Der Herr von der PR

Herr Mustermann – den richtigen Namen verrate ich Ihnen nicht, sonst bricht der Mann womöglich in Panik aus – von der PR-Agentur XY ruft an. Er fragt:

Haben Sie eigentlich unsere Presseaussendung letzte Woche bekommen?

Wir Journalisten lieben so was. Ganz genau so was. Da schwingt nämlich immer die vorwurfsvolle Frage mit, warum wir diesen großartigsten aller großartigen Pressetexte nicht zu würdigen wussten, indem wir ihn wörtlich und nach Möglichkeit auf Seite eins abdruckten. Passiert so ein Anruf, dann jubeln wir immer und sind glücklich vor lauter Freude, dass wir jetzt gleich eine spannende Unterhaltung mit einem mit erstklassigem Expertenwissen versehenen Ansprechpartner führen dürfen, dessen Thema uns und unsere Leser in den meisten Fällen nicht sonderlich brennend interessiert. Denn täte es das, hätten wir die Aussendung selbstverständlich bereits verwertet.

In der ersten Stunde der ersten Vorlesung des PR-Masterstudiums an der Uni Wien lernt man: Journalisten anrufen und sie fragen, ob sie eine Presseaussendung bekommen haben – ein absolutes No-go. So etwas macht man als Profi nicht. Schon gar nicht, wenn der Journalist in einem Wochenmagazin arbeitet und gerade seinen Redaktionsschluss-Tag hat. Da ist der Stress nämlich so groß, dass es sinnlose Nachfragen braucht wie einen Kropf. Gute PR-Leute wissen das, kennen die Redaktionsschlüsse der wichtigsten Medien und halten sich an so einem Tag grundsätzlich zurück. Ich bin richtig froh, dass ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis praktisch nur echte PR-Experten habe, die sich wirklich auskennen und auch so agieren.

Aber ich bin eh cool, also erklärte ich Herrn Mustermann geduldig:

Ich bekomme jeden Tag an die 80 Presseaussendungen. Selbst wenn Sie mir sagen, worum es in Ihrer ging, könnte ich mich eine Woche später daran möglicherweise nicht mehr erinnern. Also: Ich weiß nicht, ob ich sie bekommen habe.

Herrn Mustermann lässt das kalt. Aber er hat immerhin einen Teil der Information des Satzes korrekt dekodiert und beginnt, mir den Inhalt der über eine Woche alten Aussendung zu erzählen. Nicht in Kurzform, sondern im Detail. Zuerst lasse ich ihn reden und denke mir, dass auch das vorbei gehen wird. Aber er hört nicht auf und das nächste Telefon läutet bereits, Redaktionsschluss halt. Ich unterbreche ihn. Ich sage:

Ich habe heute leider keine Zeit für so etwas. Wenn Sie unbedingt wollen, schicken Sie mir den Text halt noch einmal Aber lieber nicht.

Und lege auf. Sehr unhöflich, ich weiß. Aber ehrlich, so etwas ist auch zu blöd.

Dann muss ich zu einem Termin. Überflüssig zu sagen, dass sich die alte Presseaussendung bei meiner Rückkehr in der Mailbox befindet, ein zweites Mal. Plus Begleitmail von Herrn Mustermann. Weil mich die Sache jetzt doch schön langsam ärgert, erledige ich, was auch Herr Mustermann erledigen hätte können: Ich sehe mir das letzte Format an. Und finde in zwei Minuten heraus, dass wir in der Vorwoche aus der ersten Aussendung ohnehin eine Meldung gemacht, sie also ins Blatt gerückt hatten.

Nur hat´s Herr Mustermann offensichtlich nicht bemerkt. Wie auch, dazu müsste man sich ja glatt die Mühe machen und die Medien beobachten, an die man etwas verschickt. Ich vermute, in der Agentur XY hält man es für bequemer, stattdessen lieber einfach anzurufen und ins Blaue hinein nachzufragen, was los ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s