Der Patriot

Man tut ja manchmal so, als wär man Patriot. Also:

Ich pilgerte vor einer Woche in eine Grazer Filiale der Bank Austria, Konto eröffnen. Man muss diese österreichische Bank unterstützen, dachte ich mir, die Gefahr läuft, von ihren italienischen Eigentümern auseinander genommen und abtransportiert zu werden. Nicht ganz zu Unrecht, ist dazu zwar anzumerken, denn der angesammelte Speckring im bankfilialmäßig gnadenlos überfüllten Österreich hat bei den zigtausend Mitarbeitern des altehrwürdigen Institutes schon recht ordentliche Dimensionen angenommen. Es lebt sich gut im Flausch der Großbank mit all ihren Sozial- und sonstigen Leistungen, da muss man selbst gar nicht mehr so viel zur Performance beitragen, man bekommt sein Gehalt auch so überwiesen.

Hinhauen auf einen Patienten ist das, der eh schon am Boden liegt, werden Sie jetzt sagen. Aber passen Sie auf.

Also, ich zur Bank-Austria-Geschäftsstelle Ecke Lichtenfelsgasse und Leonhardstraße, schon allein aus Gründen der Sentimentalität, denn ich habe meine Gymnasiumszeit dort gleich um die Ecke absolviert und wartete vor dem Bankportal acht Jahre lang beim Nachhausefahren auf die Straßenbahn. Das verbindet. Außerdem habe ich später für sieben Jahre gleich gegenüber gewohnt. Jedenfalls, ich betrat also die Filiale.

Drei Bank Austrianer waren vor Ort, ein Männlein, zwei Weiblein. Anstalten, den Filialbesucher von sich aus um sein Begehr zu fragen, machte niemand von ihnen. Also steuerte ich auf eine der beiden Damen zu und gab bekannt, dass ich gerne ein Konto eröffnen würde. Die wird sich freuen, dachte ich mir, denn man hörte vor einer Woche ja noch, dass das Privatkundengeschäft verkauft werden soll, da ist jeder neue Kunde mit jedem neuen Konto praktisch Gold wert, weil er den Preis nach oben treibt.

Also naja, sagte die junge Frau allerdings: Das kann ich nicht.

Ich: ?

Sie: !

Ich: Aber warum denn nicht?

Sie: Wissen´S, ich bin Studentin, ich mach da nur ein Praktikum. Konten eröffnen darf ich nicht.

Ich: Verstehe. Aber dann könnten Sie doch Ihren Kollegen oder Ihre Kollegin fragen, ob die vielleicht…?

In der Sekunde hellte sich ihr ein wenig traurig daher kommender Blick auf. Daran hatte sie nicht gedacht. Es war, als würde sie gleich rufen wollen: Super Idee! Stattdessen sagte sie freundlich: Natürlich, nehmen Sie bitte Platz, da hinten irgendwo, ich komm gleich wieder. Und ging ab.

Ich nahm also dort hinten irgendwo Platz. Immerhin, schöne Ledersessel haben sie in dieser Filiale. Nach ein paar Minuten kam nicht ein regulärer Bankangestellter zurück, sondern die Studentin.

Meine Kollegen haben leider alle zu tun, sagte sie.

Tatsächlich war von den anderen beiden Bank Austrianern nichts mehr zu sehen. Nachträglich vermute ich: Als sie erkannten, dass es gleich Arbeit geben könnte, hatten sie sich schnell in irgendeinen Pausenraum vertschüsst.

Ich: Und was bedeutet das jetzt für mein neues Konto? Was tun wir?

Naja, Sie können natürlich warten, sagte die freundliche Studentin. Und fügte sicherheitshalber hinzu: Aber das kann leicht eine Viertstunde dauern. Botschaft gemäß Mimik und Tonfall: Lieber wäre es uns schon, Sie gehen einfach wieder.

Weil mein patriotischer Enthusiasmus an diesem Tag jedoch keine Grenzen kannte, antwortete ich tapfer: Also gut, dann warte ich!

Nicht gut. Darauf, dass ein Kunde glatt bereit ist, auf seine Servicierung zu warten statt sich wieder zu vertschüssen, wenn niemand für ihn da ist, hatte der Filialleiter seine Leute möglicherweise nicht proper vorbereitet. Ich konnte den Schrecken im Gesicht der schuldlosen, weil ohnehin bemühten Praktikantin, die mir inzwischen fast schon leid tat, erkennen. Sie würde jetzt zu ihren Chefs zurück müssen und ihnen verklickern: Der geht nicht weg. Der lässt sich nicht abwimmeln. Der ist immer noch da.

Sie sagte, fast ein bissl beschwörend: Oder wissen Sie was, machen wir doch einfach einen Termin und kommen Sie dann morgen noch einmal her?

Um ein einfaches Konto zu eröffnen, brauche ich einen Termin und muss an einem anderen Tag noch einmal herkommen?, fragte ich zurück.

Naja, sagte sie und hinterließ einen immer niedergeschlageneren Eindruck.

Ich legte darauf meinen Patriotismus ad acta, bedankte mich höflich, verbschiedete mich freundlich, und transportierte mich nach draußen.

Gestern erreichte uns ja die Nachricht: Die Bank Austria darf ihr Privatkundengeschäft behalten, muss aber Tausende Mitarbeiter und Innen abbauen sowie an die 80 Filialen schließen. Liebe Entscheidungsträger bei der Bank Austria, darf ich euch gleich einmal eine Filiale vorschlagen, auf die ihr meiner bescheidenen Ansicht nach samt Mann, Frau und Maus drin gut verzichten könntet?

Graz. Ecke Lichtenfelsgasse und Leonhardstraße.

Und P.S. noch:

Sollte das irgend ein entscheidungsbefugter Bank Austrianer zu Gesicht bekommen: Lassen Sie mir bitte bloß die arme Studentin in Ruhe. Die kann nämlich überhaupt nichts dafür, die hat sich eigentlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten eh sehr bemüht, die war wohl nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Rügen Sie, falls sie eine Rüge beabsichtigen, lieber den Filialleiter und seine Mannschaft. Die müssen das nämlich besser können.

Außerdem, Aufmacherbild: der großartige Pilo, den ich Ihnen als Fotograf wärmstens ans Herz lege, falls Sie mal einen brauchen.

 

 

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