Die voll coolen Socken

Minutenlang stehe ich schon hier und beobachte die Luft. Um mich wogen Wiesen, aber das ist kein Spaß. Nach vorne blicken kann ich nicht, dort schleicht das Grauen in aufreizender Langsamkeit um ein Wässerchen herum, stapft in Zeitlupe über kurzes Gras, verrichtet notwendige Handlungen im Schneckentempo und so weiter, da kann ich nicht hinsehen, sonst muss ich mich ärgern. Jetzt fängt es auch noch zu regnen an, ein paar schüchterne Tropfen vorerst nur, ich habe die berechtigte Hoffnung, dass ich halbwegs trocken bleibe, weil sich dieser Stau vor mir doch bald einmal lösen muss und hinter den Wolken über mir eh immer noch die Sonne blinzelt. Doch der Stau löst sich nicht, die Wolken lösen sich nicht, die Sonne verschwindet, es beginnt zu schütten.

Abbrechen? Schirm? Ich doch nicht. Nicht am Golfplatz. Ich bin ja gefühlter Ire. Wir golfen bei jedem Wetter. Aufgeben und Schirme, das ist was für Mitteleuropäer, diese wehleidig wimmernden Weicheier, die bei jedem Lüfterl immer gleich nach Hause gehen. Aber wir Iren, wir golfen, solande wir irgendwie stehen können, weil der Sturm uns eben nur fast umbläst.

AergerTrotzdem, hier in Bad Tatzmannsdorf, wo ich am gestrigen Samstag gerade arbeitete, nervte mich der schwere Regen doch. Wegen dieses Schneckentempo-Flights vor mir. Dieses langsame Spiel der lächerlichen Touristen-Golfer gehört sich nicht, die null Ahnung haben, was auf einem Golfplatz abgehen und nicht abgehen sollte. Und wenn es dann auch noch regnet, kann man da schon einmal aus der Haut fahren. Sollte man aber nicht, und Gott sei Dank hatte ich vor wenigen Tagen erst diesen Essay in der aktuellen Golfrevue gelesen, in dem Empfehlungen für derartige Fälle gegeben werden. Ich kann den Text praktisch auswendig. Das liegt nicht daran, dass er etwa so gut wäre – sondern daran, dass ich ihn selbst geschrieben habe. Er rät: ruhig bleiben. Das Schöne rundherum sehen. Gelassenheit praktizieren. Einfach trotzdem Spaß haben. Beherzigte ich in der Sekunde, und wissen Sie was? Der Regen stoppte, ein freundliches Lüfterl verjagte die Wolken, ich grinste und pfiff für mich allein ein irisches Liedchen, alles war auf einmal gut. Der Flight vor mir vertschüsste sich zwei Bahnen später ins Clubhaus und ich spielte die Back Nine in Glück und Frieden.

Darf ich noch schnell ein wenig Eigenwerbung machen? Danke. Ich habe nämlich meine Freude mit diesem Text, den ich immer schon schreiben wollte. Er ist zwar ein wenig unpoetischer ausgefallen als geplant und geschliffener formuliert könnte er an der einen oder anderen Stelle auch sein. Irgendwie neigen außerdem Chefredakteure oder Korrektoren scheinbar pathologisch dazu, Rufzeichen in journalistische Texte einzubauen, wo sie nicht hingehören. (In Wahrheit ist es ja so, dass in journalistische Texte überhaupt keine Rufzeichen gehören, die sind dort ein Supergau des Gehtjagarnicht, und ich halte mich eisern an diesen Grundsatz. Wenn Sie also in einem mit meinem Namen gezeichneten Text ein Rufzeichen vorfinden, wissen Sie: Von mir kommt das nicht.) Egal jetzt, jedenfalls: Es würde mich freuen, wenn Sie sich eine Golfrevue kaufen und den Essay „Vom Glück im zarten Gras oder wie man richtig Spaß am Golfplatz hat“ lesen.

Warum ich überhaupt in Bad Tatzmannsdorf war? Erzähle ich Ihnen gerne, also gleich ein bissl Sneak Preview jetzt: Ich sprach mit dem Hotelier-Pferdezüchter-Golfsponsor-Guteslebenpraktizierer-Undsoweiter Karl Reiter. Er kam einst aus dem Tiroler Achenkirch, kaufte das halbe Burgenland und lebt da jetzt. Ein sehr spannender Mensch, ich glaube fast auch: ein sehr respektabler. Sie werden demnächst in einem der Magazine, für die ich schreibe, davon lesen können. Porträt underway. Und weil Reiter auch viel über Österreichs Innenpolitik sprach und dabei nicht mit Seitenhieben sparte, auch nicht mit direkten Uppercuts, woanders vielleicht gleich auch noch ein Interview.

Bildschirmfoto 2015-05-10 um 12.50.29Fotograf W. jedenfalls legte sich für die optische Begleitung ordentlich ins Zeug, was Sie bitte durchaus wörtlich zu verstehen haben. Sehen Sie sich nur das nebenstehende Making-of-Bild an. Anschließend besprachen Reiter und ich bei einem guten Mittagessen die Welt. Er würde sich jetzt für zwei Stunden ins Fitnessstudio vertschüssen, sagte der Mid-Sechziger, der aussieht wie am Beginn seiner Fünfziger, nach dem Kaffee. Gut, dann vertschüsse ich mich meinerseits für vier Stunden auf den Golfplatz, sagte ich Anfangs-Fünfziger, der aussieht wie einer, der auf die 60 zugeht.

Bildschirmfoto 2015-05-10 um 13.56.14Aber ich wurde später gleich wieder jünger. Weil ich Golfplätze mag, geht es mir dort meistens gut und ich blühe optisch auf. Daran ändern auch langsame Mitspieler nichts. Statt wie 60 schaue ich dann aus wie 59. Nach der Runde zwar meistens wie 85, weil die Sache ab und zu doch recht anstrengend ist. In Bad Tatzmannsdorf zum Beispiel geht es an manchen Stellen ordentlich hinauf und ich bin ja mehr der Bag-Träger als der -Hintermirherzieher. Aber habe ich eine Runde erst einmal fertig absolviert, denke ich, Ritual halt, meistens kurz an Mister McIlroy, der Welt derzeit besten Profigolfer. Er schreibt in seinem Twitter-Account nämlich über seinen Beruf: „I hit a little white ball around a field sometimes“. Genau das ist Golf und genau so etwas mag ich. Und weil Rory, die voll coole Socke, ja parktisch Landsmann von mir ist, bin ich dann immer total zufrieden und verjünge mich äußerlich auf 45 herunter. Dann trinke ich im Clubhaus noch ein Bier, das kostet wieder fünf Jahre, also bin ich dann beim Heimfahren 50 – und genau da angelangt, wo ich als Kind des Jahres 1965 auch hingehöre.

Karl Reiter, übrigens, ist wohl auch eine voll coole Socke. Würde die Regierung anfragen, ob sie bei uns hier eine ihrer Klausren machen könnten, erzählte er mir im Brustton der Überzeugung, würde ich ablehnen. Denn so wie die agieren, will ich die und alle anderen Politiker hier bei mir nicht haben. Aber er ist wohl doch auch nur ein ganz normaler Mensch. Denn beim Verabschieden an der Rezeption Folgendes: Da pirschte sich plötzlich ein Anzug von hinten an Reiter heran, rief überlaut und viel zu extemporiert für den guten Geschmack Hallo! und war irgendwie total der blauäugige Populisten-Strahlemann. Reiter lächelte und ergriff die hingestreckte Politikerpranke herzlich (er macht das allerdings aber mit allen seinen Gästen so, also sollte man es andererseits wohl nicht zu sehr auf die Waagschale legen): Der Unsägliche von der Rabauken-Opposition hatte sich mit seinem jungen Begleitungs-Blondinchen in Reiters Fünfsternehotel eingefunden.

Kurz überlegte ich, das Handy zu zücken, heimlich ein Bild zu machen, das veröffentlicht sicher gut in einem Medium kommen würde. Immerhin wird ja, soweit ich weiß, derzeit noch jedes nähere Techtelmechtel konsequent abgestritten, man sei nur Freunde, heißt es. Jedoch bin ich klein Klatschschreiber nicht, die Privatsphäre von Politikern respektiere ich. Also ließ ich es gut sein. Denn ich, ebenfalls: eine voll coole Socke.

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