Groundhog Day

Immer my favorite Beginn eines Telefonates: Es läutet. Ich hebe ab und melde mich, dran ist Frau ABC von der Agentur XYZ (fast immer sind es Frauen), sie flötet:

Grüß Gott, hier ABC von YXZ, ich habe Ihnen vor zwei Wochen ein Mail mit einem Pressetext geschickt, und jetzt wollte ich fragen, ob Sie etwas dazu schreiben wollen.

Das kommt jeden Tag ungefähr dreimal vor. Sehr oft sind es Jungvertreterinnen einer dieser zahllosen neuen PR-Agenturen, die fast alle ursuper hipp und voll gut drauf sind, lauter Masterinnen of the Universe schon im zarten frisch-von-der-Uni-Alter, ausgestattet mit dem eingebildeten Durchblick für eh alles, nur ihren Job haben sie nicht richtig drauf, weil sie sich mit dem Erlernen nicht so rasend intensiv beschäftigt haben, warum auch, ein bissl PR machen ist coolen Typinnen ja in die Wiege gelegt, und Strategie-Sachen oder dieses Zeugs halt, das wird sowieso alles überschätzt. Welche Göttin im Geiste braucht das schon, wenn sie auch ohne das alles von sich sagen darf, dass man in Marketing und so macht, was in abendlichen Bars sicher super kommt, wenn man sich von einem dieser Olaseira-Fußballerfrisur-Typen anbraten lässt. Da ist es doch viel besser, man hält sich nicht lang mit Ausbildung oder damit auf, darüber nachzudenken, wie Medien funktionieren und Journalisten ticken, sondern man schießt einfach Pressemeldungen en masse raus, zeigt sich großzügig bei Rechtschreibung und Grammatik, und versteht danach nicht, warum so selten etwas auch tatsächlich irgendwo erscheint. Damit Sie mich jetzt aber nicht fälschlicherweise für einen Macho halten: Meistens, wie gesagt, sind es junge Frauen, aber es gibt genauso junge Männer, die das alles auch nicht anders handhaben.

Jedenfalls – bin ich gut drauf, lautet meine Antwort am Telefon dann so:

Nein.

Das hinterlässt immer einige Sekunden stille Ratlosigkeit bei der jungen Dame am anderen Ende der Leitung, welche ich dazu nütze, mich höflich zu verabschieden und aufzulegen. Das wird Ihnen jetzt vielleicht ein bissl brutal vorkommen – aber sorgen Sie sich nicht: Es ist nämlich nicht so, dass das junge PR-Volk, das in Sachen Medienarbeit ganz offensichtlich dramatisch miserabel ausgebildet ist, sich abschrecken lässt. Die stecken das locker weg und denken sich nicht viel dabei und rufen drei Tage später wieder an: anderer Pressetext zwar, aber gleicher Telefonat-Verlauf. Wie ein Gummiball, der mit voller Wucht immer gegen dieselbe Wand prallt, welche ich bin, bis die doch ein Loch kriegt, boing, boinnnnggg, boinnnnggggg, booooinnnnnngggg…

Daher antworte ich manchmal, wenn ich weniger gut drauf bin, auch:

Will ich nicht, und was Sie betrifft, sollten Sie zurück an die Uni oder die Fachhochschule oder meinetwegen auch die Volkshochschule. Jedenfalls sollten Sie sich von jemandem erklären lassen, wie man professionell Medienarbeit betreibt. Wenn Sie´s dann wissen, können Sie mich jederzeit wieder anrufen, aber bis dahin wäre es mir lieber, wenn Sie mich in Ruhe ließen.

Das provoziert, völlig verständlich natürlich, ungefähr dasselbe Ausmaß an Stille wie Reaktion Nummer 1, welches ich dazu nütze, mich für die Frechheit ein wenig zu genieren, um mich dann aber höflich, siehe oben.

Bin ich hingegen super drauf, sage ich folgendes:

Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe machen, mich in dieser Angelegenheit extra noch einmal anzurufen. Es ist nur so, dass ich, wie jeder andere Journalist auch, jeden Tag an die 80 Mails mit einem Pressetext bekomme, und zwei Wochen später daher nicht mehr weiß, was in Ihrem drin gestanden ist – vor allem dann nicht, wenn Sie mir nicht dazu sagen, worum es ging. „Pressetext“ allein als Erklärung reicht leider nicht. Sie können jedoch ohnehin von Folgendem ausgehen: Wenn in dem Medium, für das ich arbeite, auch nach zwei Wochen noch immer nichts zu Ihrem Pressetext erschienen ist, liegt der Schluss nahe, dass die Sache einfach nicht interessant genug war. Sie sollten in diesem Fall daher darüber nachdenken, welche Themen sich für Presseaussendungen grundsätzlich eignen und welche nicht.

Dann ist es am anderen Ende der Leitung ebenfalls immer für ein paar Sekunden ruhig, welche ich geduldig abwarte.

Ah, sagen die meisten der jungen Damen – machmal wie gesagt auch der jungen Herren – dann, verabschieden sich und legen auf. Es gibt allerdings einige, die sagen:

Aha. Aber wenn ich Sie jetzt schon dran habe, darf ich Ihnen dann den Text vielleicht noch einmal schicken? Sie können ihn sich noch einmal ansehen, vielleicht interessiert er Sie ja doch.

Da packe ich dann einfach meine Standard-Antwort aus, die ich habe, wenn ich weniger gut drauf bin, und lege auf. Und ein paar Tage später wiederholt sich alles wieder.

Groundhog Day eines Journalisten halt.

P.S. noch: Olaseira-Fußballerfrisur. Oben lang, seitlich rasiert. Der legitime Nachfolger des Vokuhila (vorne kurz, hinten lang) der späten 1980er-Jahre. Damals waren Toni Polster und Andy Ogris die unbeschreiblich unbeschreiblichen Protagonisten, heute sind´s Alexandar Dragovic, Lous Schaub und so weiter. Fußballer halt und das, was sie für modisch richtig und gut halten, weil die Koafföse im Salon Mischell oder Schaklin oder Schanin gesagt hat, dass das so ist.

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