Dieses orange Schokobraun

Manchmal hast du einfach nur Glück.

Bildschirmfoto 2015-02-21 um 12.56.15Zum Beispiel ich: Gestern am Nachmittag nach dem Golfspiel am Lido von Venedig die Sonnenbrille vergessen, Schnurrdiburr musste kilometerlang zurückgeprügelt werden in den Golfclub Circolo Golfe Venezia, der am südlichsten Lido-Zipfel liegt, elegant als Park in einer früheren Dünenlandschaft gewachsen, betretbar nur durch einen gemauerten Ringbogen, nachdem zuvor ein zierliches Brücklein über einen Canale passiert wurde. Schöner entert man in ganz Mitteleuropa keinen Golfplatz. Es gibt übrigens auch nicht viele, die sich dann schöner spielen. Einmalig, diese ganze alte Parklandschaft, durchzogen von Festungsmauern aus der napoleonischen Zeit und beschallt ab und an vom pittoresken italienischen Geschnattere der gelangweilten, Golf spielenden Gattinnen wohlhabender Venezianer.

Jedenfalls, Brille weg. Nach dem Zurückfahren in der Umkleide nicht mehr vorfindbar, auch die Clubsekretärin, bei ich nachfragte, drehte sparsam und ratlos den Kopf hin und her. Dann im Eilzugstempo wieder den Lido hinauf gejagt, weil der Kollege Finanzjournalist R. und ich die Autofähre durch die Lagune aufs Festland hinüber nicht verpassen wollten, was wir jedoch taten und weshalb wir eine gute Dreiviertelstunde warten mussten.

In dieser Zeit ging die Sonne unter.

Bildschirmfoto 2015-02-21 um 12.45.14Ich saß am Anlegeplatz des Lido und starrte verzückt in den prallen Ball, der sich zwischen Venedig und dem Laguneninselchen San Sèrvolo langsam ins Meer hinabließ. Kein Blenden, weil dem Schauspiel durch den frühabendlichen Dunst alles Grelle genommen war, schwer sank die Sonne nach unten und leuchtete mir warm ins Gesicht. Ich griff an den Pullover-Ausschnitt, nahm meine Ray Ban und setzte sie auf. In der Sekunde war die ganze Szenerie in ein wunderbares, orangefarbenes Schokobraun getaucht, zum Weinen schön, zum Weinen schön.

Vor lauter Rührung brauchte ich eine gute Minute, bis mir klar wurde, dass ich gerade die Sonnenbrille aufgesetzt hatte, und dass mich die Golfclub-Sekretärin wohl ein wenig verarscht haben mochte. Wie soll man das sonst nennen, wenn du jemandem sagst, du hast keine Ahnung, wenn der kommt und nach seiner verlorenen Sonnenbrille fragt, wo du sie doch prominent im V-Ausschnitt seines Pullis stecken siehst. Hat sich womöglich ihr ganz kleines, privates Späßchen mit mir erlaubt, die Signora. Soll jedoch sein. Ich werde wohl wirklich alt und schreibe diese hoffentlich flüchtige Demenz-Attacke des zeitweisen Verlustes des Sonnenbrillenpräsenzbewusstseins meinem 50er zu, mit dem ich mich morgen auseinanderzusetzen haben werde.

Ist aber alles egal. Diese wundervolle halbe Stunde Sonnenuntergang am Lido von Venedig mit den vielen kleinen Schifferln und Vaporettos und Lastkähnen und Gondeln und Möwen und was weiß ich was noch allem, die vor dem dunklen Orange der Szenerie immer wieder mein Blickfeld durchkreuzten, war das beste Geschenk. Schwerer Emotionsalarm, danke Universe!

Reines Glück, dass wer oder was auch immer mich glauben ließ, ich hätte die Brille verloren, und so für die entscheidende Verspätung sorgte, während mir dann, als es nötig war, die Brille wieder wie von Geisterhand an den Pulli gezaubert wurde.

Und P.S. noch: Die Fährfahrt. Die ist best of Fährfahrt, das glauben Sie nicht. Sie müssen das machen, es geht vorbei an allem, was Venedig so berühmt macht, Piazza San Marco, Dogenpalast und so weiter. Schöner können sie 20 Minuten ihrer Zeit vermutlich nicht investieren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s