Ich bin dann mal Opel

In jüngerer Zeit fällt mir ab und an, wenn die Kollegin A. auf Urlaub oder sonst wie nicht da ist, die Aufgabe zu, einen kurzen Autotest für das FORMAT zu verfassen. Letztens war das mit dem Bewegen des Jaguar F-Type in seiner geschärften R-Version verbunden, ich trug die knapp 560 PS des Renners mit Fassung. Im Moment ist aber alles ganz anders, ich fahre derzeit eineinhalb Wochen lang Opel.

Das ist insofern ungewöhnlich, weil die Automarke aus dem deutschen Rüsselsheim ja momentan die größte aller anstehenden automobilen Aufgaben zu bewältigen hat, der stärkste aller Herkulesse sein muss: Imagemäßig sind Opels nämlich irgendwie nicht so richtig als flotte Flitzer in unserem Bewusstsein verankert. In den Bildern, die unsere Köpfe aus den vergangenen Jahrzehnten in die Gegenwart herüber gerettet haben, werden sie von betagten Männern vom Land, dickbäuchigen Großstädtern, erfolglosen Konzernbuchhaltern oder wadlbeißerisch veranlagten Kampfbeamten gesteuert. Als ich Kind war, trug der typische Opel-Fahrer Hut hinter dem Steuer, war uralt, urfad, behäbig und allem Neuen gegenüber nicht auf Anhieb aufgeschlossen. Solche Kunden will keiner. Opel arbeitet deshalb daran, ein neues, moderneres Bild von sich selbst in die Köpfe der Konsumenten zu verfrachten, und leicht ist das wirklich nicht.

Lassen Sie mich gleich festhalten: Opel hat diesen Spagat vom Langeweiler zum schnicken Schicken inhaltlich in den vergangenen zwei, drei Jahren eigentlich erstklassig bewältigt. Allerdings auch weitgehend unbemerkt. Sogar mein Vater, der auf die 90 zugeht und die längste Zeit seines Lebens die Produkte der auch nicht voll total geilen Schickmarke Ford fuhr, hatte beim Jag noch anerkennend und erfreut die Augen gehoben, als ich ihm vom Testwagen erzählte. Beim Opel musste er erst einmal entrüstet durchschnaufen. Alles zu Unrecht. Opels tragen zwar nach wie vor den mit wenig Fortschrittlichkeit belasteten Namen und sie schleppen – für mich völlig unverständlich – immer noch dieses mittelalterliche Logo beinahe unverändert als Rucksack mit sich herum, aber: Es sind richtig gute, moderne und im Ansatz durchaus kühle Autos geworden.

DickschiffGeneral Motors Austria stattete mich gleich einmal mit dem aktuellen Dickschiff der Marke aus, das ist der „Insignia Country Tourer“ in der Ausstattungsvariante mit praktisch eh allem. Das Gerät kostet knapp 50.000 Flocken und ist groß wie ein Haus. Als ich das Ding gestern unten auf der Straße parkte, sah es neben dem frechen Panda, dem schnicken weißen Puch 500 und dem grauen Golf aus wie eine riesige Heuschrecke neben herzigen Stubenfliegen. Aber das Auto ist jedenfalls richtig gut. Innen hat Opel sich längst zu erstklassigem Design aufgeschwungen, man ist sozusagen gut im dritten Jahrtausend angekommen: der Touchscreen riesig, der Tachometer virtuell, die digitalen Anzeigen und Helferleins ohne Ende. Zwar irritieren mich die vielen Piepser des Systems „Opel Eye“ schon ein wenig, die jederzeit loslzuegen bereit sind, hast du erst einmal die Straße geentert.

Opel Eye ist: eine Frontkamera mit radargesteuertem adaptiven Tempomat mit automatischer Gefahrenbremsung, Abstands- und Frontkollisionswarner sowie Verkehrsschild- und Spurassistent. Kein Wunder dass es da dauernd irgendwo blinkt, blitzt, klingelt und vor irgendwas warnt. Ich schaue ja mehr auf die Straße als auf das Armaturenbrett, daher brauche ich es eigentlich nicht, dass Verkehrszeichen mir dort noch einmal angezeigt werden. Und wenn vor mir ein Auto fährt, muss mir am Armaturenbrett nicht mitgeteilt werden, dass vor mir ein Auto fährt. Ich sehe das auch im Original. Und in den Rückspiegeln erkenne ich überholende Fahrzeuge auch, ohne dass sie mir diese durch gesonderte, hysterisch gelb blinkende Symbole und Crash-Sterne noch einmal anzeigen.

Aber wurscht. Vielleicht bin ich ja eh nur ein hoffnungslos rückständiges Kind der 1960er-Jahre, ein langweilig gewordener Opa. Insgesamt ist das Feeling im Opel wunderbar, in Sachen Haptik kommen die Rüsselsheimer fast schon an BMW heran, alles passt, alles schaut gut aus und greift sich wertig an. Die 163 PS ziehen das Auto ordentlich nach vorne, die Sechsgang-Automatik mit Schaltgasse und Paddels hinter dem Lenkrad dienstleistet ruckel- und zuckelfrei, eine Freude. Der Allradantrieb schickt einen zwar nicht sorgenfrei ins Gelände, aber doch auf polternde Schotterstraßen. Unglaublich auch, wie entrückt moderne Autos geworden sind. Da bist du auf der Autobahn schnell einmal bei 150 oder 160 und merkst es gar nicht.

MauskinoWas mir am Country Tourer total taugt: das großartige Entertainment-System mit dem großen Touchscreen, der guten Navigation und der genial einfachen Koppelungsmöglichkeit für das iPhone via Bluetooth. Flutscht wie nix, und schon habe ich Königin Sinéads Jahrhundertstimme in voller Konzerthaus-Tonalität in den sieben feinen Lautsprechern. Wie praktisch, dass gerade dieser Tage ihr neues Album „I´m not bossy, I´m the boss“ erscheint, das ich beim Wien-Graz-Wien-Fahren im Insignia rauf und runter hörte. Loved it. Auch die vielen bunten Lichter und Knöpfchen, die es im Cockpit bei Nachtfahrten zu bestaunen gibt, das totale Mäusekino, alles sehr unterhaltsam.

An sich sind die dicken SUV-Kombis der großen Marken wie zum Beispiel der Audi A4 Allroad oder der Volvo XC70, für die Opels Country Tourer ein kompetitiver Konkurrent ist, nicht so meines. Aber das Auto ist trotzdem super, gleich im Anschluss fahre ich damit auf eine Alm und werde dort zweifellos ein wenig overdressed und dennoch passend angezogen sein. Trotzdem erlaubt mir, liebe Leute bei Opel, bei allem Lob auch noch drei klitzekleine Kritikpunkte: Dieses komische kleine Touchpad in der Mittelkonsole braucht wirklich keiner. Auch nicht die optionale Begrenzung des Öffnungswinkels der Heckklappe. Vielleicht könntet ihr da in Zukunft ein bissl weniger verspielt agieren. Und stattdessen den Tempomat so herrichten, dass man ihn ohne Zuhilfenahme der Bedienungsanleitung einschalten kann, was mir nämlich nicht gelungen ist. Vielleicht klemmt im Testfahrzeug aber auch nur der entsprechende Knopf.

Oder vielleicht bin ich halt wirklich doch nur ein alter Opel-Opa mit seinen Kindheitsbildern im Kopf, den die Zukunft überholt hat. Und weil ich von meinem Privatauto, dem sechs Jahre alten BMW, keine seitliche Kollisionswarnung im Rückspiegel angezeigt bekomme, habe ich´s einfach nicht bemerkt…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s