Willkommen beim Roten Kreuz

Das kleine Kind erbrach sich die ganze Nacht, sah dehydriert und mitgenommen aus. Die Mutter packte es am nächsten Tag ins Auto und fuhr von einem Berggehöft nördlich von Graz über verschlungene Forstwege, die ein Rettungsfahrzeug weder finden noch befahren hätte können, ins Tal. Sobald es eine Handy-Verbindung gab, rief sie einen Bekannten in der Stadt an und bat ihn, die Rettung zu verständigen und zu einem Treffpunkt an einem Parkplatz in Übelbach zu schicken. Sie ahnte wohl, dass ein Anruf bei 144 alles andere als einfach ist und man das nicht nebenbei erledigt, während man ein Auto über Wege lenkt, die steile Böschungen entlang führen.

Der Bekannte rief an und bestellte das Rettungsauto. Doch in der Notrufstelle des steirischen Roten Kreuzes reagierte der diensthabende Mitarbeiter, der wohl die Grazer Telefonnummer in keine Verbindung zum Einsatzort bringen konnte, wie folgt: Er fragte zunächst einmal: Und wieso rufen da Sie aus Graz an? Der Anrufer sagte, dass er das später gerne erklären würde, jetzt sei erst einmal Eile geboten, er urgierte das Losschicken des Rettungsfahrzeuges. Doch der Mann beim Roten Kreuz machte keinerlei Anstalten, das zu tun. Zuerst wolle er einmal, sagte er, genau wissen, warum nicht die Eltern die Rettung alarmierten, sondern ein Dritter, der noch dazu offensichtlich gar nicht dort sei, wo sich das kranke Kind befinde. Als ob das bei einem Notfall nicht völlig egal wäre.

Über mehrere Minuten versuchte der Anrufer, den Mann in der Notrufstelle dazu zu bewegen, zuerst den Rettungswagen loszuschicken und danach alle Fragen, die das Rote Kreuz vielleicht haben könnte, zu diskutieren. Mit voran schreitender Zeit zusehends ungehalten. Aber erfolglos, wie es den Anschein hatte.

Von Hilfe keine Rede. Der Mitarbeiter des Roten Kreuzes wollte plötzlich auch noch diskutieren, warum ihm der Anrufer so ungehalten begegnete. Kein Wort davon, einen Einsatz auszulösen. Schließlich griff der Anrufer zum letzten Mittel, das er hatte: Er outete sich als Journalist und drohte, für eine Veröffentlichung des Vorfalles zu sorgen, sollte das Rote Kreuz weiterhin Hilfe verweigern und nicht sofort einen Rettungswagen losschicken. Erst da wurde der Rotkreuzmann am anderen Ende der Leitung plötzlich hellhörig und erklärte – nach mehreren Minuten, die das Gespräch bereits dauerte – dass ein Wagen losgeschickt sei. Das Rettungsauto sei nun unterwegs, sagte der Mann.

Nach einiger Zeit rief das Rote Kreuz plötzlich zurück. Er wolle sich noch einmal melden, erklärte der Diensthabende, nur um zu sagen, dass der Anrufer das Rettungsauto in ein falsches Dorf urgiert habe und es ausschließlich dem Insistieren und Nachfragen der Rotkreuz-Dienststelle zu danken sei, dass doch noch der richtige Treffpunkt angesteuert wurde. Eine kuriose Schutzbehauptung selbstverständlich. Wahrscheinlich wollte der Mann, mit vollem Namen Athanasios Zakonias (oder so ähnlich), nur seine Fehlleistung kaschieren und im Nachhinein eine Erklärung konstruieren, warum das Rettungsfahrzeug später als notwendig eintreffen würde. Denn selbstverständlich hatte der Anrufer den Einsatzort völlig korrekt genannt – Übelbach, Nah&Frisch-Parkplatz. Und nicht Frohnleiten, wie der Rotkreuzmann im kuriosen zweiten Telefonat plötzlich behauptete. Ein Mitschnitt, wie ihn die Rotkreuz-Zentrale von allen eingehenden Notrufgesprächen anfertigt, wird das wohl bestätigen.

Ich weiß es außerdem. Denn der Anrufer war ich.

Ich habe minutenlang versucht, das Rote Kreuz Steiermark unter der Notrufnummer 144 dazu zu bewegen, ein Rettungsauto loszuschicken, weil ein kleines Kind zu kollabieren drohte. Statt zu handeln wollte Zakonias wortreich wissen, warum ich anrufe und nicht die Eltern des Kindes, woher ich überhaupt wisse, dass das Kind ein Problem habe. Er erklärte mir nicht ohne offensichtlichen Hang zur Dramatisierung, dass er „den Hubschrauber nicht losschicken“ könne, wenn er das alles nicht wisse. Und statt endlich tätig zu werden, begann er auch noch, mich in eine Diskussion zu verwickeln, warum ich am Telefon unfreundlich zu ihm sei.

Fakt ist: Ein Mitarbeiter in der Notrufzentrale des steirischen Roten Kreuzes hat trotz eines ihm deutlich als solchen dargestellten Notfalles minutenlang die Hilfe verweigert – oder zumindest diesen Eindruck erweckt. Denn wann während des Telefonates er das Rettungsauto tatsächlich losgeschickt hat, weiß ich natürlich nicht. Das Kind wurde nach Einlieferung ins Landeskrankenhaus jedenfalls umstandslos in die Intensivstation gebracht. Es gibt auch eine beunruhigende erste Diagnose. Hätte ich nicht zu erkennen gegeben, dass ich Journalist bin und für Publizität sorgen kann – wer weiß, wie lange Zakonias noch diskutiert statt gehandelt hätte. Und er hat, umso schlimmer, im Nachhinein dann versucht, durch eine erfundene Schutzbehauptung eventuelle Verzögerungen des Einsatzes und damit seine Fehlleistung präventiv zu vertuschen.

Ich möchte noch anmerken: Einer seiner Vorgesetzten hat in der Folge zweimal bei mir angerufen um zu versuchen, das Bekanntwerden des Vorfalles zu verhindern. Selbstverständlich streitet er ab, dass Zakonias die Hilfe zunächst verweigert hätte.

Aber ich weiß, was ich erlebt habe. Und ich wünsche diese Ohnmacht am Telefon und auch die hilflose Wut niemandem, wenn man ein Rettungsauto bestellt, weil man ein kleines Kind in Not weiß – und das Rote Kreuz erweckt zunächst einmal den Eindruck, keinen Finger zu rühren, sondern stellt absurde Fragen und beschwert sich dann auch noch darüber, dass man ungeduldig wird. Der Fairness halber ist noch anzufügen: Der Einsatzwagen war trotz der indiskutablen Fehlleistung des Mitarbeiters in der Notrufzentrale insgesamt sehr schnell zur Stelle.

Ich werde morgen bei der Leitung des Roten Kreuzes Steiermark nachfragen, wie man es mit einer Stellungnahme zu diesem Vorfall hält und mit welchen Konsequenzen Zakonias – oder wie immer er auch genau heißt, das wird nicht schwer herauszufinden sein – zu rechnen hat. Ich werde um  eine Herausgabe der Mitschnitte der beiden Telefonate bitten und dann weitersehen. Und vor allem halte ich dem Kind die Daumen, dass trotz des Versagens des Mitarbeiters des Roten Kreuzes doch alles gut ausgeht. Sich bei seinen beiden nachträglichen Anrufen zu erkundigen, wie es der Kleinen geht, ist dem Vorgesetzten von Zakonias übrigens nicht eingefallen. Keine Spur von Bedauern auch über den Vorfall.

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2 Gedanken zu “Willkommen beim Roten Kreuz

  1. Das Erklären der Situation (Mutter hat mich gebeten, fährt gerade vom Berggehöft herunter, etc.) hätte wahrscheinlich 30 Sekunden gedauert und das Rote Kreuz hätte den Wagen losgeschickt. Warum man da als Anrufer so ein Theater machen muss, erschließt sich mir nicht wirklich, ausser wenn man unbedingt Recht haben möchte.

    Ich drück dem Kind die Daumen, dass alles gut geht.

  2. Das Theater hat nicht der Anrufer gemacht, sondern der Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der sich über mehrere Minuten geweigert hat, trotz sehr wohl erfolgter Erklärung einen Einsatzwagen loszuschicken. Ein klarer Fall von unterlassener Hilfeleistung. Der Gesprächsmitschnitt, den das Rote Kreuz wohl angelegt hat, zeigt das sicher deutlich.

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