Sonntagswände

Bildschirmfoto 2014-06-02 um 11.48.40Trisselwand, Drachenwand, Traunsteinwand und zwischendurch auch noch schnell einmal die Schallmauer – so lässt ein Sonntag sich gut in den eigenen vier Wänden verbringen. Das Salzkammergut ist ja praktisch meines, weil ich die Gegend so lieb habe. Eine Zeit lang war das früher einmal auch mit einer Ausseerin der Fall – diese Liebe ist wieder gegangen, aber ich fühle mich dort immer noch fast ein bissl zu Hause. Außerdem gehöre ich so halb zu Mondsee, doch davon weiter unten mehr. Jedenfalls stand gestern immer noch der F-Type R zu meiner begeisterten Verfügung, also flinker Sonntagstrip zu den Salzkammergut-Wänden.

Zwar fiel die Trisselwand dann doch aus, die mit dem Altausseer See das schönste aller schönen Salzkammergutgewässer überdacht. Gott sei Dank, denn dort fand ausgerechnet gestern die brutale Massenmenschenagglomeration „Narzissenfest“ statt, der einzige Lapsus Capitalus des guten Geschmacks, den das ansonsten völlig stilsichere Ausseerland sich einmal im Jahr leistet. Beifahrerin B., die ein wirklich schlaues Mädl ist, fand das beim Losfahren in Maria Enzersdorf in Sekundenschnelle heraus, was mich überhaupt nicht wunderte, ist sie doch irgendwie der Herold. Wir mieden das Ausseerland also und zogen in raumgreifenden, geschmeidigen und katzehaften Jaguar-Sätzen los in Richtung Attersee.

Bild: Hackl
Bild: Hackl

Zwischendurch ließ ich den Jag röhren, ich sage nur: Soundtaste. Sie können im Blogpost „Best of Böse“ nachlesen, was das ist und wie das geht. B. erduldete meinen spätpubertären Lärm mit bewundernswerter Contenance, sie ist halt eine 1A-Mitausflüglerin. Die Frauen haben es ja alles andere als leicht, wenn bei uns Männern das Kind durchbricht, sehen wir uns zwischendurch vom Schicksal ans Steuer eines tollen, starken und lauten Autos gespült. Nur einmal kam ihr ein freundlich missbilligendes Das war jetzt schon ein bissl wie ein Prolet über die Lippen, als ich tatsächlich höchst rüpelhaft von einer Raststättenausfahrt direttissima auf die linke Überholspur protzte. Aber lassen wir das jetzt, insgesamt war ich eh superbrav – wie einer halt, für dessen Fahrkünste 550 PS um ganz genau 500 PS zuviel sind. Wir fuhren 50-PS-mäßig zunächst an den grünen, klaren Attersee.

Aber reden wir über die Wände. Ich bin ja praktisch Mondseer und hadere heute noch mit dem Schicksal, das meine Mutter seinerseits ins ihr fremde Graz delogiert hatte. Wenn schon nicht Irland, dann in Gottes Namen halt Mondsee, denke ich mir oft, bin ich vor Ort. Aber der hat in meinem Fall ordentlich gepfuscht, denn warum schließlich Graz der Ort meiner Geburt wurde – ich weiß es nicht. Bei jedem Besuch stehe ich immer kurz am südöstlichen Eck des Mondseer Hauptplatzes vor dem Hotel der Familie Porsche, das früher „Blaue Traube“ hieß und sich ganz früher im Besitz der Familie meiner Mutter befand, bis der Großvater es beim Kartenspiel oder so ähnlich verlor. Von der Geschichte kursieren verschiedene Versionen, sie nimmt im kollektiven Bewusstsein der Familie der Mutter irgendwie traumatische Ausmaße ein. Als ich klein war, erzählten diverse Tanten sie dementsprechend höchst unscharf, während sie jeweils mit den Tränen kämpften. Weiß der Teufel, was damals wirklich passierte, sicher ist, dass das Hotel heute nicht mehr uns gehört.

Bildschirmfoto 2014-06-02 um 11.44.05Egal, ich sah mir also die alte Blaue Traube an, auch diesmal, erzählte B. die Geschichte, und dann spazierten wir hinunter zum See, wo der Jag kurz verschnaufte. Wir sahen rüber zur Drachenwand, fanden das Loch oben unter dem Grat aber nicht, dessen Entstehungsgeschichte ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal poste.

Im Anschluss schließlich auf flinker Raubkatzenpfote vorbei an den Ufern des Wolfgangsees: nächste Station Zauner, Bad Ischl. Da muss man einfach hin, wenn man das Salzkammergut durchreist. Hässliche Designer-Stühler und großartige Designer-Süßspeisen gibt es dort nämlich, wir saßen und konsumierten. Ein Stunde danach bestaunten wir die regenverhangene Traunsteinwand, vor uns der finstere Traunsee mit einem einsamen Fischerboot im Regen und dazwischen einzelnen Sonnenstrahlen, die sich wohl verflogen hatten. Ein mystisches Salzkammergutidyll. Entrisch, sagte B. und fotografierte auf Teufel komm raus.

Bildschirmfoto 2014-06-02 um 11.44.19Ich meinerseits knipste in Ebensee noch rasch ein Jag-Bild mit dem iPhone, auf dem ganz hinten ein Fleckerl See zu erkennen ist – quasi als Beweis, dass das schwarze Auto da war. Dann zurück nach Wien, verhalten im Tempo jedoch, weil: Polizeipräsenz auf der Straße enorm. Ich bin ja sowieso nicht der allerbeste Freund der Bullen und kann bei Verkehrskontrollen immer nur schwer an mich halten, höflich zu bleiben. Muss sich irgendwie um einen Mondseer Wirts-Enkelkind-Gendefekt handeln, über den ich jedoch alles andere als unglücklich bin. Auch muss ich über die polizistischen Schnauzbärte immer ein bissl lachen. Sitzt du in einem Jag und bist grad mit 200 Sachen ins Radar gefahren, kommt es dann nicht so gut, wenn du frech auch noch bist. Also ließ ich das Rasen bleiben und wir zockelten, zuckelten, ruckelten und nuckelten mit 130 braven Sachen gen Osten, bis wir da waren.

So mag ich meine Sonntage. Heute musste ich den Jag leider abliefern und jetzt ist das Leben wieder grau. Den Pfingstsonntag verbringe ich zwischen meinen vier Wohnungswänden in Graz.

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