Halt, die Pappen!

Heute wieder einmal ein bissl zurück in die Vergangenheit, knapp 20 Jahre oder so.

Ich las kürzlich irgendwo, vermutlich auf Facebook, die kleine Geschichte eines einstmals prominenten Werbers, mit dem ich früher am Rande zu tun hatte, als ich noch Kommunikationschef eines großen Telekom-Unternehmens war. Der Mann erzählt von einer vergeigten Präsentation, bei der von Anfang an klar war, dass seine Agentur den Job nicht bekommen würde, weil der potenzielle Auftraggeber längst wusste, wen er haben wollte. Und den Pitch – wir sind ja in Österreich, dem kleinen Land der kleinen Geister – nur durchführte, um den Schein zu wahren. Klar könnte man in solchen Fällen als Auftraggeber auch sagen: Den Job bekommt diese oder jene Agentur, weil wir mit ihrem Chef befreundet sind, weil sie bisher gute Arbeit geleistet hat – oder einfach auch nur, weil wir mit ihr und nur mit ihr arbeiten wollen. Wäre alles in Ordnung. Aber nein, stattdessen wird eine glamouröse Show abgezogen, man lässt Agenturen antanzen und Ideen abliefern – von denen wohl manchmal auch unabsichtlich das eine oder andere Bestandteilchen übernommen, also: geklaut wird – und schickt sie wieder heim.

Ich weiß, wovon ich rede.

Vor vielen Jahren nannte ich eine bescheidene PR-Agentur mein Eigen, nichts Großes, ein bissl fast Garagenfirma, aber eh gar nicht schlecht, ich kenn mich ja in der Kommunikation halbwegs aus.. Die Sache lief damals nicht anders, schon gar nicht in der Steiermark, wo man angesiedelt war. Ist ein bissl frustrierend, wenn man sich für eine Präsentation viel antut, kurioseste Schrulligkeiten in Kauf nimmt, und am Ende stellt sich dann heraus, dass nicht nur alles umsonst war, sondern dass schon im vorhinein feststand, dass es umsonst sein wird. An zwei geschmackige Präsentationen erinnere ich mich noch. Was sie charmant machte: beide Male hatte ich meine liebe Not mit Grafikern, die ich an sich hoch schätzte.

Fall 1: Ein damals neuer Privat-TV-Sender benötigte zum Start eine einheitliche Kommunikationslinie, Corporate Design inklusive. Zwar wusste ich in diesem Fall von Anfang an, was es geschlagen hatte, denn in der Ausschreibung stand: „Corporate Identity inklusive“. Somit war klar, dass sie CI mit CD verwechselten – was oft vorkommt und immer ein schöner Indikator ist für: „Achtung, Semiprofessionelle!“. Ein Wiener Grafiker und ich arbeiteten zwei Wochen lang durch und hatten was richtig Gutes zuwege gebracht. Folgende Plan: Ich würde heim nach Graz fahren und am Vortag der Präsentation, die am Morgen stattfand, das Booklet machen. Damals gab es noch Pappen statt Beamer, also würde der Grafiker in Wien alles fertig kleben, schneiden und basteln, und dann frühmorgens zu mir in die Agentur nach Graz kommen, wir würden´s schnell noch einmal durchgehen und ab zur Präsentation. Ein guter Plan. Aber er schlug fehl.

Am Morgen wartete ich, ich wartete, wartete, der Grafiker kam nicht. Ich rief mehrfach an, ließ es endlos läuten. Doch erst kurz bevor ich zum Kunden los musste, hob der Mann ab, es stellte sich heraus: Er hatte die Nacht durchgearbeitet, sich dann für eine halbe Stunde hingelegt, und war in einen Tiefschlaf verfallen, den weder Wecker noch Telefonklingeln beenden konnten. Klar war jedenfalls: Grafiker noch in Wien, als er schon in Graz sein musste.

Ich warf mich allein ins Auto, fuhr hinaus in den Vorort, wo der Sender seinen Sitz hatte, erledigte dort die Präsentation mit Bauchweh aber Rückgrat, erzählte etwas von einer fürchterlichen Reifenpanne des Grafikers am Wechsel und dem mit Pappen vollgeräumten Kofferraum, der leider keinen Platz für ein Reserverad gelassen hatte. Man nickte verständnisvoll. Ich zeigte Bilder von den Entwürfen her, die ich am Vortag gemacht hatte, und bekam den Auftrag nicht. Allerdings wohl nicht wegen der fehlenden Pappen. Vieles deutete darauf hin, dass von Haus aus jene Agentur vorgesehen war, die auch schon den verschwesterten Privatradiosender betreute. Die Präsentation war möglicherweise nur Show, um den Schein zu waren. Betroffen fuhr ich in die Agentur zurück. Zeitgleich mit mir traf dort Grafiker B. ein, der in selbstmörderischem Tempo nach Graz gerast war, und überreichte mir stolz die Pappen. Ich blieb ruhig, lud ihn nach oben auf einen Kaffee ein und schicke ihn dann wieder heim nach Wien. Er war nicht erfreut, traute sich das aber wegen der eigenen Fehlleistung nicht zu sagen.

Fall 2: Ein großer Elektronikkonzern bat um die Neugestaltung seiner Mitarbeiterzeitung. Für mich fast so etwas wie ein Heimspiel, weil genau das kann ich. Diesmal wählte ich den Salzburger P. als Grafiker, mit dem ich bereits erfolgreich einige Corporate-Medien entwickelt hatte. Alles lief super, wir erfanden was Ordentliches.

Stell dir den Wecker und verschlaf nicht, sagte ich zu P. am Vorabend in einem Telefonat, als ich ihn für die Präsentation in Wien noch einmal aufputschte.

Kurz fühlte ich mich dann am nächsten Tag irritiert, als ich ihn am Parkplatz vor dem Gebäude des möglichen Kunden aus einem Taxi steigen sah, das eine Salzburger Nummerntafel angeschraubt hatte. Aber ich konnte sehen, er hatte die Pappen dabei, also dachte ich nicht lange nach. P. stolperte umständlich aus dem Mercedes und wirkte irgendwie ein wenig ungebügelt, überreichte dem Fahrer einen Packen Geldscheine und ich sah ihn auch noch verstohlen eine Zahnbürste im Sakko verschwinden lassen. Da wusste ich: Auch dieser Mann hatte verschlafen. P. gab schließlich ununwunden zu: so war´s. Aber er besaß Grandezza, war von selbst aufgewacht, als der Zug nach Wien schon über alle Berge war, hatte daher zu Hause in der Salzburger Judengasse ein Taxi bestiegen, dem Fahrer ordentlich die Sporen gegeben, ihn bereits im Wiener Stadtgebiet noch bei einem Billa halten lassen, um sich Zahnbürste und Zahncreme zu kaufen, sich im Fond  die Beißerchen geputzt, dem Taxler am Ziel ein kleines Vermögen übergeben, und war zur Präsentation bereit.

Wir bekamen den Job: nicht. Weil, vermute ich zumindest: Show.

Der neue Kommunikationschef des Unternehmens wünschte sich nämlich eine ganz bestimmte Agentur und sein Unterläufel, der alles abwickelte, spielte brav mit und hatte eventuell nicht die Eier, offene Karten auf den Tisch zu legen. Er lud mehrere Anbieter ein, von denen außer ihnen selbst wahrscheinlich allen klar war, wer den Auftrag bekommen dürfte. Wir konnten ein bescheidenes Abstandshonorar verrechnen, das meiner Erinnerung nach nicht einmal die Taxifahrt Salzburg-Wien deckte. Immerhin rief mich der Mann dann ein paar Tage nach der Entscheidung an und erzählte mir, wie super P.´s und mein Entwurf gewesen sei, ganz klar der Schönste, aber leider halt: doch nicht.

Aber natürlich ist das alles nur meine persönliche Wahrnehmung, vielleicht erinnere ich mich ja auch falsch und alles war ganz anders, unsere jeweiligen Entwürfe vielleicht einfach nicht gut genug. Heute jedenfalls wundert es mich, dass ich mit der PR nicht schon viel früher Schluss gemacht habe und zurück in den Journalismus bin.

Aber ich bin halt intellektuell ein bissl langsam und brauche manchmal Zeit, um Zusammenhänge zu sehen und Zeichen zu erkennen. Ich erledigte den ungeliebten Job weiter. In einem der nächsten Blogposts erzähle ich Ihnen dann vielleicht auch noch, warum ich es schließlich erst im Jahr 2010 mit der PR gut sein ließ, was ebenfalls ein bissl kurios ablief. Ich habe aber noch immer ziemlich viele Freunde in der PR, die mir diverse aktuelle Gschichterln von Präsentationen, Kunden und anderen Widerwärtigkeiten erzählen.

Wenn ich die höre, bin ich teuflisch glücklich, dass ich mir das alles nicht mehr antun muss.

Und P.S. noch: Keine fremden Federn auf´s eigene Haupt – der Titel „Halt, die Pappen!“ stammt nicht von mir. Soweit ich mich erinnere, war das die Headline einer alten ikea-Printwerbung.

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