Findus macht einen Ausflug

Findus ist vier Monate alt und beim Sieglwirt in Semriach, nördlich von Graz und schon ein wenig in den Hügeln gelegen, der ganz große Darling aller. Wirtsleute, Sommergäste, Tagesgäste und mein Vater, der dort seinen Alterswohnsitz eingerichtet hat, lieben den kleinen weißen Kater. Nudelt Findus sich selbst verspielt über den Hof und die Wiesen, blitzt sein helles Fell richtig auf und die paar grauen Einsprenksel geben der herumkugelnden Katze zusätzlich ein trolliges Aussehen. Alle freuen sich, wenn sie ihn sehen.

Selbstverständlich ist Findus, für den mein Vater ein bissl so etwas wie den Herrn Pettersson darstellt, ein Lauser. Das  handhaben wohl alle kleinen Katzen ähnlich. Nichts ist vor ihm sicher, und auch Findus ist vor nichts sicher. Gefahren ohne Ende für einen kleinen Kater, frage nicht. Vor vier Wochen erst war Findus´ Freundin, die gleichaltrige kleine Katze, die es nie zu einem eigenen Namen gebracht hat, in den Radkasten des Autos von Wirtshausgästen vorgedrungen und hatte den Absprung nicht mehr rechtzeitig geschafft. Als die schuldlosen Leute abfuhren, fiel sie herunter und wurde überrollt. Große Trauer damals überall. Darum hat mein Vater jetzt ein besonderes Auge auf Findus.

Vor ein paar Tagen war der Jungkater plötzlich weg. Zu Mittag war er noch da, eine halbe Stunde und ein paar unbeobachtete Momente später nicht mehr. Entsetzen überall, Suchmannschaften wurden losgeschickt, aber Findus tauchte nicht mehr auf. Ein typisches Jungkatzenschicksal. Es gibt in der Gegend um den Sieglwirt Füchse, Habichte, Dachse und wohl auch das eine oder andere Wildschwein – für einen kleinen Kater, der ohne Schutz unterwegs ist, eine echte Todeszone. Am Abend rief mich mein Vater an um mir mitzuteilen, dass Findus verschwunden geblieben war, und am Telefon konnte ich gut hören, dass er mit den Tränen kämpfte. Ich war dann auch gleich ganz traurig.

Folgende Geschichte, soweit sie sich rekonstruieren ließ:

Findus war, wie Wochen davor bereits seine Freundin, in ein Auto gesprungen. Ob in den Radkasten oder unbemerkt direkt ins Wageninnere, man weiß es nicht. Jedenfalls fuhr er mit dem Wagen aus Semriach ab, ohne dass die Autobesitzer oder sonst jemand es merkten. Das Auto rollte Direttissima ins gut 30 Kilometer entfernte Grazer Shopping Center Nord, wo es wohl etwas zu erledigen gab. So heimlich, wie er zugestiegen war, stieg Findus, der die Fahrt gut überstanden hatte, dort auch wieder aus. Auch von Passanten unbemerkt begab der Kater sich sofort ins Herz des Einkaufszentrums. Dort hielt er  sich nicht lange mit einem sinnlosen Schaufensterbummel auf, sondern trabte allem Anschein nach direkt in jenes Geschäft, das auch Tiernahrung verkauft. Er dürfte sich im Laden einige Zeit lang alles in Ruhe angesehen haben, bis er schließlich einen Kunden am Bein kratzte, der ihn umstandslos der Kassiererin übergab.

In einem Tiergeschäft kennt man sich natürlich mit Tieren aus. Findus bekam zu fressen und zu trinken, dann wurde die Arche Noah verständigt. Die holte ihn ab, versorgte ihn medizinisch samt Entwurmung, Entflohung und Totalcheck, und stellte sein Bild als „Zugelaufen“ auf Facebook. Das sah die Tochter der Wirtsleute – und formelle Findus-Besitzerin – beim zufälligen Surfen am nächsten Vormittag. Am Abend des Tages nach seiner Abreise war Findus bereits wieder zu Hause. Als mein Vater mich mit der Botschaft anrief, konnte ich schon wieder eine zerknüllte Träne in seiner Stimme hören. Ich musste auch kurz einmal schlucken.

Gestern besuchte ich beide wieder, den Kater und Herrn Pettersson. Findus, der Abenteurer, hat seinen Trip völlig unbeschadet überstanden. Er kaut an den Fingern meiner Hand wie immer, als wäre nichts gewesen. Lasse ich einen Golfball an ihm vorbei rollen, begibt er sich sofort auf die Jagd. Und lege ich meine Sonnenbrille auf den Wirtshaustisch des Sieglwirts, ist sie binnen Sekunden Gegenstand gründlichster Findus-Examinierung. Passe ich nicht auf, ist sie weg und taucht dann irgendwo wieder auf, wo ich nie nachsehen würde.

So wie Findus kurz weg und an einem erstaunlichen Ort wieder aufgetaucht war. Ich glaube ja, der kleine Kater hat einfach nur ein Abenteuer gebraucht. Oder er wollte, weil er schlau ist, einmal zum Arzt, sich durchchecken lassen, Vorsorge und so, man weiß ja auch als Katze nie. Weil bei ihm zu Hause aber niemand auf die Idee kam, ihn zum Tiertarzt zu bringen, absolvierte er die medizinische Visite eben in Eigenregie und auf die harte Tour. Egal, er ist wieder da. Demnächst bekommt er eine neue gleichaltrige Katzenfreundin. Und wenn er sich mit gefährlichen Wandertagen künftig zurückhält, wird Findus beim Sieglwirt unter der Fürsorge meines Vaters noch ein super Leben haben, voller Mäuse, mit sicher ganz viel Katzensex und folgerichtig auch mit ganz vielen Katzenjungen einmal, und mit hunderttausenden Streicheleinheiten von Herrn Pettersson.

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