Bewerbungsgespräche

Im Kaffeehaus am Sonntag liest man Sachen, die man sonst nicht liest, zum Beispiel eine Geschichte über Bewerbungen. Ich bin an sich über das Alter hinaus, in dem man sich wo bewirbt. Vergessen wir jetzt bitte die Diskussion: Aber warum denn, brauchst leicht einen Job, geh du bist doch eh noch jung… Und so weiter. Nein, ich brauche keinen Job. Sollte das doch einmal wieder der Fall sein, dann neige ich mit all der angesammelten Lebenserfahrung eher dazu, ihn mir selbst zu schaffen, statt auf Angebote oder Zeitungsinserate zu warten.

Übrigens fast schade eigentlich ehrlich gesagt, dass ich keinen Job brauche und ohnehin viel zu vollbeschäftigt bin, denn ich hätte da so eine richtig kühle Projektidee im Hinterkopf…

Aber naja. Darum geht es nicht. Ich las ja soeben in der Zeit vom Thema Bewerbungen. Scheinbar spielt die Sache sich in der neuen bunten Welt des www und der Social Media ein wenig skurriler ab als zu jener Zeit, in der ich jung war. Scheint so zu sein, dass Bewerber sich heutzutage bemüßigt fühlen, ein Lebensmotto im Lebenslauf anzugeben. Hm. Nicht nur, dass mich das als junger Mensch vor ernste Probleme gestellt hätte, weil: keines vorhanden. Auch heute noch sind mir Leute, die nach einem Motto leben, tendenziell eher suspekt als sympathisch. Ich hätte jedenfalls damals, als ich Kommunikationschef eines großen Unternehmens war und sich dauernd Bewerbungen auf meinem Schreibtisch stapelten, eher ein bissl blöd geschaut, hätte mir einer der hoffnungsvollen künftigen vielleicht-Mitarbeiter so etwas wie ein Lebensmotto unter die Nase gerieben.

Soll man auch heute immer noch nicht machen, urteilt die Zeit in ihrem Artikel, was mich beruhigt. Bin also doch nicht völlig von gestern. Der Story entnehme ich allerdings auch, dass es inzwischen tatsächlich ein Antidiskriminierungsgesetz zu geben scheint, zumindest in Deutschland, das es einem möglichen Arbeitgeber verbietet, dem Bewerber Nachteile daraus erwachsen zu lassen, dass er seiner Bewerbung kein Bild beifügt. Ui, da hätte ich wohl gegen etwas verstoßen, damals, weil ich Bewerbungen ohne Bild gleich aussortierte und in den Absage-Ordner schob. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob wir es mit all den Regelungen nicht manchmal übertreiben.

Wie auch immer. Denke jetzt an einige der Bewerbungsgespräche meines Lebens. Da war zum Beispiel die Deutsche mit dem eingebildeten Superdurchblick für eh alles, die zum Termin verständigungslos (es gab damals schon Handys) 75 Minuten zu spät kam und dann recht beleidigt war, als ich nur mehr zehn Minuten für sie Zeit hatte. Den Anflug von München nach Wien, von dem bei der Terminvereinbarung nicht die Rede gewesen war, wollte sie deshalb rückerstattet haben. Unnötig zu schildern, wie angepisst sie reagierte, als sie weder das Geld noch den Job bekam. Kann mich auch noch an einen Bewerber erinnern, der mir umstandslos erklärte, was ich alles falsch machen und nicht können würde – als Sprecher des Unternehmens genauso wie beim Führen eben dieses Bewerbungsgespräches. Auch er bekam den Job nicht, weil mir die mögliche Zukunft mit ihm irgendwie zu kompliziert erschien.

Selbst habe ich auch einmal ein Gespräch ordentlich verbockt, was im Nachhinein betrachtet aber wohl ganz gut war. Ich wollte in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre bei einer der damals führenden PR-Agenturen des Landes andocken. Ob ich mir vorstellen könne, für etwas oder jemanden keine PR machen zu wollen, fragte mich der ein wenig schnöselig daher kommende junge Agenturchef, Typ abgehobener Adelsspross, damals eine Branchengröße. Ja, sagte ich, für Kurt Waldheim. Das war der Bundespräsident und die nicht total taufrischen Semester unter Ihnen, liebe Blog-Leser und Innen, erinnern sich sicher noch an die ungustiösen Diskussionen um dessen Nazi-Vergangenheit. Jedenfalls, so schnell war ich nie zuvor – und danach auch nie wieder – aus einem Büro verabschiedet.

Irgendwie bin ich eigentlich ziemlich froh, dass ich mich nirgendwo mehr bewerben muss. Ich hoffe sehr, das bleibt so.

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