Märchenprinzenpaar

Wegen großen Erfolges gerne noch eine Geschichte von der Autoverkaufsfront:

Die Dame hat angerufen, ihren vollen Namen genannt und einen Termin vereinbart. Jetzt ist es soweit, ich stehe vor der Tür des Hauses 69, direkt neben dem BMW, und hebe ab, weil das Handy klingelt.

Man sei jetzt bereits da, sagt die junge Frau, und warte auf mich. Kann eigentlich nicht nicht sein, denke ich mir, denn ich bin ja auch da und von Kaufinteressenten keine Spur. Stellt sich heraus: Die zwei stehen auf der anderen Straßenseite vor dem Haus 68 und finden nicht her. Ich erkläre also am Telefon in möglichst einfachen Worten kurz das System der geraden und ungeraden Hausnummern auf der einen und der anderen Straßenseite, wie es in Österreichs Städten seit Jahrzehnten praktiziert wird. Ah, gluckst es am anderen Ende der Leitung, und tatsächlich watschelt ein junges Pärchen über die Straße in meine Richtung.

Das kann ja was werden mit der Besichtigung, denke ich mir.

Wird es auch.

Wous isn deis mit dem Startstoppdings, wous muass idn noch do mouchn?, fragt die blonde junge Dame verblüfft, als ich ihr den Autoschlüssel für die Probefahrt in die Hand drücke. Steirisch halt, und wahrscheinlich vom Land.

Keine Bange, antworte ich, das ist der Schlüssel, den stecken Sie einfach in die dafür vorgesehene Öffnung rechts neben dem Lenkrad, alles andere erkläre ich Ihnen dann schon.

Sie schafft´s und drückt den Startknopf, der Motor springt ruckel- und zuckelfrei an, schnurrt wie ein Kätzchen. Ist halt wirklich ein feines Auto.

Maii, i houb a bissl a Aungst, sagt sie jetzt tatsächlich und macht durchaus den Eindruck, nervös zu sein.

Du schouffst des schou, Schatzi, beruhigt ihr Freund.

Auweh, denke ich mir und frage: Sie haben aber eh einen Führerschein?

Das gefällt den beiden, sie lachen. Die Blonde ein wenig hysterisch, der Freund ein wenig genervt. Den Retourgang zum Ausparken findet sie natürlich nicht, aber ich bin der voll geduldige Schicksalsergebene und lotse ihre Hand in die linke vordere Schaltposition. Wir setzen tatsächlich unfallfrei zurück und holpern ein wenig hüpfend und stotternd in den Straßenverkehr. Wenn die länger probefährt, überlege ich, ist es mit der Schadensfreiheit des Wagens bald vorbei. Doch bereits nach 500 Metern bringt die Landdiscomärchenprinzessin den BMW zum Stillstand, nicht ohne Mühe, und schwenkt in einen Parplatz ein. Sie zwitschert vergnügt:

Jeitzt fourst du amol, Schatzi.

Schatzi I und Schatzi II wechseln vorne die Sitze, ich bleibe im Fond und denke nach, ob ich mir aus dem längst vergangenen Religionsunterricht nicht vielleicht ein Stoßgebet gemerkt haben könnte. Aber ich habe halt damals in der Schule einfach zu schlecht aufgepasst. Der Freund geht das Thema Probefahrt deutlich couragierter an, ist aber irgendwie eh auch schon egal. Seine Freundin deutet vom Beifahrersitz auf das Lenkrad und fragt nach hinten zu mir:

Wous isn deis?

Das ist das Lenkrad, sage ich, man kann das Auto damit in eine bestimmte Richtung zwingen.

Aha, sagt sie und ich bin jetzt nicht ganz sicher, wer gerade wen verarscht.

Ich meine den Knopf da, präzisiert die junge Lady nach einigem Nachdenken und zeigt auf den Umluftschalter.

Das ist ein blinder Schalter, antworte ich, weil ich mich für eine Erklärung des Themas Umluft im Auto irgendwie einfach zu schwach fühle.

Deis Display dou is hin, erklärt daraufhin der Freund und deutet auf die dunkle Fläche am Armaturenbrett zwischen Tachometer und Drehzahlmesser.

Das ist kein Display, sondern jener Platz, an dem sich die Kontrollleuchten für den Motor, die Bremsflüssigkeit, die Lichtmaschine, den Reifendruck und noch vieles mehr befinden, erläutere ich. Aber weil alles in Ordnung ist, leuchten sie jetzt gerade nicht. Sie schlafen sozusagen.

Aha, sagt er und ist zufrieden.

Und wous is des füa a Knopf dou?, fragt jetzt wieder sie. Ich erkläre den Wechselschalter für die diversen Medien, von iPod über CD, Radio bis Aux-Anschluss.

Aha, sagt sie. Ich fühle mich immer matter.

Am Ende der Probefahrt, als wir alle ausgestiegen sind, wirft die junge Dame einen zweifelnden Blick in den Himmel, wahrscheinlich befragt sie die im fahlen Vormittagslicht nicht sichtbaren Sterne, schließlich sagt sie:

Wissn´S wous, I wer nou ab bissl nochdeinkn. I möld mi.

Sehr gerne, sage ich und weiß: Wenn die nachdenkt, wird das dauern.

Landdiscomärchenprinz und Landdiscomärchenprinzessin gehen ab. Ich jedoch schwöre Ihnen: Jedes Wort der Schilderung ist wahr. Ehrlich gesagt: Mir reicht das mit dem Autoverkaufen jetzt schön langsam.

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