Millionäre

Jim Boni schüttelte mir die Hand mit einer Herzlichkeit, welche die Kraft aus der wuchtigen Eishockeytrainer-Pranke mit einer Heftigkeit zu mir überwechseln ließ, die ein mittleres Zusammenzucken unvermeidbar machte. Ich bin ja selbst nicht von kleinlicher Statur und wir Steirer haben, wenn wir wollen, sowieso einen Händedruck, dessen Festigkeit die Welt erzittern lässt. Doch Boni, der gebürtige Italiener mit starkem kanadischen Einschlag und derzeit österreichischer Heimat, toppt das locker.

Servus und alles Gute noch, gab Boni mir in seltsamem, kanadisch angehauchten Idiom samt italienischem Einschlag mit auf meinen Weg in Richtung Tribüne hinauf.

Ich folgte Hans Schmid, dem Präsidenten der Vienna Capitals, jenem Eishockeyverein, der am Vorabend dank des verlorenen Matches gegen Red Bull Salzburg nur österreichischer Vizemeister geworden war. Wobei „nur“ ein wenig das falsche Wort ist, sie sind bei den Caps nämlich alle ziemlich glücklich über den zweiten Platz, weil der weit mehr ist, als man sich am Anfang der Saison erhofft hatte. Daher wohl auch der freundlich-brachiale, euphorische Händedruck des Trainers, nachdem er mich als Journalisten identifiziert hatte, der sich gleich anschicken würde, den Präsidenten des von ihm trainierten Vereins zu interviewen.

Hans Schmid also, ein allem Anschein nach total entspannter Mensch.

Ich glaube nicht, dass dessen Gelassenheit vom vorabendlichen Vizemeistertitel kam oder davon, dass er für seinen Verein nun eine gute Saisonbilanz ziehen konnte. Sie kommt bei Schmid, dem ehemals prominentesten und erfolgreichsten Werber des Landes, wohl mehr von innen heraus. Der Mann ist inwzsichen 75, sieht aber aus wie maximal 60 und hat die Energie eines 40jährigen plus den weisen Helikopter-Überblick eines 100jährigen Methusalems. Dass Herr Schmid, sagen wir es vorsichtig, sehr wohlhabend ist, mag natürlich auch eine Rolle spielen. Als reicher Mensch gehst du einfach am Morgen jedes Tages gelassener in die Welt hinaus, als wenn du dir Sorgen machen musst, wie du dein Mittagessen bezahlen sollst.

Wie auch immer, mich beeindruckte die geduldige Freundlichkeit des Millionärs mit seinem Gesprächspartner, die wohl nicht gespielt, sondern ehrlich gemeint war. Wir redeten für das FORMAT über Sport, Wirtschaft, Politik und auch Persönliches, insgesamt über ein ziemlich buntes Kaleidoskop von einem Leben. Sie können das im morgen erscheinenden Heft nachlesen.

Hans Schmid ist ein toller Gesprächspartner. Unglaublich höflich, er nimmt sich Zeit und kein Blatt vor den Mund, was wir Journalisten in dieser Kombination ja lieben. Insgesamt ein angenehmer Mensch. Mit schicker Historie, ich sage nur: Österreichs erfolgreichste Werbeagentur aufgebaut und mit ordentlich Reibach verkauft, das Magazin „Wiener“ gegründet, die Arbeiterzeitung übernommen und erzwungenermaßen mit Millionenverlusten eingestellt, das Steffl-Kaufhaus in der Wiener Kärntnerstraße gekauft und zu einem modernen Einkaufstempel gemacht, Wiens größter Winzer geworden, dazu Hotelbesitzer am Wörther See und was weiß ich was noch. Die zu den jeweiligen Engagements gehörigen Geschichten und Episödchen sind, wenn Schmid sie erzählt, kurzweilig und unterhaltsam wie eine Achterbahnfahrt. Auch kleine Geheimnisse aus der früheren österreichischen Politik und Wirtschaft sind darunter, schöne und unschöne, die ich Ihnen aber weder hier noch im Format weitererzählen darf.

Für mich als Interviewer war´s jedenfalls ein guter Termin. Klar ist Schmied, da bricht wohl doch der Ex-Werber durch, ein Kommunikationsprofi, der genau weiß, wie er seine Ansprechpartner zu nehmen hat, damit die sich für ihn und von ihm einnehmen lassen. Aber wie gesagt, eine gewissen Grundehrlichkeit und Basisfreundlichkeit scheint hinter der professionellen Fassade immer durch, und das ist gut so. Auch die Fotoarbeiten am Eis der Albert Schultz Halle in Wien, Heimstätte der Vienna Capitals, ließ Schmid geduldigst über sich ergehen.

Das ist nicht bei allen Reichen immer so.

Als Wirtschaftsjournalist ist man ja ein wenig privilegiert und kommt ab und an mit einigen der Herrschaften ins Gespräch. Ich erinnere mich noch gut an einen Interviewtermin mit Hanspeter Haselsteiner, bei dem der Fotograf unglaublich Stress hatte, weil der – womöglich – Euromilliardär sich nur sehr unwillig die Zeit für ein paar gute Aufnahmen nehmen wollte. Im Gespräch allerdings dann war auch Haselsteiner geduldig und freundlich, ganz professioneller Kommunikator. Trotzdem: Bis auf Schmid merkt man bei allen sehr reichen Menschen, mit denen ich von Berufs wegen bisher zu tun hatte, dass sie – eh klar – mit mir nur reden, weil ich Journalist bin. Und dass sie darüber hinaus das Einverständnis mit dem Gesprächstermin bereits als das größte Zugeständnis betrachten, das zu machen sie bereit sein wollen. Bei kritischen Fragen werden sie deutlich schneller kurz angebunden als „normale“ Generaldirektoren oder sogar Politiker. Voll okay natürlich. Wenn man von niemandem mehr etwas braucht, ist diese Bereitschaft nicht zu unterschätzen – und ich war bei jedem einzelnen Termin dankbar, dass man überhaupt die Zeit erübrigen wollte, mir ein Gespräch zu gewähren.

Millionäre und Milliardäre leben ganz sicher einfach in ihrer eigenen Welt, in der andere Regeln und Rahmenbedingungen gelten, das ist halt einfach so. Und das ist überhaupt nichts Böses.

Sowieso wiederum ganz anders ist alles natürlich bei Frank Stronach, dem Reichsten unter den Reichen, mit denen ich in den vergangenen vier Jahren zu tun hatte. Der lebt überhaupt in seinem eigenen Universum. Im Frank-Land, aus dem er wohl nicht mehr heraus findet und in dem die Regeln der Physik – und alle anderen auch – irgendwie aufgehoben sind. Stronach live zu erleben, egal ob im persönlichen Gespräch (das ich unter vier Augen mit ihm noch nie hatte) oder in einer Gruppe, ist ein Erlebnis, dass nicht adäquat beschrieben werden kann. Sie können sich aber durchaus noch einmal jenes legendäre ZiB-2-Interview anschauen, in der die ohnehin famose Lou Lorenz ihre liebe Not mit dem schrulligen alten Herrn hatte. Dann wissen Sie recht schnell und recht gut, was Sache ist.

Aber das muss man Millionären und Milliardären wohl zugestehen und man muss es ihnen sogar nachsehen. Die Kraft, die Eishockeytrainer Boni in seiner Pranke mitführt, liegt bei ihnen unter anderem eben im Portemonnaie. Das führt naturgegeben zu einer Art von Unabhängigkeit im Verhalten, die sich sonst niemand leisten kann. Und wenn dann einer trotzdem so normal, nett und unprätentiös bleibt und auftritt wie Hans Schmid, um zum Ausgang dieses Blogposts zurückzukehren, dann ist das wohl eine ganz tolle und rühmliche Ausnahme.

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