Landdiscomärchenprinzauto

Bildschirmfoto 2014-11-02 um 12.17.43Seit Wochen versuche ich, meinen braven BMW zu verkaufen. Das Fahrzeug ist, sagt zumindest der ÖAMTC, von den üblichen Gebrauchsspuren abgesehen in wirklich gutem Zustand. Der Preis, den ich dafür haben will, wohlfeil. Allein: Ich bekomme das schwarze Auto nicht los. Zum Teil liegt das an mir, weil ich mich weigere, mit offenkundigen Idioten Geschäfte zu machen. Ich antworte gar nicht auf ihre Anfragen. Aber zum größeren Teil liegt es wohl, vermute ich, an der degenerierenden Kommunikationsfähigkeit der Gesellschaft.

Jedenfalls: Ein gebrauchter Dreier-BMW scheint die Matschigen in der Marille magisch anzuziehen. Die Creativ-Friseurinnen dieser Welt (die wahrscheinlich alle Schaklin und Mischel heißen und sich auch genau so schreiben). Die Märchenprinzen aus den Landdiscotheken, das Haar gelackt und geölt sowie nach Gabalier-Manier bergauf getollt. Aber urteilen Sie selbst, ich erzähle Ihnen ein wenig von meinen Verkaufsbemühungen.

Inseriert habe ich das Auto auf willhaben.at – dort ist meine Telefonnummer angegeben, die man anrufen kann. Man könnte dann zum Beispiel sagen: Guten Tag, meine Name ist Sowieso, ich habe Ihr Inserat gesehen, das Auto interessiert mich, können Sie mir ein wenig darüber erzählen und machen wir uns dann einen Termin für Besichtigung und Probefahrt aus? Könnte man. Stattdessen ziehen es fast alle Käufer vor, die komplexere Variante zu wählen und über mehrere Klicks ein SMS zu schicken. Die Nachrichten, die ich dann bekomme, lauten ungefähr wie folgt (und glauben Sie jetzt bitte nicht, dass das erfundene Botschaften sind):

Auto interessiert mich lg. Oder: Habe ich mich Inserat gesehen, rufen sie an, lg. Oder: Kann ich Fahrzeug anschauen. lg. Oder: Hallom ich habe mich Interesse an ihrem auto wollen Sie mich eintauschen? mfg.

Zuerst dachte ich ja, entweder hat mein Handy Teile der Botschaften verschluckt oder Apples Spracherkennungs-Software Siri ist durchgeknallt oder da kommt noch was. Allein: Es kam nichts mehr. Das ist ganz offensichtlich die Art und Weise, wie potenzielle Interessenten eines gebrauchter Dreier-BMW heutzutage kommunizieren.

Gut, die Erfolgreichsten und Edelsten sind es vermutlich nicht, die sich für so ein Auto interessieren. Wohl mehr die 19jährigen Landjugendlichen, die mit dem Abschluss ihrer Installateurslehre intellektuell voll gefordert sind und halt nicht so viel Aufmerksamkeit auf sauberes Formulieren verwenden können. Aber hey, ich meine: Ein Mindestmaß an sprachlicher Ausdrucksfähigkeit braucht es schon, um unfallfrei durchs Leben zu kommen, oder?

Was soll ich zum Beispiel von jener SMS halten, die vorgestern ankam: Hallo ist auto noch frei und wenn nicht kann ich dann vorbeischauen für probefahrt? lg. Der Einfachheit halber verzichtete ich auf eine Antwort.

Komischerweise schreiben sie aber alle immer „lg“ oder „mfg“ am Schluss dazu. Ich muss glatt einmal mit einem Soziologen über die wachsende Bedeutung solcher akkumulativer Kürzel für die akzellerierenden Verständigungsschwierigkeiten in prosperierenden Gesellschaften reden. (Wundern Sie sich bitte nicht, ich bin nicht verrückt geworden, aber Soziologen reden so oder so ähnlich).

Gut, schieben wir die kuriosen SMS-Verkehre beiseite und reden wir über die Kaufinteressenten, die dank in ganzen Sätzen formulierten Interesses in der Lage waren, einen Besichtigungstermin zu vereinbaren. Da war einmal der Entwicklungsingenieur bei Magna, der mir seine Tätigkeit in den ersten zwei Minuten des Gesprächs dreimal mitteilte und offensichtlich total enttäuscht war (Mienenspiel!), dass mich das nicht sonderlich beeindruckte. Aber ich hab halt Firmengründer Frank Stronach schon zu oft live erlebt, um Magna noch cool finden zu können. Er konstatierte während der Probefahrt, die der BMW vorbildlich schnurrend bewältigte, einen Lagerschaden rechts hinten, ich kann das hören! Mein Hinweis, dass der ÖAMTC das Auto tags zuvor stundenlang auf Hebebühnen und in Servicegräben auf Herz und Nieren durchgecheckt hatte und er das vollkommen lagerschadenfreie Ergebnis im vorliegenden Prüfbericht gerne nachlesen könne, kommentierte der Mann wie folgt: Die kennen sich nicht aus. Lagerschaden. Ich höre das. Er kaufte das Auto natürlich nicht.

Ein paar Tage später war ein Gleisdorfer vor Ort, das ist ein kleines oststeirisches Städtchen mit vermutlich erhöhter Landdiscodichte und daher auch vermutlich erhöhter Landdiscomärchenprinzdichte. Der junge Mann streifte stundenlang ums Fahrzeug, berührte alle möglichen und unmöglichen Teile mit Kennerblick, drückte bei nicht eingeschalteter Zündung sämtliche Knöpferln im Auto, erfreute mich während der Probefahrt mit höchst erstaunlichen Fachkommentaren zum Automobilbau, wie BMW ihn betreibt, und kam schließlich nach einem gefühlt endlosen Nachmittag zu folgendem Besichtigungsurteil: Super! Bloß kaufen wollte er das Auto nicht, weil es stellte sich heraus: Er hatte die Besichtigung für die Schwester seiner Freundin vorgenommen, die erstens einen Friseurtermin hatte und daher nicht mitkommen konnte. Und die zweitens noch gar nichts davon wusste, dass der Lebensgefährte der Schwester beschlossen hatte, dass sie ein Auto kaufen will. Der Landdiscomärchenprinz stellte einen zweiten Besichtigungstermin in Aussicht, nachdem er der jungen Dame ihren Autokaufwunsch verklickert haben würde. Tut mir leid, dazu habe ich keine Zeit, sagte ich, schnappte mir den Autoschlüssel und ging ab.

Gestern war auch noch eine Salzburger Truppe bei mir, man war gleich zu viert aus der Mozartstadt angereist. Der Kaufinteressent hatte zur Fanreise sogar einen befreundeten Automechaniker eingeladen. Dieser prüfte und prüfte und prüfte, befand den BMW als in ziemlich gutem Zustand und wollte das Auto, das noch auf mich angemeldet ist, gleich mitnehmen. Geht leider nicht, sagte ich, zuerst muss ich den Wagen abmelden. Der Mann grinste überlegen wissend, echter Auskenner halt: Brauchma nicht, sagte er und gab mir zu verstehen, dass er einfach die Kennzeichen seines eigenen Autos mitgebracht habe. Die würde er, erklärte der Mechaniker enthusiastisch, einfach am BMW festmachen und so werde man damit nach Salzburg fahren. Ich könne das Auto ja dann am Montag, wenn die nächstbeste Zulassungsstelle aufmacht, immer noch abmelden. Ich verzichtete darauf, den Mann zu fragen, ob er unter Drogen steht. Stattdessen sagte ich nur freundlich: Nein. Die Salzburger Truppe machte sich unerledigter Dinge und ziemlich angepisst wieder auf den Heimweg.

Der BMW ist also noch zu haben, aber ich habe ja keine Eile. Falls Sie wen kennen, der Interesse haben könnte, klicken Sie einfach das Inserat auf willhaben.at an. Nur bitte, bitte: Geben Sie dem Mann oder der Frau zu verstehen, dass sie, wenn irgendwie möglich, anrufen sollen, nicht ein SMS schicken. Danke! Ich werde Sie dafür lieben, versprochen.

Einen SMS-Verkehr – ja, ich habe in einem ganz speziellen Fall nämlich sogar zurückgeschrieben – will ich Ihnen zum Abschluss noch weiterreichen. Ein besonders Kurioser schrieb mir: Bin ich Bastler, kauf ich Auto als Bastlerfahrzeug, zahle 4.000 bar auf die Hand, deal? Ich smste zurück: Wenn Sie wirklich Bastler sind, basteln Sie sich eine Dusche und gehen Sie Brausen.

Ich habe von dem Mann Gott sei Dank nie mehr etwas gehört.

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