Weihnachtsgeschichte

Seltsam, wie plötzlich in allerschönste Winterlandschaften aus dem Nichts heraus Nebel einfallen kann. In Sekundenschnelle. Mich wunderte auch, dass die undursichtige Milchsuppe Fotografin M am Beifahrersitz völlig unberührt ließ. Dabei war der Himmel soeben noch blau gewesen, man hatte die Landschaft rechts und links der Autobahn erkennen können, ein strahlender Dezember-Nachmittag. Und plötzlich dichtes Weiß, es hatte sogar den Anschein, als kröche der Nebel durch die Ritzen des VW-Busses ins Wageninnere. Außerdem roch er eigenartig. M ließ das kalt, sie nahm lediglich eine dieser typisch weiblichen Trotzhaltungs-Sitzpositionen ein und sagte kanpp:

Na bitte, ich hab´s dir ja gesagt.

Ich dachte über diesen seltsamen Satz nach und kam rasch zu dem Schluss, dass das mit dem Nebel möglicherweise eine Fehlinterpretation sein könnte. Schließlich: Nebel riecht nicht. Und er befindet sich immer draußen. Nie drinnen im Auto. Also.

Aber lassen Sie mich kurz erzählen, wieso mir dieses kleine Missgeschick von vor ungefähr 5000 Jahren heute wieder einfällt. Es ist nämlich so: Ich hatte gerade die aktuelle „autorevue“ in der Hand. Ich lese gerne, was die Kollegen so schreiben, die sich im News-Verlag nur ein paar Stockwerke von meinem Format-Redaktionsschreibtisch entfernt befinden – der demnächst ein trend-Redaktionsschreibtisch wird, aber das ist eine andere Gesichte. Vor allem blättere ich in der autorevue gern, seit F dort immer wieder einmal etwas veröffentlicht. F ist nämlich ein ziemlich wilder Hund, er nennt sich inzwischen aus mir nicht näher bekannten Gründen nur „Zonko“, was aber sicher in Ordnung sein wird. Ich kenne F, weil er mir vor 4995 Jahren oder so in den Job eines Pressesprechers am  Institut Sicher Leben nachgefolgt war. Dieses Institut gehörte damals wie heute zum Kuratorium für Verkehrssicherheit und beschäftigt sich mit der ehrenvollen Verhütung von Heim- und Freizeitunfällen.

Ich muss sagen: Dass F – als er noch F und nicht Zonko war – dort arbeitete, ist ein bissl kurios.

Denn danach wechselte er von den Gralshütern der totalen Sicherheit, für alle immer und überall, ins Zentrum der Vollverrückten. F wurde Chefred des liebenswert durchgeknallten Motorrad-Magazins „Der Reitwagen“. Die machen ungefähr das auf Motorrädern, was Felix Baumgartner macht, wo immer er ist. Was Waldarbeiter mit ihren Motorsägen machen. Was Abrissbirnen mit Ruinen machen. Rambazamba also, kurz: Sie lassen es krachen. Kein Wunder eigentlich, dass F sich seit damals Zonko nennt. Jedenfalls, für die Autorevue schreibt er immer die mörder irrsinnigen Rabiat-Lesestories – und das mit einer sagenhaft erstklassigen Wortwahl, ein Vergnügen. Hätte ich damals in der Sicher-Leben-Zeit schon gewusst, dass in F ein so formidabler Zonko steckt, ich hätte den Mann verehrt. So haben wir uns nur eh ganz gut verstanden und dann komplett aus den Augen verloren.

Ich las also soeben in der autorevue Zonkos Geschichte vom Test zweier Pickup-Trucks. Mich interessiert das, weil ich ja immer noch beabsichtige, mein Yucca-geht-nach-Irland-Projekt zu verwirklichen, von dem ich Ihnen ein anderes Mal erzählen werde und für das ich ein geeignetes Transportmittel brauche. Eine gigantische Yucca stellst du schließlich nicht so ohne weiteres in den Kofferraum irgendeines Spießbürgerkombis. Also werde ich einen Pickup brauchen. Zonko ist da Experte und ich habe vor, bei den Autorevue-Kollegen demnächst seine Handynummer abzufragen und ihn zwecks Anzapfung der Zonko-Expertise anzurufen. Außerdem gefallen mir seine Geschichten, weil er darin immer alles richtig ordentlich herbrennt, was einen Motor hat. Zurückhaltung? Nicht Zonko. Wie gesagt: Sehr kurios, dass so einer für das brave KfV gearbeitet hat.

Und weil bald Weihnachten ist, fiel mir jetzt eben meine eigene KfV-Herbrennungsgeschichte ein:

Sicher Leben, Heim- und Freizeitunfälle, Weihnachten, Zeit der bevorstehenden Christbaumbrände. Wir hatten damals so gegen Mitte Dezember die PR-Idee, gemeinsam mit der Feuerwehr einen geschmückten Baum anzuzünden, Bilder zu machen (YouTube und Videos gab es damals noch nicht so sehr) und sie an die Medien zu verschicken, auf dass die dann brav von der Gefahr im Wohnzimmer berichten würden und wir so angstvolle Omis, bluthochdruckgefährdete Opis, gestresste Familienvatis und Hausfrauen-Mamis vor einem dramatischen Weihnachtserlebnis bewahren könnten. Funktionierte gemeinsam mit der Wiener Feuerwehr so gut, dass prompt der Anruf eines lokalen TV-Senders aus Klagenfurt kam, ob wir nicht antanzen und das dort unten im Süden vor Ort wiederholen könnten.

Können wir, sagte mein damaliger Chef, der einer der kompetentesten, besten und liebenswertesten Bosse war, die ich jemals hatte.

Mir taugte das aber überhaupt nicht, denn ehrlich gesagt: Einmal einen Christbaum abfackeln ist ganz lustig, aber die Sache ist heiß, mühsam, und man muss höllisch aufpassen. Ein zweites Mal brauchte ich das eher nicht. Außerdem: Klagenfurt. Eine lange Autofahrt von Wien in den Süden und dann wieder zurück, an einem einzigen Tag, nur um eine Fichte anzuzünden? Widerwillig besorgte ich also zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit einen Baum, viel Schmuck und so weiter, und forderte aus dem KfV-Fuhrpark einen Wagen an. Weil es ordentlich was zu transportieren gab, händigte man mir einen strahlend weißen, ziemlich neuen, frisch polierten VW-Bus aus.

Ich muss dazu sagen: KfV, also Kuratorium für Verkehrssicherheit. Schnallen Sie´s? Die haben dort die bravsten Autos der Welt. Motorisierung jeweils die schwächste erhältliche. Ausstattung: karg. Weiß natürlich, weil weiße Fahrzeuge die Sichtbarkeit erhöhen und damit die Unfallgefahr verringern. Alles in allem die fadesten aller faden Geräte. Mürrisch wuchtete ich Baum, Schmuck und mich in die öde Kiste. Grazil platzierte sich Fotografin M am Beifahrersitz, für sie war es ein willkommener Ausflug in die Provinz. Sie freute sich auf Kärnten, den brennenden Baum und überhaupt. Mir ging das alles tödlich auf den Sack. Ich gab dem Bus den vollen Tritt. Kaum waren wir auf der Autobahn, drückte ich das Gas bis zum Anschlag und ließ es bis zur Ankunft in Klagenfurt nicht mehr los. Das biedere Stück Langeweile machte sowieso auch unter Vollast kaum mehr als 120. Kam ein Radar, lupfte ich sicherheitshalber kurz, dann fielen wir sofort auf 80 zurück und gab ich wieder Stoff.

Der Bus kreischte und röhrte unter der ungewohnten Belastung. Er ließ Geräusche vom Stapel, als gäbe es kein Morgen. Im KfV existierte die strenge Anordnung, nur ja nie und nimmer auch nur irgendeine erlaubte Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten, besser jede um mindestens 30 Prozent zu unterschreiten. Ich glaube jedenfalls, mit der Kiste hatte noch nie irgend jemand die 100er-Marke passiert. Vollgas war dem lahmarschigen Motor aus Wolfsburg mit Sicherheit völlig fremd. Aber ich kannte keine Gnade, ich wollte diesen Trip nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Auf einem Autobahn-Bergabstück nach dem Griffener Berg knackten wir kurzfristig die 150, für den VW war das so etwas wie Maximum Warp, falls Sie wissen, was ich meine.

Hör auf, der hält das nicht aus und du kriegst nur Schwierigkeiten mit dem Fuhrpark-Chef, wimmerte M am Beifahrersitz. Aber mir war das wurscht. Ich knüppelte den Wagen weiter nach Klagenfurt, dass die Christbaumäste hinter uns im Laderaum nur so mit den Nadeln schlackerten.

Als wir ankamen und loszulegen begannen, waren sie wahrscheinlich schockgefroren und wollten, sehr erstaunlich, einfach nicht brennen. Aber ich war bereits ein routinierter Abfackler, so etwas konnte mich nicht irritieren. Die Klagenfurter Feuerwehr hatte einen ganzen Haufen gefüllter Benzinkanister auf Lager. Das wunderte mich zwar irgendwie, war aber andererseits sehr praktisch. Ich füllte den Sprit in eine dieser kleinen Plastik-Sprühdosen, mit der man im normalen Leben Pflanzenblätter mit Wasser bestäubt, und ließ das Teufelszeug auf die Fichte regnen. Ich sag Ihnen was: Danach brannte der Baum wie Zunder. Wäre das in einem Wohnzimmer passiert: totale Wüste hinterher, das hätten weder Mann noch Maus überlebt. Die Klagenfurter Florianis löschten den gigantischen Brand in ihrer Lagerhalle aber mit Enthusiasmus innerhalb von Sekunden, man konnte sehen, wie sehr das Spektakel sie glücklich machte. M schoss super Bilder, die ich Ihnen hier leider nicht zeigen kann, weil alles längst in der Historie der Vergangenheit verschollen ist. Der TV-Sender hatte sein Traumvideo. Vermutlich werden tausende Kärntner Haushalte nach der Ausstrahlung vorsichtig entsetzt gewesen sein, aber das war ja sowieso Sinn der Sache.

Um seine Fracht erleichtert, schaffte der VW nach Hause jedenfalls dann locker 150 Sachen Dauerfeuer. M beschallte mich zwar mit verschiedensten Warnungen, was nicht alles passieren würde, wenn dem KfV mein Permanentvollgas zu Ohren käme, und verwies auf die Möglichkeit, dass „die sicher irgendein verstecktes Überwachungs-Messdingsbums installiert haben“. War mir egal, ich wollte heim.

Dann fiel irgendwo in der Steiermark eben dieser Sekundennebel ein. Der weiße Rauch, der sich im Auto breit machte, roch irgendwie nach Durchgeschmortem. Als ich begriff, dass der Motor seinen Geist aufgegeben hatte, war M bereits soweit,  ein gerüttelt Maß an Komik in der Sache erkennen zu können, sie haute sich ab ohne Ende. Die Wartezeit auf Hilfe verbrachte sie außerdem damit, mir in anschaulichen Bildern zu erklären, welche Probleme jetzt auf mich zukommen würden. So eine blumige Sprache! Alle Vergleiche, Ausschmückungen und Schilderungen hatten einen Sukkus: Mein Job würde weg sein, und das nicht auf die sanfte Weise. Ich schluckte zwar kurz, dachte mir dann aber: eh egal. Immerhin war das eine Geschichte, die mir keiner mehr nehmen konnte und die weitergebenswert war. Irgendwann würde ich irgendwem davon erzählen, wie ich damals den fast nagelneuen, weißen, perfekt gepflegten, super geputzten und voll spießerfamilienvatertauglichen VW-Bus des regelgesellschaftsaffinen Kuratoriums für Verkehrssicherheit durch die Verabreichung von Hunderte Kilometer langem Dauervollgas geschrottet hatte.

Das würde dann eine gute Geschichte sein, aus der ich als der total Lässige hervorgehen würde. Einen Baum und einen Motor am selben Tag abbrennen zu lassen, und das in zwei verschiedenen Bundesländern, das ist schon was. Das kann nicht jeder, das machen nur die supercoolen Jungs, die generell voll gut drauf sind. Ich hoffe, Sie sehen das jetzt ähnlich. Oder was?

P.S.

Natürlich gab es ein Nachspiel. Wie wir heim nach Wien gekommen sind, weiß ich nicht mehr, das habe ich wohl verdrängt. Zwar war M dann wunderbar, bei der Befragung durch die KfV-Inquisitoren hielt sie mustergültig dicht und erzählte irgendwas von einem völlig unverständlichen Motorschaden aus heiterem Himmel, nicht vorhersehbar. Aber die beim KfV sind keine Idioten sondern fähige Menschen, außerdem haben sie gute Techniker. Möglicherweise auch tatsächlich verborgene Aufzeichnungsgeräte in ihrer Dienstwagenflotte, was weiß ich. Jedenfalls wußten sie recht schnell, was ungefähr Sache war. Es gab einen Gewittersturm, gegen den die Karibik-Tropenunwetter irgendwo in der Nähe von zarten Kolibri-Fürzchen liegen.

Meinen Job verlor ich nicht. Aber man machte mir klar, dass ich nie, nie, nie wieder, also unter keinen Umständen, auch nur in die Nähe eines Autos kommen würde, welches auf das KfV zugelassen ist. Und ich musste zum psychologischen Verkehrstest. Das ist jene Prozedur, die per Gesetz wiederholte Alko-Fahrer und sonstige notorische Verkehrs-Rowdies durchlaufen müssen, bevor entschieden wird, ob sie noch einmal etwas Fahrbares unter ihrem Hintern in Betrieb nehmen dürfen. Bei mir hatte der Test ein erstaunliches Ergebnis: Ich sei der denkbar zuverlässigste aller Verkehrsteilnehmer, kam heraus. Schnell in den Reaktionen, vorbildlich bei der Befolgung der Straßenverkehrsordnung, und überhaupt. Pferdefuß: Ich sei ganz generell allerdings sozial völlig verantwortungslos, ergab die Testpsychologie als ein wenig eigenartiges Nebenergebnis. Ein bissl schleierhaft, das Ganze, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich ein guter Mensch bin. Aber egal.

Meinen damaligen Chef nahm das alles ein wenig mit, glaube ich. Ich schätze, weil er ein wirklich anständiger, korrekter, liebenswerter und kompetenter Mensch war und immer noch ist. Dass einer seiner Mitarbeiter – einer, den er ausgesucht hatte – diese Probleme verursachte, ein Drama. Außerdem war er Jahre zuvor jener Projektleiter gewesen, der den psychologischen Verkehrstest maßgeblich entwickelt hatte. Und jetzt kam ich, ein sozial verantwortungsloser aber dennoch vorbildlich Verkehrstauglicher, der eine der heiligen, hell lackierten, makellosen Kühe des KfV geschlachtet hatte.

Danke, lieber R, dass du so zurückhaltend und vornehm reagiert hast, du hättest mich auch feuern können, und das wäre sogar total angebracht gewesen. Aber vermutlich hast du schon geahnt, damals, dass nach mir Zonko kommen würde. Und dass ich gegen den beim Agieren in motorisierten Fortbewegungsmitteln nur das sein würde, was ein Kolibri-Furz gegen einen Karibik-Sturm ist.

 

 

 

 

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