Bild: Votava/ PID

Escape

Es wird nicht leicht, heute Abend. Im TV droht Grausames auf allen Kanälen. In einen lauschigen Gastgarten flüchten geht nicht, weil Starkregen. Nicht einmal in ein anderes Land kann man abhauen, weil diese unverständliche Auszucke überall stattfindet. Haben Sie sich eigentlich schon einmal Gedanken darüber gemacht, warum „ESC“ das Kürzel für „Eurovision Song Contest“ gleichermaßen ist wie für den Terminus „Escape“? So etwas muss doch einen Grund haben.

Jedenfalls weiß ich, dass ich mir jetzt gleich den heiligen Zorn aller Menschen zuziehe, weil sie im kollektiven Song-Contest-Fieber liegen und jeder, der was Schlechtes über dieses plüschige Spektakel sagt, nur ein ganz, ganz Böser sein kann. Warum das so ist, werde ich nie verstehen. Wir brauchen diese internationale Gruselkabinettshow des schlechten Geschmacks wirklich nicht, weder hier noch anderswo. In die Rettung der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer wären die mehrere hundert Millionen, die in allen teilnehmenden Ländern zusammen genommen für den Song Contest verpulvert werden, sicher besser investiert. Dann würde das Geld Menschenleben retten und nicht Gehörgänge zerstören. Außerdem, bitteschön: Was soll denn dieses ganze bigotte Toleranz-Gefasel! Glaubt wirklich jemand, nur weil man auf ein paar Verkehrsampeln bunte Bildchen gleichgeschlechtlicher Liebespaare klebt, die mir im Übrigen gut gefallen, wird aus Wien gleich eine weltoffene, tolerante Stadt?

Hallo? Toleranz! In Wien?

Setzen Sie sich einmal in den 49er und fahren Sie hinaus nach Hütteldorf, hören Sie in der Tram dem Gewäsch der Früh- und sonstigen Pensionisten zu, auf dem Weg in ihre Penzinger Kleingartensiedlungshäuser, welche trotz aller Beengtheit dem Intellekt in den Köpfen ihrer Besitzer immer noch zuviel Raum bieten. Lauschen Sie, was man in den Straßenbahnzügen Wiens so alles über Flüchtlinge, Andersdenkende und Andersliebende – und umgekehrt viel schlimmer noch: über Hitler, Strache und all den braunen Müll – von sich gibt. Da kann der gekünstelte Herr Neuwirth siebentausendmal davon zirpen, wie sich irgendwas aus irgendeiner Asche erhebt und empor fliegt. Das ändert nichts daran, dass in Wien, der Welthauptstadt von Grundgrant, Neid, Bosheit, Missgunst und Engstirnigkeit, nie im Leben etwas unstoppable sein wird, das die minimale Vorstellungskraft der großen Masse jener Spießbürger sprengt, die in ihrem Leben gedanklich über Ottakring im Westen und über Simmering im Osten noch nicht hinausgekommen sind. Ausgenommen vielleicht jene zwei alljährlichen Urlaubswochen, im vorigen Jahrhundert jeweils verbracht auf den total voll polyglotten Campingplätzen von Cáorle oder Lignano und in diesem Jahrhundert in den Clubghettos Tunesiens oder Thailands.

Diese Mär der plötzlichen Toleranz und Weltoffenheit aller Österreicher jedenfalls ist verlogen bis zum Gehtnichtmehr. Und der Song Contest ist sowas von total unnütz, dass in Sachen Sinnlosigkeit höchstens noch dieser seltsame Volksrocker oder der Musikantenstadl mitkommen. Das Einzige, was am Eurovision Song Contest jemals gut war, waren diese drei Minuten damals, als die elfengleiche Eimear Quinn, eine Irin selbstverständlich, die Bühne betrat. Der Rest davor oder danach war und ist ein mörder Desaster.

Jetzt will ich aber nicht nur nörgeln, denn zu meiner eigenen großen Überraschung habe ich zuzugeben:

Die Stadt wurde in den vergangenen Tagen rein von der gefühlten Stimmung her tatsächlich ein wenig internationaler. An allen Ecken hört man fremde Sprachen und dank der vielen Gäste aus Überall wirkt das sonst in Permanentpräsenz vorhandene bösartige Wienerische ein wenig harmloser, leichter, luftiger. Ich glaube sogar, die Menschen sind ein winziges Tausendstelmillimeterchen flauschiger im Umgang miteinander. Das ist natürlich großartig, aber lassen wir uns bloß nicht einlullen: Ab morgen schon werden die Tribünen der Public Viewings abgebaut, die ESC-Bühne in der Stadthalle eingerissen, die Flugtickets der Gäste nach Hause gelöst. Dann ist Wien wieder, was Wien eben ist: eine Hauptstadt des Kleingeistes, die gerne groß wäre, aber über die Lächerlichkeit der Provinzialität doch nicht hinauskommt. Und aus der so manche Anwesenden, ich als allererster, am liebsten nur eines wollen: weg.

P.S. erstens: Das Copyright des Aufmacherbildes lautet „Votava / PID“.

Und P.S. zweitens: Was echte Toleranz ist, zeigen uns soeben die Iren, die trotz ihres unseligen Katholizismus´ soeben per Volksamstimmung für die verfassungsmäßige Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe stimmten. Während das im nicht wirklich, sondern eben nur ESC-toleranten Österreich immer noch in weiter Ferne liegt.

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