Oxi

Ich kenne eigentlich nur zwei Griechen persönlich. Der eine war, der andere ist noch immer mit einer Studienkollegin von früher verbandelt. Den beiden fehlt es sicher an nichts, weil: sehr gebildet, erstklassig ausgebildet, schon lange Job und Leben in Österreich und so weiter, alles gut also. Die eine der zwei Studienkolleginnen erzählte letztens jedoch aus ihrer persönlichen Erlebniswelt vom Alltagsleben in Athen, entstanden bei Besuchen in der ehemaligen Heimat ihres Mannes. Grundtenor: nicht schön.

Als Kontrapunkt sehe ich zuletzt immer öfter den selbstherrlichen Wolfgang Schäuble im TV, deutscher Finanzminister und mit Sicherheit aber auch schon so etwas von nicht für Griechenland zuständig, trotzdem führt er das große Wort. Dazu die vor lauter Wohlstandsnoblesse bereits ganz zerfurchte IWF-Chefin Christine Lagarde, der man in Sachen Griechenland beinahe schon erpresserisches Verhalten vorwerfen könnte, wenn man wollte. Plus den blassen Niederländer Dijsselbloem, zu dem ich es dem Journalisten Robert Misik fast schon nachsehen möchte, dass er ihn jüngst in einer Fernsehdiskussion dauernd als „Tschesslblom“ addressierte. Sagen wir halt, die schrecklich falsche Aussprache war keine Bildungslücke, sondern einfach Ausdruck wohltemperierter Geringschätzung.

Jedenfalls: Selbstverständlich juckte es mich schon oft, über die griechische Tragödie hier etwas zu schreiben.

Allein, ich muss gestehen: Dazu kenne ich mich in dem Thema viel zu wenig gut aus. Also hielt ich lieber meinen Mund. Zwar keimt in mir schön langsam der Verdacht, dass bei all denen, die sich in letzter Zeit überall zu Wort meldeten, letztendlich die Auskennerei auch nicht viel besser ist, aber naja. Inzwischen ärgert mich diese egomanische Selbstverständlichkeit jedoch schon dermaßen, mit der die beschämend agierenden Entscheidungsträger in der EU das Problem vor sich her schieben, dass ich nun auch ein bissl mitkommentieren möchte. Schlechter als das, was so viele Kollegen und Kolleginnen aus dem Journalismus dieser Tage locker hintippen, kann es auch nicht werden. Und wenn ich mir bloß in Erinnerung rufe, wie – journalistisch natürlich unzulässig – wertend zum Beispiel die hoch geschätzten und gelobten Kollegen aus der Politik-Abteilung der Kleinen Zeitung, unserem steirischen Micky-Maus-Heft für Erwachsene, in der vergangenen Woche an die Sache herangegangen sind, denke ich mir: Das kann ich gleich gut oder schlecht. Ein wenig bekommt man als Journalist bei einem Wirtschaftsmagazin ja doch von den Zusammenhängen mit. Es reicht, sich eine einfache Meinung zu bilden.

Klar scheint selbst einem Laien wie mir:

Erstens

haben die Griechen seinerzeit, als sie der Gemeinschaftswährung Euro beitraten, selbstverständlich getrickst wie die Bösen. Natürlich hätte man sie nie hereinlassen dürfen. Aber es wird doch niemand so naiv sein zu glauben, dass die europäischen Top-Experten, von der EU-Kommission über den Rat der Finanzminister bis zu den großartigen Fachleuten in IWF, EZB und was weiß ich wo noch, nicht in der Lage gewesen sein sollten, das falsche Zahlenwerk korrekt zu entschlüsseln. Wahr ist: Man wollte damals einfach den Erfolg eines weiteren Landes, das den Euro übernimmt. Ein paar gefälschte Bilanzen? Ein paar getürkte Ratings? Nebbich, wird schon nichts passieren, mögen sich die damaligen Entscheidugsträger gedacht haben. Jetzt die bösen Griechen an den Pranger zu stellen, die damals das ganze arglose Europa getäuscht und hinters Licht geführt haben sollen, ist zumindest verlogen, jedenfalls unzulässig.

Außerdem würde mich interessieren, welche Rolle die Rating-Agenturen und Lehman Brothers gespielt haben, die den Griechen damals ihre Bilanzen, Budgets und Vorausschauen testierten, ohne mit der Wimper zu zucken. Und wem diese Unternehmen damals gehörten und heute gehören, und wer die Profiteure vieler EU-Gelder zur Sicherung der Griechenland-Anleihen sind. Könnte es sein, dass sich da vielleicht ein paar Verbindungen zeigten, würde man nachforschen? Auch würde ich gerne wissen, vom wem der heutige EZB-Chef Mario Draghi damals seine Honorare bezog, von dessen Institut heute das meiste EU-Geld zu Lasten aller Steuerzahler in der Union bereit gestellt wird.

Zweitens

scheint es mir so zu sein, dass das viele Geld, das Europa in den vergangenen Jahren nach Griechenland geschaufelt hat, irgendwie nicht dort verblieben ist. Es wurde wohl zum größeren Teil darauf verwendet, die Schulden zurückzuzahlen, die das arme Land bei den Banken und Fonds und den Institutionen der EU hat. Wie sonst könnte es sein, dass in Deutschland und in Österreich die Finanzminister mehr oder weniger verklausuliert zu verstehen geben, dass man bisher an der Griechen-Rettung ganz gut verdient statt draufgezahlt hat? In der griechischen Wirtschaft – also dort, wo das Geld hin müsste, um das Land wieder aufrichten zu können – ist jedenfalls eher wenig angekommen.

Drittens

ist der Vorwurf, der von jedem einzelnen der EU-Finanzminister erhoben wird, durchaus ein wenig scheinheilig, dass nämlich die Griechen zu verschwenderisch agierten und mehr sparen müssten, was sie bisher einfach nicht getan hätten. Ohne den Schuldendienst erwirtschaftet Griechenland derzeit einen Budgetüberschuss. Das ist mehr, als die meisten der EU-Finanzminister von sich und ihrem Land behaupten können. Unser eigener Finanzminister in Österreich, der bisher außer großen Ankündigungen und einer völlig missglückten Steuerreform nichts zuwege gebracht hat, kann das jedenfalls nicht behaupten.

Viertens

ist es für die Solidargemeinschaft EU, deren Miteinander bei Sonnenschein immer so gerne und ausführlich betont wird, eine Schande, dass Angela Merkel mit ihrem reichen Deutschland und all die anderen Schönwetter-Solidaristen es nicht schaffen, Griechenland die Schulden einfach zu erlassen. Passieren würde nämlich bei Besonnenheit aller Beteiligten überhaupt nichts – außer, dass Banken und Fonds einige Jahre lang nicht diese unglaublichen Gewinnen einstreifen könnten, die sie derzeit lukrieren. Doch die Verluste wären nach ein paar Jahren abgeschrieben – und die Aktionäre könnten wieder ihre Gewinne kassieren. Die würden zwar jammern, heulen und mit den Zähnen klappern, aber in Wahrheit würden sie das schon verkraften.

Und das ganze Gezeter, dass dann die armen europäischen Pensionisten um ihre Renten zittern müssten, weil auch zahlreiche Pensionsfonds nicht unbeträchtlich in griechischen Papieren stecken, die nach einem Schuldenschnitt null wert wären? Lächerlich. Dann verwendet die EU einen Teil des vielen Geldes, mit dem sie nun die Griechen stützt, damit die den EU-Banken und -Fonds ihre Schulden zu immer noch zu hohen Zinsen zurückzahlen können, eben dafür, das Geld den Pensionsfonds zweckgebunden für die Sicherung der Renten zu geben. Oder noch besser, weil den Schlitzohren bei den institutionellen Anlegern ja eher nicht zu trauen ist: Die EU und die Nationalstaaten übernehmen die Ausfälle bei der Rentensicherung direkt und geben das Geld den Betroffenen, also den künftigen Rentnern. Sehr oft sind die einfachsten Lösungen ja die besten. Billiger wäre die Sache jedenfalls. Und der bösartigen Finanzwirtschaft, die ohnehin schon längst aus dem Ruder gelaufen ist, könnte man auf diese Weise auch einmal vor Augen führen, wo der Bartl den Most holt.

Fünftens

müsste man zu alledem die Griechen parallel zum totalen Schuldenschnitt aus dem Euro entlassen, sie ihre Drachme wieder einführen sowie massiv abwerten und damit ihre Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig werden lassen. Verbunden selbstverständlich mit dem Zwang zu Verwaltungsreformen, rigiderer Steuereintreibung und einer Totalrenovierung des marordierenden Staatssystems. Außerdem verbunden mit einem echten Marshallplan, von dem auch die Wirtschaft der anderen EU-Länder profitieren würde – in diesem Fall jedoch dann nicht die Finanz-, sondern die Realwirtschaft. So wäre den Hellenen und mit ihnen ganz Europa geholfen. Geschädigt wären ausschließlich die Shareholder in der Finanzwirtschaft, aber vertrauen Sie mir, die kommen schon klar.

Warum stattdessen alles läuft, wie es nun einmal läuft? Selbstverständlich weiß ich das nicht. Ich möchte jedenfalls nicht annehmen, dass es damit zusammenhängt, dass eben diese Shareholder mit den Regierenden in den einzelnen Staaten – vor allem in Frankreich und Deutschland – in der Union enger verbunden sind, als es gesund sein kann. Und dass zum Beispiel Merkel und Schäuble, selbst wenn man ihnen keine böse Absicht unterstellt, irgendwie ausschließlich falsche Einflüsterer zulassen. Ich möchte auch nicht annehmen, dass all die superreichen Griechen, die schon sehr lange sehr viel zu wenig Steuern bezahlt und ihre gigantischen Vermögen längst ins Ausland verschifft haben, das nur tun konnten, weil auch sie enge Beziehungen zur Finanzwirtschaft unterhalten, wahrscheinlich in vielen Fällen sogar zu ihren Eigentümern zählen – wenn man das komplexe Konglomerat „Finanzwirtschaft“ einmal naiv zu etwas vereinfacht, das überhaupt so etwas ähnliches wie Eigentümer hat, was in dieser Form ja nicht zutreffend ist.

Auf jedem Fall kommt mir an diesem Wochenende, an dem die Griechen über ihr Schicksal und vielleicht auch über jenes Europas abstimmen, ziemlich vieles spanisch vor. Und wäre ich Grieche, wüsste ich, was ich am Stimmzettel anzukreuzen hätte:

nämlich das Wort „Oxi“.

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Ein Gedanke zu “Oxi

  1. Lieber Klaus,
    es gäbe viel darauf zu sagen bzw. schreiben, aber heute ist es heiss, daher in aller Kürze:
    1. Dass man bei gefälschten Statistiken ein Auge zudrückt, verschiebt noch nicht die Schuld fürs Fälschen.
    2.Die Hilfsgelder waren von Anfang an, was auch klar kommuniziert wurde, nicht dazu da, das griechische Sozialsystem zu stützen, sondern die griechischen Banken vor der Pleite zu bewahren, was – wie auch jetzt – das gesamte Land in den Abgrund reissen würde. Ein wenig ging es sicher auch um die Banken aus den Gläubigerländern mit griechischen Staatsanleihen im Portfolio, aber nie darum, das Geld der griechischen Bevölkerung direkt zugute kommen zu lassen.
    3. Der Primärüberschuss ist unter Syriza schon wieder weg und die Greichen haben jedenfalls nachweislich bei theoretisch gleichen Auflagen sehr viel weniger erreicht als die Iren, die Spanier oder die Portugiesen. Was zum offensichtlichen Schluss führt: Nicht das Sparpaket war schlecht, sondern dass es die Griechen teilweise gar nicht oder teilweise mit vielen Schlupflöchern umgesetzt haben. Beispielsweise wirkt sich die Pensionsreform erst ab 2021 positiv auf das Budget aus….
    4.Die Griechen zahlen derzeit den EU-Partnerländern überhaupt keine Schulden, das beginnt – wenn überhaupt – erst im nächsten Jahrzehnt. Und ich bin froh, wenn Minister Schäuble darauf beharrt, dass Solidarität auch ein Mitwirken das anderen erfordert, damit sie nicht auf Dauer strapaziert werden muss.
    5. Weshalb ich mir als Österreicher heute ein „Oxi“ wünsche. Denn dann hat der Schrecken wenigstens ein Ende und ich muss mich nicht mehr länger von der griechischen Regierung pflanzen lassen, dass die Geldgeber Erpresser und Terroristen seien, nur weil sie wenigstens eine Chance haben möchten, einen Teil ihres Geldes auch später einmal wieder zu sehen.
    René

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