Disco, Baby!

Heute bin ich Oligarch. Es fehlt mir zwar am Geld, das passende Auto habe ich aber. Klar gibt es noch fettere Schiffe, doch der dunkle (Sie sehen oben nicht mein Testfahrzeug, sondern ein Pressebild) Land Rover Discovery Sport in seiner Luxus-Ausstattungsvariante EMA, also „eh mit allem“, macht ganz schön was her. Und diese abgedunkelten Seitenscheiben, damit keiner von der bösen Welt draußen reinsieht, wie du drin auf kaffebraunes Leder gebettet die Rubel wäschst, während du Leibwächter Dimitri per Freisprecheinrichtung die Anweisung gibst, in den Pizzerien des Moskauer Vorortes Chimki die Schutzgeldkassa frisch aufzufüllen – diese Seitenscheiben braucht es bei so einem Wagen natürlich.

Oder so.

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 11.29.29Die Wahrheit ist, der Disco ist eine feine Kutsche. Das Auto kommt gut, eingeparkt derzeit an einer Grazer Bordsteinkante vor Gründerzeit-Häusern. Erstklassiges Design, Geländegängigkeit bei Land Rover praktisch sowieso in den Genen einbetoniert, und seit die Tata-Inder die britische Traditionsmarke übernommen haben, geht dort richtig was weiter. Bemerkenswert: Trotz Influence from India ist alles very british geblieben, im positiven Sinn. Ich mag das. Der Sprung von Vorgängermodell Freelander 2, das der Discovery Sport soeben abgelöst hat, ist dementsprechend gigantisch. Der Freelander war ja früher einmal das Baby der Marke, bis der Evoque kam. Der Discovery Sport ist nun erwachsen geworden.

Jetzt bin ich ja nicht so der SUV-Typ, sondern mehr der Sportwagenmensch. Könnte ich wie ich wollte, wäre ein Aston Martin oder ein Jaguar das Auto meiner Wahl. Ich schaue einfach nicht so gern aus dem ersten Stock auf die Menschen hinunter. Die meisten mögen das, aber ich begegne der Welt lieber auf Augenhöhe. Da hat der Disco natürlich schon von Haus aus einen schweren Stand bei mir, aber das soll nichts heißen. Das Auto ist eine erstklassige Wahl für alle, die ab und zu die Großstadt gegen einen Forstweg tauschen, der im Herbst schon einmal schwer verschlammt und im Winter durchaus verschneit sein sowie ordentlich rauf und runter führen darf. Das duftende Leder, der gute Stil drinnen und draußen sowie das ganze moderne Brimborium von der feinen 9-Gang-Automatik bis zum Panoramaglasdach weisen Discovery-Besitzer als geschmackvolle Typen aus. Typen mit Kohle, denn das Auto kostet samt Extras ganz schön, das wollen wir dann doch nicht verschweigen. Mit allem Drum und Dran liegt der Testwagen in der 75.000-Euro-Region, so viel Bares will erst einmal verdient werden. Doch was tut man nicht alles für das gute automobile Leben.

Was der Disco, der die Bewältigung praktisch jeder Herausforderung richtig gut drauf hat, noch nicht so wirklich richtig gut kann, ist das Musik machen. Zumindest nicht meine Musik. Mit ein wenig Probieren schaffte ich es zwar ziemlich schnell, das iPhone via Bluetooth an die großartige Soundanlage zu koppeln, doch das Navigieren durch die iTunes-Downloads per Lenkradtasten ist vorderhand noch zu kompliziert für mein schlichtes steirisches Oligarchenhirn. Ist ehrlich gesagt ein wenig lästig, immer das Handy zur Hand nehmen zu müssen, wenn du was Neues hören willst. Ich meine: Da möchte ich in der Sekunde von Shane McGowan zu Billy Joel wechseln und mitsingen und dann muss ich da erst am Handy-Bildschirm herumschisteln, und habe ich dann alles in die richtige Position gewischt, ist die Mitsingstimmung weg. Taugt mir nicht so, aber ich kriege das noch auf die Reihe, werde morgen die Bedienungsanleitung ausführlich studieren und nachlesen, was zu tun ist. Oder besser noch, ich sag einfach Dimitri, er soll das regeln.

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 11.29.49Insgesamt habe ich ja den Eindruck, dass beim Disco manchmal vielleicht ein wenig weniger viel mehr sein könnte. Wie ich schon an anderer Stelle einmal anmerkte: Ich bin ein Führerscheinneuling der 1980er-Jahre, und damals hatten die Autos noch ein Lenkrad, einen Schalthebel und in besonders luxuriösen Fällen ein Cassettenradio. Mehr brauchte es nicht, die Dinger fuhren trotzdem. Doch heute, und da ist der Land Rover weniger Ausnahme als Vorreiter, unterstützen, warnen, becircen und verwirren dich im Auto siebenhunderttausend elektronische Helferleins. Das Display am Armaturenbrett zeigt mir zum Beispiel die Verkehrszeichen, die ich am Straßenrand im Original auch sehen kann. In den beiden Rückspiegeln fackeln orange Leuchten dramatische Warnfeuer ab, wenn ein Fahrzeug von hinten zum Überholen ansetzt, was ich aber eh in natura auch sehe. Zwei Displays führen mir die beste Navigation redundant vor Augen und eine freundliche Stimme liest sie mir auch noch vor. Der Tacho zeigt mir jene Geschwindigkeit analog, die ich ein paar Zentimeter daneben digital noch einmal sehe. Weil mein Test-Disco auch TV an Bord hat (wir Oligarchen stehen halt ein bissl auf solchen Firlefanz), sehe ich beim Fahren auch eine Liste regional vorhandener TV-Sender. Kann aber gut sein, dass das irgendwas anderes ist, was das Auto mir da anzeigt, jedenfalls: Fast ist mir das alles ein wenig zu überfordernd.

Gut hingegen: die automatische Heckklappe. Sehr lässig, wenn du die mit schlankem Fuß per Knopfdruck zumachst und dem staunenden Publikum dabei ganz cool in die aufgerissenen Gesichter grinst, während die Klappe sich mit sonorem ssssssssss nach unten zirkelt, satt einrastet, und zu.

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 11.29.13Sie wollen bei Land Rover halt vermutlich stolz herzeigen, was sie alles können, und das ist eh okay so. Die Ladies and Gentlemen in England machen einen richtig guten Job und bauen feine Autos. In der Stadt, auf der Autobahn und in der trachtigen heimischen Provinz bist du mit dem neuen Discovery, dessen elegant-mächtiges Auftreten vor allem die Damen immer gleich recht ordentlich dahinschmezen lässt, der total coole Bringer. Der Lord und sein Sport irgendwie, das macht vor Landgasthäusern gescheit was her und vermutlich rennen dir die lokalen Resis und Rosis und Susis gleich mit Freuden nach. Hab ich aber nicht ausprobiert. Sitzt du jedenfalls hinterm Steuer, halten die Menschen dich schnell für einen erfolgreichen Kühlen. Und weil mir das im realen Leben sonst ja nicht so oft passiert, kann ich mich mit so etwas durchaus anfreunden.

Habe mit dem Disco in den kommenden Tagen noch drei Tests vor, bevor ich ihn wieder zurückgebe. Test 1: Ich chauffiere das stylishe Bröckerl auf einen Golfplatz und werde die neidischen Blicke der Schickimickigolfer in ihren X3-Versicherungsvertreter-BMWs und den protzigen Prunk-Geländeschaukeln von Porsche und Audi mit Eleganz ertragen. Test 2: Ich entere eine Alm und kontrolliere, wie sehr der Disco auch Gemse ist – wobei ich null Zweifel habe, dass er das sehr sein wird. Und Schritt 3, das halte ich mit allen Testautos so: Ich promeniere durch irgendein verschrecktes Provinznest und beschalle dort Land und Leute durchs offene Seitenfenster mit Flogging Molly in dramatischer Lautstärke. Verbarrikadiert sich die Landbevölkerung dann in ihren Häusern und sehe ich nur in panischem Schrecken verschlossene Fensterläden, weiß ich, das Auto ist nicht gut. Stehen die Leute hingegen mit offenem Mund am Straßenrand und schauen, obwohl die ungewohnte Musik gerade ihr geordnetes Musikantenstadl-Weltbild sprengt, bedeutet das: Auto schwer okay. Kann nicht einmal überlauter irischer Punkrock die Neugierde auf das frische und noch selten gesehene Fahrzeug besiegen, muss es von Wert sein.

Beim Disco werden sie alle schauen, da bin ich sicher. Und ich werde hinter den finsteren Scheiben sitzen und mich über meinen Beruf freuen, der mir ab und zu das Privileg einräumt, so gelungene Autos fahren zu dürfen, die ich mir zum Kauf nie leisten könnte, weil ich ja in Wahrheit statt Oligarch mehr Kirchenmaus bin, also: arm.

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