Die grüne Wiese

Bildschirmfoto 2015-01-29 um 00.19.00Während draußen alles weiß ist, verbreitet der österreichische Golfverband das Bild einer grünen Wiese mit blaugrünem Bilderbuchsee plus Frohbotschaft. Er wird sich darum bemühen, im Jahr 2022 den Ryder Cup nach Österreich zu holen und mit der luxuriösen Fontana-Golfanlage in Oberwaltersdorf bei Wien ins Bieter-Rennen gehen.

Falls Sie sich nicht so auskennen, weil Golf ja nach wie vor Minderheitenprogramm ist: Der Ryder Cup ist das größte Golfsportereignis der Welt, alle zwei Jahre treten die Kontinentalteams Europas und der USA gegeneinander an und entfachen eine Woche lang ein Höllenspektakel, vor dem die Golfwelt in Enthusiasmus und Demut niederkniet. Und Fontana, das ist jene Anlage samt Golfplatz, Wohnhäusern und See, die der schrullige Austro-Milliardär Frank Stronach in den späten 1990er-Jahren ins Niemandsland der niederösterreichischen Pampa geklotzt hat. Alles so ausladend wie möglich, alles so eleganzbefreit wie denkbar, irgendwie schwerer Prunkprotz Marke Donald Trump. Frank ist aber längst nicht mehr Besitzer, die Sache gehört seit vergangenem Sommer seinem ehemaligen Magna-Statthalter Siegfried Wolf, mittlerweile selbst schwerreicher Manager mit erstklassigen Connections zum russischen Staatschef Wladimir Putin.

Doch Fontana ist für den Golfverband jedenfalls eine gute Wahl, will man wirklich um die Ryder-Cup-Austragung mitkämpfen. Sprechen wir ab jetzt also nicht mehr über Milliardäre oder Politiker, sondern über Golf. Und sagen wir es offen: Die Chancen, das Großereignis im Jahr 2022 wirklich nach Österreich zu holen, sind gering bis null. Das Rittern darum ist jedoch ehrenhaft. Die Entscheidung für Fontana und gegen die ebenfalls in Diskussion gestandene Anlage im Tiroler Zillertal ist eine kluge. Sie sichert die Mini-Chance, die Österreich als charmanter Außenseiter bei den Entscheidern vielleicht hat, die im Organisationskommittee der European Tour sitzen. Zu sehr wäre das sicher interessante Zillertal golferisches Neuland für die ET-Bosse gewesen. Hingegen werden wir wegen Fontanas Nähe zu Wien nun den österreichischen Lipizzaner-Staatsopern-Mozartkugel-Charme, den die Welt ja so an uns liebt, wenn sonst schon nix, voll ausspielen können.

Der Platz profitiert jedenfalls immer noch von seinem Image vergangener Tage, einer der besten Europas zu sein, Onkel Franks seinerzeitige Millionen wurden diesbezüglich gut angelegt. Die European Tour war hier mehrmals zu Gast, und Fontana machte stets erstklassige Figur. Mit weiteren – russischen? – Millionen, die nun womöglich unter Wolfs Ägide fließen, wird sich die Anlage in Ryder-Cup-Zustand bringen lassen. Leicht wird das nicht, aber es ist angesichts der guten Basis machbar. Vor einem dreiviertel Jahr hatte ich den Platzchef der Anlage im schottischen Gleneagles, des Ausrichters des bislang letzten Ryder Cups, im Interview: Scott Fenwick erzählte mir, was es alles braucht, um einen super Golfplatz für den Ryder Cup tauglich zu machen. Seither weiß ich: Es braucht viel. Knapp 80 Greenkeeper waren in Gleneagles monatelang im Einsatz, der größere Teil von ihnen sogar jahrelang. Sie können das alles in der Coverstory der Golfrevue, Ausgabe 6/2014, nachlesen. Wenn es in Österreich eine Golfanlage gibt, die das stemmen kann, dann Fontana.

Wie gesagt: Der Versuch ist ehrenhaft. Als mir die beiden hauptverantwortlichen Projektbetreiber im Golfverband vergangenen Herbst von ihrem Vorhaben erzählten, war ich skeptisch. Vor allem Deutschland und die Türkei werden übermächtige Mitbewerber sein. Und finanzstärkere: Die Schotten pumpten vergangenes Jahr alles in allem rund 130 Millionen Euro in das Projekt Ryder Cup, sowas lässt sich in Österreich für ein Golfturnier kaum zusammenkratzen. In der Türkei schon, und in Deutschland ohnehin ganz easy. Außerdem braucht es die rückhaltlose Unterstützung durch die Politik. Die wird in der Türkei einfach dekretiert und ist in Deutschland, wenn man sich einmal aufgerafft hat, ebenfalls selbstverständlich.

In Österreich? Rückhaltlose politische Unterstützung? Bei unseren Eiertänzern und Clowntrupps, die in Parteipolitik und Regierung unterwegs sind? Ich bitte Sie.

Die Prognose ist daher nicht schwer: Österreich wird den Ryder Cup 2022 nicht bekommen. Aber allein die Bewerbung, abzugeben im Londoner European-Tour-Büro bis Ende April, wird das Golf in unserem Land vorantreiben, einen Ruck durch die heimische Szenerie gehen lassen. Es wird Schulterschlüsse geben, die bis vor kurzem noch undenkbar waren. Es wird Politiker geben, die in Golf erstmals eine Möglichkeit zur populistischen Profilierung sehen. Es wird zu einem Professionalisierungsschub kommen, den Clubs, Verband, Funktionäre und Manager durchaus nötig haben. Das wird die Qualität von Sport und Spiel, beides in Österreich in Ansätzen ja irgendwie immer noch ein wenig auf Kindergartenniveau, sicher heben.

Es ist also eine tapfere, gute und bewundernswerte Entscheidung des Golfverbandes, aus dem Nichts eine Ryder-Cup-Bewerbung auf die grüne Wiese zu knallen. Respekt, meine Herren. Und schönes Spiel.

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