Einer ist immer der Österreicher

Man trifft sich irgendwo in einer Airport-Lounge oder dabei, wie man die Koffer am Gummiband an sich heran rollen lässt.

Das Procedere ist immer dasselbe, höfliches Händeschütteln zur Begrüßung, kollegiale Kumpanei in verhaltenem Maße von Anfang an, wir machen ja alle das Gleiche, mehr oder weniger. Dann ein Bus, den man sich teilt, auf der Fahrt in irgendein Hotel, meistens am Rande oder außerhalb der Stadt , es wird wenig gesprochen. Höchstens zwei oder drei Kollegen, die sich von früher schon kennen, unterhalten sich – zumeist über gemeinsame Bekannte oder vergangene Pressetrips. Der Rest der Busbelegschaft, in der Regel zwischen fünf und zehn Menschen, hört zu. Vertreten sind fast immer mehrere Länder, sehr oft Skandinavien in all seinen Varianten, weil Golf dort oben in Europas Norden eine so große Rolle spielt, dass die vier Staaten überproportional viele Spieler und damit auch Golfschreiber hervorbringen. Praktisch jedesmal sind mehrere Deutsche mit von der Partie, denn die Deutschen sind einfach immer und überall. Ab und zu haben die Veranstalter der Pressereise, in der Regel ein Hotel oder die Tourismus-Organisation eines Landes oder einer Region, auch einen oder zwei Amerikaner eingeladen, selten Schotten, manchmal Italiener, ich freute mich auch schon über die Gesellschaft eines Japaners, den irgend ein ungewöhnliches Presseeinladungsschicksal nach Europa geschwappt hatte, damals in den Norden Irlands. Als Österreicher bin ich in den multinatonalen Truppen meistens allein, jedoch erfülle ich immer brav meine spezielle Rolle.

Einer muss nämlich immer der Österreicher sein. Doch davon später gleich mehr.

Zuvor: Ich mag diese Pressetrips. Draußen vor dem Autobusfenster schwimmen unbekannte Szenerien vorbei. Das ist jedesmal so, und ich schätze diese Minuten – in seltenen Fällen sind es auch Stunden – des Fahrens durch eine fremde Landschaft, durch unbekannte Vorbezirke unerforschter Städte. Es sind immer die letzten Minuten des Schweigens und des Mit sich Seins, bevor dann bei der Ankunft in der Hotel-Rezeption das tagelange Programm startet, das meist wenig Raum für persönliche Ruhe lässt. Da gibt es dann immer einen freundlichen Hotelmanager, bemühte PR-Menschen, unzählige Lunches, Dinners, Abendessen und Besichtigungstouren. Plus natürlich Golfrunden auf verschiedensten Plätzen. Wer glaubt, Golf-Pressereisen sind ausschließlich Vergnügen, irrst sich. Sie sind Arbeit. Aber natürlich ist das vollkommen okay, man bekommt ja später, hat man etwas darüber geschrieben, auch bezahlt dafür. Aber das Tolle: Man trifft neue Menschen, neue Gegenden, neue Freunde.

Denn immer freundet sich die Gruppe rasch an. Das erste gemeinsame Abendessen mag vielleicht noch ein wenig steif sein, auch beim Frühstück am nächsten Morgen herrscht oft noch distanzierte Höflichkeit vor, aber kann man dann am späteren Nachmittag bereits das gemeinsame Erlebnis einer Golfplatzbespielung teilen, entsteht rasch eine ungewöhnliche Freundschafts-Kollegenschaft-Gruppendynamik. Man kennt sich nicht, aber man tut dasselbe, man ist zu einem Zweck hier, den alle teilen, also gehört man für die paar Tage dieses Trips zusammen. Eine Vier- oder Fünftagesfreundschaft sozusagen, danach zerstreut man sich wieder in aller Herren Winde und hört sehr oft nie mehr etwas voneinander. Manchmal auch trifft man sich Monate oder Jahre später wieder woanders unter genau denselben Voraussetzungen, dann geht alles wieder von vorne los.

Golf-Pressereisen sind irgendwie eine schräge, aber feine Sache. Man bekommt durch sie eine Art internationale Westentaschenvernetzung zusammen. Man kann sich die Illusion aufbauen, ein Kosmopolit zu sein. Seit es Facebook gibt, lässt sich dieses trügerische Gefühl noch mit virtuellen Freundschaftserklärungen zur halben Welt zusätzlich befeuern. Denn selbstverständlich befreundet man sich nach jedem Pressetrip mit den meisten Teilnehmern. Journalisten sind gut im Googeln. Wieder zurück zu Hause haben sie im Nu herausgefunden, wo die andern Teilnehmer online zu finden sind.

Aber was ich eigentlich sagen will – wie bereits weiter oben erwähnt: Einer ist bei diesen Trips immer der Österreicher.

In unserem Miniland haben wir nicht viele Golfschreiber. Also ist kaum je mehr als ein Exemplar von uns mit von der Partie, während zum Beispiel unsere lieben deutschen Nachbarn zumeist in Duos, Trios oder sogar in Quartetten auftreten. Dafür kommt uns singulären Österreichern bei diesen Trips fast immer eine ganz bestimmte Rolle und Funktion zu. Wir sind der lustige Kerl, der sich bei Golf natürlich nicht so gut auskennt wie der Rest der Gruppe, der insgesamt ein bissl nicht so richtig ernst zu nehmen ist, der aber zumindest Sound of Music auswendig kennt und höchstwahrscheinlich ein Dutzend Mozartkugeln im Golfbag verstaut hat, und der idealerweise Arnold Schwarzenegger und Niki Lauda persönlich kennt, weil in so einem kleinen Land treffen sich ja praktisch alle täglich.

Einer ist eben der Österreicher.

Selbstverständlich erwartet man vom Österreicher eine gewisse grundsätzliche Putzigkeit, und natürlich ist es geboten, immer – und damit meine ich wirklich: immer – ein Späßchen parat zu haben. Das mit dem Späßchen ist vor allem den deutschen Kolleginnen und Kollegen gegenüber nicht ganz leicht. Sie tendieren nämlich durch ihre angeborene Seriosität dazu, Witze, die Österreicher machen, einfach nicht als solche dekodieren zu können. Ich könnte ein Fotoalbum mit Bildern verständnisloser Blicke deutscher Kollegen machen, nachdem ich was Lustiges sagte. Mit deutschen Frauen ist es leichter, die finden uns Österreicher per se drollig. Wenn du da am Grün einer deutschen Kollegin einen Put schenkst, indem du schlicht Paaasst scho sagst und ein lässige gedehntes Idiom zur Anwendung bringst, könnten sie dich dafür knuddeln ohne Ende und würden dich am liebsten tausendmal Paaasst scho sagen lassen.

Natürlich erledige ich – und meine österreichischen Golfjournalisten-Kollegen (Kolleginnen gibt es fast keine) wohl ebenso – die uns zugedachte Aufgabe nach Kräften.

Ich bin halt auf Golf-Pressereisen der Österreicher. Also lustig. Ich beschwere mich fast nie über was und wenn sich deutsche oder skandinavische Kollegen bei irgendwelchen organisatorischen Ungereimtheiten bereits dem Auszucker nähern, setze ich mich auf meinen Koffer oder das gut verpackte Golfbag, schaue entspannt in die Umgebung und verbreite Easy-going-Schwingungen an die Kollegenschaft. Manchmal sage ich dann auch noch: Aber geh, des paaaasst scho! Dann ist meistens gleich alles gut, die Gruppe entspannt sich kollektiv und wartet geduldig, bis sich alles wieder irgendwie eingerenkt hat. Ich glaube ja fast, das ist der Hauptgrund, warum wir Österreicher zu Golf-Pressereisen überhaupt mitgenommen werden. Unsere Medien können es schließlich nicht wirklich sein, weil ihre geringe Auflage und damit die Verbreitung der Pressetrip-Inhalte im internationalen Vergleich nur eine Quantité négligable darstellt. Aber wir Österreicher sind die Rückversicherung gegen schlechte Stimmung. Will sich eine Gruppenmitglied über was beschweren, gibt es Grund zur Aufregung, geht etwas schief – dann kommt einfach der Österreicher der Gruppe, sagt einmal kurz Na geh, paaasst scho! – und alles ist easy-cheesy.

Was mir außerdem schon mehrmals auffiel: Sind zwei Österreicher mit von der Partie, was wirklich selten vorkommt, ist auch das erste gemeinsame Abendessen nicht so ein bemühter Hänger. Weil noch niemand niemanden besser kennt, setzen die Österreicher sich natürlich zusammen – wie auch die Deutschen, die Norweger, die Schweden, die Schweizer und so weiter. Jenes Eck der gemeinsamen Tafel, an dem der Schmäh rennt, ist dann immer das österreichische. Rund um den Tisch herrscht am ersten Abend immer viel Schweigen, zumindest am Anfang. Die Deutschen tauschen bestenfalls Handicaps aus, die Schweizer zählen das Besteck, die Skandinavier überlegen, ob sie sich mit ihrem Tischnachbarn auf Englisch oder gar nicht unterhalten sollen. Die Österreicher führen Schmäh.

Ist man als Österreicher allein unterwegs, funktioniert das so natürlich nicht. Sind Bayern mit von der Partie, schon. Die sind schmähmäßig eh halbe Österreicher. Aber als singulär vorhandener Landsmann muss ich da dann immer auf meine Geheimwaffe zurückgreifen. Sie wirkt allerdings nur bei den Deutschen. Ich erzähle eine Geschichte, in die ich ein österreichisches Sprachspezifikum einbaue. Ich spreche hier nicht von abgelutschten Banalitäten wie dem Oachkatzlschwoaf, das ist wirklich Kinderkram. Sondern von hochspezifischen Termini wie zum Beispiel dem Bartwisch.

Was?, fragen die Kollegen dann immer entsetzt.

Na Bartwisch, wiederhole ich, warte dann ein paar Sekunden ab, wegen des dramaturgischen Crescendo, und füge schließlich erklärend hinzu: Handfeger!

Das Ergebnis ist immer große Heiterkeit, die außer den Deutschen und dem Österreicher natürlich niemand am Tisch versteht. Die deutschen Kollegen versuchen dann, die Sache vielsprachig zu erklären – und das Eis ist gebrochen. Das funktioniert genauso gut zum Beispiel mit „16er-Blech“ (eine Dose Ottakringer-Bier), während sich „A Eitrige mit am Bugl“ (eine gegrillte Käsekrainer-Wurst mit dem Endstück eines Laib Brotes) in manchen Fällen als bereits ein wenig zu sophistisch herausstellt. Das hängt igrendwie von der Gruppe ab, man braucht da ein feines zwischenmenschliches Gespür, um rasch herauszufinden, was geht und was nicht. Aber über das muss man halt einfach verfügen, wenn man auf einer Golf-Pressereise der Österreicher ist.

Ich komme übrigens gerade von einer zurück, Litauen. Es war recht beeindruckend, Vilnius ist eine wirklich, wirklich kühle Stadt. Und sie haben dort wenige, aber hervorragende Golfplätze, ich werde Ihnen in einem gesonderten Blogpost davon berichten. Zum Beispiel saß ich am Ufer des kleinen Sees, der zum Vilnius Grand Resort gehört, sah auf das strohgedeckte Restaurant, dass sie originellerweise „Bora Bora“ nennen, betrachtete Land, Leute und meine Golfschuhe, und hatte meinen Spaß. Mit von der Partie waren: eine Norwegerin, ein Däne, ein Finne (der seine finnische Freundin einfliegen ließ, was ein wenig kurios war), zwei Briten (von denen sich einer als Schwede verkleidet hatte), zwei Deutsche und der übliche Golfjournalisten-Pressereise-Österreicher, also ich. Diesmal war alles ein bissl anders, irgendwie hatte ich die eh voll lässige Österreicher-Paaasstscho-Stimmungsmaschine nicht drauf. War aber auch gar nicht nötig, das erledigte diesmal bravourös das britische Brüderpaar – you really did well, Andrew and Paul, we had lots of good laughs! Ich beschränkte mich bei diesem Trip darauf, mir eine Sommerverkühlung einzuhandeln, die sich nach der Rückkehr in die Heimat nun als nicht von schlechten Eltern herausstellt und irgendwie in eine Mittelohrentzündung überzugehen scheint.

Alle anderen überstanden den Trip gesundheitlich unbeschadet. Aber es ist, wie es ist. Einer muss sich opfern. Einer ist halt immer der Österreicher.

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