Vienna

Ich bin Grazer und darf in Wien nicht wählen, also bin ich vollkommen unverdächtig und kann hier in diesem persönlichen Blog frei von der Leber weg schreiben.

Und ich ging jetzt zwei Wochen lang dem Job nach, den Wiener Wahlkampf zu beobachten. Mit einem Kollegen kam es in der Folge in der vorigen sowie der aktuellen, heute erschienenen FORMAT-Ausgabe zur Beantwortung von 24 Fragen rund um den Urnengang am Sonntag. Ehrlich, Sie sollten sich das in beiden Heften durchlesen, bevor Sie ihr Kreuzerl machen, weil Sie sich danach (hoffentlich) besser auskennen. Was ich sagen will: Ich wüsste nach dem Durchlesen, wen ich wählte, wenn ich dürfte.

Davon unabhängig mein persönlicher Eindruck aus zwei Wochen Beobachtung der Wiener politischen Landschaft: Egal wer am Sonntag Erster wird, Strache wird nicht Bürgermeister. Das ist beruhigend. Was bei der nächsten Nationalratswahl wird, ist halt eine andere Geschichte. Ich fürchte Schlimmes. Jedenfalls halte ich es für eine Frage der Anständigkeit, nichts zu unternehmen, was dieser radikalen FPÖ in irgend einer Weise nützen kann.

Erfreulich ist, dass das in Wien drei Parteien genauso sehen – die Grünen und die Neos aus Überzeugung, wofür beide zu lieben sind, und die SPÖ aus von oben nach unten verordnetem Verhalten, was durchaus ein bissl Grund zur Sorge geben könnte. Die ÖVP gibt sich auch in Wien ganz dem von ihr landesweit gepflegten bigotten katholischen Machtstreben hin und würde, wie man mir auf Anfrage in ihrer Wiener Zentrale versicherte, „selbstverständlich“ Koalitionsverhandlungen mit Straches Blauen führen. Dem überforderten schwarzen Landesparteichef Juraczka und seinen verstaubten Regimentern ist es wohl weitestgehend egal, ob einer wie Strache Bürgermeister wird. Für diese Verantwortungslosigkeit gegenüber einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft sind die Wiener Stadtschwarzen, die sich aber ohnehin seit Jahren selbst der Marginalisierung entgegen transportieren, mit Verachtung zu strafen.

Es ist also ziemlich wahrscheinlich völlig egal, welche Partei Sie wählen, sollten Sie Strache verhindern wollen, solange Sie nicht FPÖ oder ÖVP wählen. Der blaue Gottseibeiuns schafft es ohnehin nie ins Wiener Bürgermeisteramt. Das geht sich nach menschlichem Ermessen einfach nicht aus. Also wird Michael Häupl auch nach dem Sonntag Stadtchef bleiben, wenn er das will. Wenn nicht, kommt eben ein anderer Roter. Sie müssen Häupl dafür nicht einmal Ihre Stimme geben, weil auch eine Stimme für die Grünen oder für die Neos eine Stimme gegen Strache und für Häupl ist.

Ob die eher nicht so rasend erfolgreiche rot-grüne Koalition eine Neuauflage schafft, wird auch davon abhängen, wie viele Stimme die Kleinstparteien erhalten – weil die es alle nicht in den Gemeinderat schaffen, die Stimmen für sie daher verloren gehen und damit die Schwelle für eine absolute Mehrheit senken. Am wahrscheinlichsten scheint mir eine rot-grün-pinke Koalition – falls Häupl und die Wiener Grün-Chefin Vassilakou in den Koalitionsverhandlungen genug Weitblick aufbringen, der Wiener Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger einen amtierenden Stadtrat zuzugestehen. Gut für die Stadt wäre das allemal.

Stichwort Neos, die ja auch in dieser Wahl wieder Neulinge sind und Gefahr laufen, in dem hochstilisierten Duell zwischen dem roten Bürgermeister und dem blauen Herausforderer einigermaßen schuldlos aufgerieben zu werden:

Ich habe Meinl-Reisinger das erste Mal vor über zwei Jahren kennengelernt, als sie mit dem heutigen Chef der schweizerischen NZZ-Mediengruppe, Veit Dengler, in der Wiener Innenstadt Unterstützungserklärungen für die Neos-Kandidatur zur Nationalratswahl sammelte. Seither habe ich ein paarmal bei unterschiedlichen Gelegenheiten mit ihr geredet. Lassen Sie es mich so sagen: Meinl-Reisinger ist mit Sicherheit die derzeit spannendste Politikerin Österreichs. Würden Sie mich als Staatsbürger fragen, welchen Österreicherinnen in der Politik ich derzeit vertraute, dann fielen vier Namen: Evelyn Regner von der SPÖ und Angelika Mlinar von den Neos, beide EU-Abgeordnete, dazu Eva Glawischnig von den Grünen, und eben Meinl-Reisinger. Und könnte ich einen Wunsch für die Wien-Wahl äußern, würde ich diesen dreiteilen: Ich würde mir wünschen, dass die Neos erstens im Gemeinderat vertreten sind – und zweitens, dass es in der nächsten Regierung eine Bildungsstadträtin gibt, die Meinl-Reisinger heißt. Beides würde der Stadt gut tun.

Und drittens würde ich mir wünschen, dass Sie Wählen gehen, wenn Sie Wiener oder Wienerin sind. Egal wem Sie ihre Stimme geben, geben Sie sie jemandem. Nichtwählen geht in einer Demokratie gar nicht, das ist fast so etwas wie eine Art Todsünde.

Und dann warten wir alle gespannt darauf, was bei dieser Richtungswahl abgeht und welche Auswirkungen sie direkt oder indirekt auf das Österreich der kommenden Jahre haben wird.

Bild: PID Wien

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