die sich so ein Auto leisten können.

Und da wären wir auch schon am Schlusspunkt angelangt: ziemlich genau 150.000 Flocken kostet mein Testwagen. Ungefähr 149.000 zuviel für einen armen Schlucker wie mich.

Gott sei Dank habe ich meinen privilegierten Job, der mich ab und zu solche Autos fahren lässt. Sie werden über das Thema Jaguar in der nächsten Ausgabe des feinen Magazins „Falstaff“ so einiges lesen können, im Auftrag dessen großartiger Chefredaktrice ich die Story gerade erarbeite. Auch für das „Format“ wird sich vielleicht ein Kurztest ausgehen. Doch das nur am Rande. Ich will Ihnen noch erzählen, was ich für morgen plane: Ich werde wieder die Soundtaste bemühen und dazu aus meinem via Bluetooth an die starke Audioanlage des Jag gekoppelten iPhone Flogging Molly in den Innenraum schwappen lassen. Härtester Irish Working Class Punk also. Das passt. Wahrscheinlich „What´s left of the flag“, voll aufgedreht natürlich. Danach werde ich zwar für einige Stunden taub sein, aber total wurscht.

Ehrlich, ich liebe dieses Auto.

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