Um lässig daher zu kommen

Hauptsächlich musste ich über Udo Huber lachen.

Die kuriose Austo-Provinzversion eines Radio-DJ hatte für gewöhnlich gröbere Schwierigkeiten, die Namen internationaler Rockstars fehlerfrei auszusprechen. Sogar ich als 18jähriger Schüchti im der Glitzerwelt des großen Rock ferne liegenden Graz erkannte das. Unvergessen, wie Huber – der insgesamt immer irgendwie ein wenig daherkam wie ein frisch aus einer Schöps-Filiale entwichener Verkäufer-Lehrling – den Bandnamen von Duran Duran konsequent auf der ersten Silbe betonte, also falsch. Zu einer Zeit, als bereits die Volksschulkinder wussten, wie man das richtig ausspricht.

In spätpubertärer Geschmacksverwirrung hörte ich damals trotzdem die Radio-Hitparade rauf und runter, es gab ja in den späten 1970er und frühen 1980er-Jahren so wenig adäquate Zerstreuung für Jugendliche im noch ordentlich verstaubten Österreich. Austro-Pop war damals bestenfalls Ambros und Danzer und Fendrich plus Opus. Wobei wir von letzteren glaubten, dass sie eh voll cool wären. Dass außer einem internationalen Hit von denen nichts kam, der außerhalb Österreichs aber auch eher als Volksmusik-Schunkelpop interpretiert wurde, verdrängten wir. Mit Falco ging es erst so richtig los.

Jedenfalls, natürlich bekam Huber auch den Namen der glatzköpfigen Irin nicht richtig hin und betonte Sinéad konsequent auf der ersten Silbe, trotz der Fada als Hilfe, von der ich damals natürlich noch nichts wusste. Ich nahm das als gegeben hin, belächelte höchstens die phonetische Ähnlichkeit zum Wort Skinhead, die mir passend erschien. Die Augen öffnete mir erst später Austausch-Studentin Sinéad aus Irland, die als Freundin einer Anglistik-Studienkollegin mit auf einem verlängerten Wochenende in der Obersteiermark war. Von da an wusste ich: nicht Schinnnnd, sondern Schineeeeid. Mir gefielen auch zwei, drei Nummern ganz gut, ich besorgte mir sogar das Album „Am I not your girl“ und bestaunte die extrem hochhackigen Schuhe der jungen Irin auf dem Cover. Die Nummer „Bewitched, bothered and bewildered“ hörte ich eine Zeit lang rauf und runter. Ansonsten war mir die Sache recht wurscht und das Zerreißen des Papstfotos bekam ich nur peripher mit, wiewohl ich das damals schon höchst lässig fand.

Jahrzehnte später. Die Tochter geht nach Irland studieren und ich beschäftige mich ein bissl mit der Insel. Erster echter Besuch im fremden Land, ich stehe auf der Kaimauer von Howth, schaue dem Kollegen A. zu, Golfmoderator bei Sky, wie er entrückt die Irische See anstarrt, und plötzlich hat es mich.

Das ging seither nie mehr weg, Irland ist mein Land, the place my heart lies nearest. Und erst die irische Musik. Plötzlich taucht die nach wie vor glatzköpfige Sinéad O´Connor wieder am Radar auf, mit ihrem Album „Sean-nós nua“, ihr bislang stärkstes, eine Sammlung irischer Traditionals. Da geht mir das Herz auf, halbe Nächte hindurch beobachtete ich verzückt Kleinode auf You Tube, die diese grandiose irische Musikerin mit ihrer Jahrhhundertstimme oft auf eine Weise intoniert, wie das sonst niemand kann. Ich sehe in den jeweils nur zehntelsekundenkurzen Lächeln, die sie freigibt, das schüchtere Mädchen Sinéad. Ich sehe ganze Nummern lang die brutale Egoistin, die sich überhaupt nichts um andere scheißt. Ich sehe eine starke Frau, eine verletzliche und ungerecht behandelte Musikerin, ein Genie, einen Engel und ein Teuferl. Das alles ist Sinéad O´Connor nämlich, glaube ich.

Schon eine voll coole Socke, sagte B. kürzlich, mit der ich das Konzert besuchte, von dem Sie weiter unten lesen. So einfach kann man das natürlich auch ausdrücken, wenn man sich meine übliche Schwafelei nicht antun möchte.

Am wenigsten ist Sinéad O´Connor das seichte Mainstream-Pop-Röhrchen, als das die meisten Menschen sie komischerweise in Erinnerung haben. Diese eine Prince-Nummer damals, ihr ökonomisch größer Erfolg, hängt ihr wohl noch das ganze restliche Musiker-Leben nach. Doch „Nothing compares 2 you“ bring nicht ansatzweise zum Vorschein, was die kontroversielle Irin wirklich kann.

Die beste Sinéad O´Connor gibt es gar nicht auf Tonträger, sondern nur auf Gig-Mitschnitten auf You Tube. Das zuerst sanfte und dann kraftvolle „My Lagan Love“ oder „Troy“ zum Beispiel, das entrische „Irish Ways and Irish Laws“, diese grandiose Live-Version von „Black is the Colour“. Oder selbst die Touristenfalle „Danny Boy“ – wenn Sinéad sie singt, heißt das Lied selbstverständlich very Irish „The Derry Air“, wie es ursprünglich gedacht war, und sie singt auch das ganz traurige, ganz tolle letzte Gstanzl mit, das fast alle Volkssänger von Elvis bis Clapton immer auslassen und bei dem mir regelmäßig die Gänsehaut kommt. Zwei Nummern noch, die viele singen – die es in dieser Schönheit aber sonst kaum wo gibt: „Raglan Road“ und „This is a rebel song“.

ccccGestern sah ich sie dann nach Jahrzehnten erstmals live, in der Wiener Staatsoper. Eine Enttäuschung natürlich, aber das wusste ich eh schon vorher. Miss O´Connor, die ja in Interviews nicht selten den vorsichtigen Eindruck erweckt, schon ein bissl eine Krätzn zu sein, schert sich wenig ums Publikum. Null Kommunikation mit der Audience, frostig spult sie ihr kurzes Eineinhalbstunden-Programm ab, ohne jedes Gefühl für die tolle Location, einfach alles einstudierte Standards. Reduzierte Musiker-Bestzung, ein Schlagzeuger hinter Plexiglas, eine widerwillige Extrazugabe – und ab. Ich wage die Prognose: Hätte diese Frau nicht eine so außergewöhnlich großartige, starke und Gänsehaut erzeugende Stimme, sie wäre wegen ihrer Schrulligkeit, der Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Publikum, der teilweise beleidigenden Verschrobenheit, eine unbekannte, ungeliebte, erfolglose Musikerin.

Weil sie aber so unglaublich schön singen kann, ist sie Queen Sinéad. Sie erstmals live auf der Bühne zu sehen, nur ein paar Meter entfernt – großartiges Erlebnis. Was happy. Und dass sie damals das Papstbild zerriss, macht sie sowieso zur Königin meines Herzens. Um Lichtjahre cooler als alles, was der mitleiderregende Udo Huber je versucht hat, um lässig daher zu kommen. Er hat´s halt einfach nicht drauf gehabt.

Königin Sinéad, die zwischendurch schon ein bissl voll total durchgeknallt ist, hat es sehr wohl drauf. Danke für das Konzert, wenn auch außer meinem all-time-Favourite „In this heart“ keine einzige Nummer dabei war, die ich gerne mag. Alles wurscht. War voll lässig.

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