Die heiße Stadt

Diese kühle Brise, die momentan sanft mein um sich greifendes Glatzerl umweht, ist eine leider vergängliche Streicheleinheit. Es wird schon bald wieder heiß und die Stadt, vor allem die Großstadt, vor allem Wien, ist dann ein Debakel.

Vergangener Dienstag zum Beispiel, heißester Tag des Jahres so far – der Job ließ mich nicht in einem gekühlten Zimmer kauern, sondern vom Schwedenplatz die ganze Kärntnerstraße hinunter fast bis zur Staatsoper wandern, ein Höllenritt durch schweißgebadete Touristen, grundgrantige Massen angewiderter Wiener und jederzeit auszuckbereiter Polizisten, Fremdenfüher und Verkehrsbetriebe-Angestellter. Kurz vor dem Sacher bog ich nach rechts in Richtung Albertina ab, in Richtung der Büros der formidablen Einrichtung „Location Austria“, unklimatisiert selbstverständlich, wo ein Recherche-Gespräch zu führen war.

Kurzer Einschub nur: Location Austria, das ist jene tolle Einrichtung, die sich sehr bemüht, internationale Film-Großproduktionen nach Österreich zu holen und hier zu betreuen, auf dass unser Land auf den Leinwänden der Welt größer und präsenter daher komme, als es das eigentlich verdient hätte. Die Jungs und Mädls bei Location Austria machen ihre Sache ziemlich gut, ich sage zum Beispiel nur: James Bond. Daniel Craig. Tom Cruise. Mission Impossible. Cameron Diaz. John Malkovich. Und so weiter. Sie werden demnächst in einem der Magazine, für die ich schreibe, mehr darüber lesen können.

Jedenfalls, erzählen wollte ich Ihnen eigentlich von meinen Eindrücken aus dem brennheißen Wien, wie es sich wohl auch kommende Woche wieder darstellen wird, wenn die Temperaturen neuerlich in ihre Mitdreißiger steigen. Kurz zusammengefasst: Die Sache ist nicht schön, die Eindrücke sind nicht gut.

Erstens nämlich: Irgendwie wurde unsere kleine österreichische Welt von einer Art Badeschlapfenisierung erfasst.

Ich weiß wirklich nicht, wann das Einzug gehalten hat. Aber kaum wird es draußen etwas wärmer, wechselt jeder dritte Mensch in diese hässlichen, geschmacklosen Plastik-Flipflop-Dinger, die du dir mit einer Art Stengel zwischen große und benachbarte Zehe klemmst. Nicht nur, dass es dann beim Gehen dauernd klappklappklappklappklapp macht, was mir schwer auf die Nerven geht, weil es derzeit an jeder zweiten Ecke klappklappklappklappklappt. Die Sache sieht auch grauenhaft aus. Vor allem Frauen streifen sich diese Dinger gerne über. Aus mir völlig undurchsichtigen Gründen bemerken sie nicht, dass sie dann wie Schlampen aussehen, die gerade vom Stiegenhauswischen im Rahmen ihres Hausmeister-Jobs nach Hause unterwegs sind, um ihrem in verschwitztes Unterleibchen-Feinripp gekleideten, biersaufenden Ehemann den Schweinsbraten warm zu machen, den er sich reinziehen wird, während er auf Sky Boxen schaut. Welche halbwegs stilsichere Frau würde so einen Eindruck erwecken wollen? Mir kommt vor: im Sommer jede. Gilt natürlich nur im täglichen Leben in der Stadt – im Bad, im Garten, in der privaten Siedlung und so weiter ist die Badeschlapfenisierung völlig okay.

Also Ladies, ich weiß nicht was los ist, während Juli und August knallt ihr alle durch und werft euren guten Geschmack in den nächstbesten Badeteich. So bequem kann das doch gar nicht sein, sich ein Staberl zwischen die Zehen zu stecken und damit klappklappklapp über den Asphalt zu schlurfen. Kommt wieder zur Räson, bitte!

Zweitens. Wir Männer sind selbstverständlich um nichts stilsicherer und ich möchte ein für allemal dezidiert feststellen, klar festhalten und ausdrücklich betonen: Jeder männliche Mensch, der über 16 Jahre alt ist, schaut in kurzen Hosen nichts mehr und nichts weniger aus als lächerlich. Kurze Hosen sind was für Kinder. Erwachsene Männer in kurzen Hosen outen sich nicht nur als geschmacklose Dillos, sondern auch als den Anfängen des Primatentums unentwachsene Exemplare aus prähistorischer Zeit.

So glaubt´s mir das doch, Leute: Der Cro-Magnon-Mensch war gestern!

Ausnahmen? Gibt es nicht. Die Sache mit dem Kurzehosenverbot für Erwachsene gilt – auch hier wieder: abgesehen von Bad, Garten und so weiter – ausnahmslos. Allenfalls bin ich geneigt, jene seltsame britische Beinkleid-Mode auf den Bermudas durchgehen zu lassen, die zum Tragen der gleichnamigen Shorts kniehohe Stutzen und Hemd samt Krawatte sowie schöne Schnürschuhe erlaubt, und die auch auf den Kanalinseln Jersey und Guernsey ansatzweise gepflegt wird. Doch auch diese Spielart der kurzen Hosen sieht lächerlich aus. Merket, liebe Blog-Leser: Männer und kurze Hosen = geht überhaupt nicht. Trefft ihr einen Mann in kurzen Hosen, und sei es auch noch so heiß, müsst ihr ihn nicht ernst nehmen, es handelt sich um einen Dodel. Es hat schon seinen Grund, warum es zum Beispiel Profigolfern bei Androhung einer Disqualifikation strengstens verboten ist, bei offiziellen Auftritten, also bei Turnieren, kniefrei anzutanzen. Obwohl es sich bei Profigolf um Sport handelt, wo Kurze natürlich grundsätzlich völlig okay sind.

Drittens. Nicht mehr ganz taufrische Touristen in Wien bei großer Hitze sind die Pest. Selbstverständlich habe ich nichts gegen das Alter und bringe ihm den größtmöglichen Respekt entgegen, schließlich bin ich seit ein paar Monaten selbst bereits 50plus. Aber Reisegruppen 80plus bei Temperaturen um 30plus sind in der Stadt nicht notwendig. Mit Km/h 3minus schlenkern sie über die volle Breite von Gehsteigen und Straßen, schauen, stauen, stöhnen, flanieren, kollabieren und verflüssigen das Miteinander im öffentlichen Verkehr eher nicht. Durchkommen gibt es keines. Findest du dich in so einem Oldie-Mob eingekeilt, alterst du in der Sekunde in die passende Größenordnung und bist dann, obwohl du es nicht willst, einer von denen. Am Rückweg von meinem Termin brauchte ich, weil Oma und Opa vor, hinter, rechts und links neben, über und unter mir, um mich und irgendwie rundherum waren, vom Stephansplatz bis zum Donaukanal eine dreiviertel Stunde. Für nicht-Wiener: üblicherweise ein fünf-Minüten Märschchen.

Mein Appell an sämtliche reisefreudigen Senioren: Schaut euch Wien um Gottes Willen doch bitte im Frühjahr oder im Herbst an. Da ist es viel schöner. Ihr seht dann auch mehr, weil ihr keine nachtschwarzen Sonnenbrillen tragen müsst, die euch den Blick so verfinstern, dass ihr euch um eure Netzhäute keine Sorgen machen müsst. Und diese gigantischen Hüte mit Krempen bis zum Kinn, die euch zusätzlich erblinden lassen, auf dass ihr in jedes bereit stehende Hindernis stolpert, sind dann auch nicht nötig. Außerdem, ehrlich: Wenn man ohnehin schon mit dem Kreislauf zu kämpfen hat, ist es nicht nur schöner, sondern auch gesünder, bei 15 statt bei 35 Grad durch glühende Straßenschluchten zu wanken.

Es ist viertens, außerdem, so, dass die Wiener bei akzeptablen Umfeld-Temperaturen weniger unverträglich sind, als wenn es heiß ist. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass ich echte nicht untergehende Wiener, und das sind ziemlich viele, eigentlich fast alle, für generell verträglich halte. Schließlich wurden Grundgrant und Raunzerei in Wien nicht nur erfunden, sondern werden hier laufend perfektioniert. Was der Autoindustrie ihr Facelifting alle vier Jahre ist, ist dem Wiener sein tägliches Grundgrant-Evolutionsmodell. Ein bisserl eine Optimierung geht immer, und bei fast 40 Grad läuft der prototypische Wiener Autobuschauffeur, nur zum Beispiel, mit unglaublicher Grandezza zur Grundgranthochform auf. Weil die einheimischen Fahrgäste dem dann nicht nachstehen wollen, ist die Benutzung öffentlicher Verkehrmittel in Österreichs Hauptstadt, glauben Sie mir das, ein echtes Erlebnis, wenn das Thermometer über 30 Grad zeigt.

Bildschirmfoto 2015-07-10 um 14.08.37Derzeit sitze ich in Graz in meiner Wohnung, wo die Rollläden nach sizilianischer Manier herunter gelassen und ausgestellt und die Balkontüren geöffnet sind, womit sich sich ein kleiner, feiner Durchzug ergibt, ein laues Lüftlein, dazu angenehm gedämpftes Licht, kurz: So kann man leben, wenn es heiß ist.

Aber Montag muss ich wieder nach Wien. Ich freu mich schon sehr.

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