Cappuccinojagd

Seien wir ehrlich. Wir alle fahren auch deshalb nach Italien, weil der Kaffee dort anders schmeckt als in Österreich. Nämlich besser, viel besser.

Nehmen wir zum Beispiel den Worst case – du bestellst in Wien einen Cappuccino, bist aber an das falsche Café oder möglicherweise auch nur an den falschen Ober geraten, die in Wien ja fast alle missgünstig, bösartig und bissig sind. Dann bekommst du mit Pech einen Kaffee, die Tasse randvoll mit dem fettesten Schlagobers, das über den Rand trieft und nicht nur die Untertasse versaut, sondern binnen Sekundenfrist auch gleich die ganze Umgebung. Zu trinken ist das süße Gesöff, das neben dem Zucker zumeist auch noch nach Verbranntem schmeckt, ohnehin nicht.

Best case: Es kommt tatsächlich ein Kaffee mit Milchschaum, in manchen Fällen ist dieser sogar einigermaßen passend konsistent. Aber der Kaffee schmeckt trotzdem nicht gut. Ich habe mir das von Experten schon einige Male erklären lassen, guter Kaffee ist Sache eines ausgeklügelten Zusammenspiels diffizilster Kleinigkeiten. Man muss schon ein bissl verliebt ins Universum der braunen Bohnen sein, um das hinzubekommen. Röstung und Lagerung sind sowieso essenziell, aber es kommt zusätzlich auf eine Million Dinge an, die alle passen müssen, zum Beispiel auch so schwer abschätzbare Miniaturen wie ein sauber geputztes Auslassventil an der Maschine, Wasserhärte, Dampfdruck und so weiter. Die Kooperation all dieser Faktoren bekommt nur in den Griff, wem sie ein echtes Anliegen ist. Wer all das ohne Wenn und Aber liebt.

Die Österreicher tun das nicht. Die Italiener schon. So einfach ist das. Darum schmeckt der Kaffee – vor allem der Cappuccino – bei uns zu Hause wie Abwaschwasser, selbst in den feinsten Häusern. Ich kenne da in ganz Wien eigentlich nur eine einzige Ausnahme, deren Location ich Ihnen jetzt aber nicht verrate. In Italien hingegen schmeckt der Capuccino auch an der versifftesten Autobahnrasstätte wie il paradiso fantastico.

Also Italien, willst du einen ordentlichen Cappuccino trinken.

Ich kämpfte diesmal schwer mit mir, weil immer die Frage: wie hinkommen? Anfahrt über Slowenien deutlich kürzer, deutlich einfacher, du musst seit ein paar Jahren nicht einmal mehr bei den Mauthäuserln haltmachen. Über Italien ist alles mühsamer. Das endlose Kanaltal, davor die Wörthersee-Autobahn mit ihrem erschütternden Schlagloch-Tremolo, das die Asfinag einfach nicht auf die Reihe kriegt, und dann vor und nach Udine diese endlos flache Einöde, in der Italien sich von seiner grauenhaftesten Seite zeigt. Durch Slowenien geht´s schneller und ist unterhaltsamer – auch weil die Slowenen die rücksichtslosesten und schlechtesten Autofahrer Europas sind. Da ist ordentlich Drama unterwegs, auf der Autobahn zwischen Maribor und Lipica, von Dränglern über Überraschungsspurwechsler bis zu wildesten Lichthupern ist alles vorhanden, fad wird einem da nicht. Dafür gibt es in Italien jedoch schon an der ersten Raststätte nach der Grenze, das ist ungefähr die Gegend um Tolmezzo, den italienischen Cappuccino, während es in Slowenien am besten ist, du rauschst durch und bringst das hässlche Land so schnell wie möglich hinter dich.

Ich entschied mich für die Slowenien-Route, weil ich ein Trottel bin. Zwei Stunden manierenlose Verkehrsrowdies schienen mir weniger schlimm als die lange K&K-Anfahrt, also über Kärnten und durchs Kanaltal. Den Cappuccino würde ich dann sofort nehmen, nachdem ich in Triest den Karst hinunter gestochen sein, mein Auto beim Molo Audace geparkt und das erstbeste Caffè geentert haben würde. Aber dann fuhr ich doch lieber gleich ins Hotel weiter, der Cappu hatte noch eine Stunde zu warten. Ich nehme in Triest meistens das Riviera, von dem ich Ihnen vor einigen Monaten schon einmal erzählt habe. Ich mag dieses schöne Haus gleich hinter dem traurigen Erzherzog-Schloss Miramare, die Eigentümer-Familie Benvenuti macht hier den fabelhaftesten Hoteliers-Job, den man sich nur denken kann. Ich versprach Ihnen damals beizeiten Genaueres, ich wiederhole dieses Versprechen heute nur. Denn jetzt wirklich zum Cappuccino.

Diesmal ist es wie verhext. Ich kriegte bis soeben keinen. Ich fuhr vom Hotel zurück in die Stadt, es war schon Abend. Sonst tu ich das ja nicht, aber diesmal war der Weg ins Caffè degli Specchi an der Piazza Unitá der kürzeste. Früher war das elegante Kaffeehaus vielleicht immer ein bissl eine Touristenfalle, schon allein wegen der Lage – aber seit der Renovierung unter den neuen Besitzern ist es das noch viel mehr und mit Sicherheit. Drama, echt. Die Ober sind freundlich, aber schludrig. Essen und Trinken ist vorhanden, aber Massenware. Ich bestellte meinen Cappu, das kann ich natürlich fehler- und akzentfrei auf Italienisch. Als er kam, schmeckte er nach schalem Milchkaffee. Ich war schwer geschockt und bestellte gleich noch einen. Un altro cappuccino, sagte ich zum Ober, verzichtete aus Trotz auf das per favore und dehnte stattdessen das Wort „Cappuccino“, um es besonders hervorzuheben. Brachte der Kerl mir jedoch nicht glatt ein zweites Mal einen Caffè latte! Ich trank auch diesen, zahlte und raste die Rive und dann die Viale Miramare in einem Tempo Richtung Hotel, das sogar dem von mir hoch geschätzten Triestiner Schriftsteller Veit Heinichen zur Ehre gereicht hätte,  der mich diesen Weg vor drei Jahren schon einmal chauffiert und dabei seinen Alfa auf die wahrlich italienischste aller öglichen Fahrweisen übers Pflaster geprügelt hat, dass ich heute noch ein bissl Angst kriege, wenn ich daran denke.

Als ich im Riviera ankam, hatte die Bar soeben geschlossen. Ich ging cappuccinolos zu Bett.

Aber Frühstück am nächsten Tag. Ich würdigte den Kaffeeautomaten am reichhaltigen Buffet keines Blickes und bestellte bei der freundlichen Frühstückskellnerin den Cappu, den ich seit gut 24 Stunden im Kopf hatte. Mit gemischten Gefühlen allerdings. Denn wenn es am Riviera nur eine winzige Winzigkeit auszusetzen gibt, dann ist es die, dass sie im Frühstücksraum aus mir völlig unverständlichen Gründen den Cappuccino nicht huntertprozentig hinkriegen. Italien hin oder her, der Cappu im Riviera beim Frühstück ist nur 1b. Am Abend an der Bar ist er 1a, aber beim Frühstück fällt er ab. Auch diesmal war das so.

Teufel auch, dachte ich mir, das ist ja seltsam diesmal, jetzt wird´s aber wirklich Zeit, und ich trappelte die Stiegen vor dem Haus den Karst hinunter zum Meer, dann rüber zum kleinen Yachthafen von Grignano und dort wiederum die Stufen hinauf in den Parco di Miramare, wo ich bei den schönen Blumenbeeten eine feine kleine Bar weiß, die den besten Cappuccino der Welt macht. Was soll ich sagen: Owohl die friulanische Provinzregierung und die Triestiner Stadtverwaltung das wunderbare weiße Schlösschen aus Geldmangel praktisch verfallen lassen, haben sie inzwischen offensichtlich genug zusammengekratzt, um die Blumenbeet-Anlage im Park zu sanieren. Daher, das Caffè: geschlossen.

Ich biss mir auf die Lippen, fluchte ein leises Stronzo! in den vom Golf herein wehenden Adriawind, verkniff mir ein zusätzliches Va fan culo!, man ist ja trotz allem ein höflicher Mensch und sagt sowas nicht, und stapfte zum Hotelparkplatz zurück. Ich fuhr ins neue, künstliche Dorf Portopiccolo, das sie auf ziemlich gnadenlose Weise in den Karst gesprengt haben. Man hat dort neben dem Hafen von Sistiana die nächste Evolutionsstufe des Feriensiedlungsbetonburgentums erreicht, aber das ist eine andere Geschichte. Natürlich war Portopiccolo die völlige falsche Zieldestination, wenn man sich auf der Jagd nach einem Cappuccino befindet. Wenn du nur einigermaßen klar denken kannst, suchst du in Italien einfach die nächste Bar auf, dort kriegst du deinen Cappu. Aber die unfreiwillige Cappu-Abstinenz hatte mir das Hirn paniert. Das Nächstliegende fiel mir einfach nicht ein.

Also Portopiccolo. Das ist erstens frisch eröffnet, und die vielen hundert Appartements und Villen sind zweitens noch nicht einmal ansatzweise besiedelt. Das Dorf ist, selbst in Vollauslastung, Vacationhome-Land. Und zwar für den Sommer. Zwischen Weihnachten und Silvester lebt hier kein Mensch. Also hat auch keine Bar offen. Immer noch kein Cappu für mich. Langsam bekam ich Aggressionen. Ich fuhr hinauf auf den Karst zum Conrad-Supermercato. Pro forma kaufte ich ein bissl Prosciutto, ein paar Äpfel und Südtiroler Schüttelbrot. Fragen Sie mich nicht, warum das Schüttelbrot, wie gesagt, ich war schon ein bissl gaga. Cappu-gaga. Samt Brot, Schinken und Äpfeln enterte ich die Bar beim Supermarkt-Ausgang. Mit lässiger Grandezza, wie ich sie einst von Veit Heinichen gelernt hatte, schlenzte ich ein paar Euro-Münzen auf den Tresen und bestellte meinen Cappuccino. Subito, sagte die Kellnerin und ich wusste, jetzt wird gleich alles gut. Ich setzte mich an den nächsten Tisch. Sie brachte: einen Caffè latte.

Pog mo thóin, warf ich ihr im Hinausgehen hin, was in etwa die irische Variante von va fan culo ist, aber ich grinste freundlich dazu, damit sie keine Chance hatte, zu verstehen, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte. Arrivederci, antwortete sie mit einem Lächeln. Gott sei Dank haben sie´s mit den Fremdsprachen hier in Italia nicht so.

Mittlerweile war es früher Abend geworden und ich befand mich hinrmäßig jetzt wirklich im Zustand des fortgeschritten Matschigen. Das schreib ich jetzt aber alles auf, nahm ich mir in all meiner cappuccinobefreiten Hilflosigkeit vor. Grimmig setzte ich mich in die Lobby des Riviera, ließ den Bildschirm des MacBook aufflammen. Bevor ich loslegte, ging ich die paar Meter zur Rezeption hinüber und fragte, ob ich nicht vielleicht einen Cappuccino haben könnte. Leider nein, bedauerte der Portier, der Barmann sei noch nicht hier, es könne sich jedoch nur um Minuten handeln, höchstens um Stunden. Porca miseria. Doch ich blieb ruhig, über das Riviera lass ich nichts kommen. Ich war hier schon so oft zu Gast, das eine oder andere Mal auch auf Einladung der Benvenutis, da weiß man einfach, was sich gehört. Brav trabte ich retour, ließ mich in den roten Samtfauteuil fallen und schrieb los.

Und wissen Sie was? Exakt, als ich den vorigen Satz zu tippen begann, kam der Barmann daher, der heute hier ebenfalls eine Barfrau ist, ungefragt, sie stellte mir ein Cola auf den Tisch, und: einen Cappuccino. Er schmeckt genau so, wie ein Cappuccino in Italien zu schmecken hat. Der Portier hatte mitgedacht und ohne viel Federlesens der eintreffenden Barfrau als erstes verklickert, dass sie sofort, noch bevor sie ihr Abendwerk beginnen würde, dem Gast da draußen in der Lobby einen Cappuccino zu bringen hatte, ein Cola auch gleich dazu. Wie gesagt, das Riviera! Ich hab´s einfach lieb.

Und jetzt trink ich endlich meinen Cappuccino. Arrivederci, liebe Blog-Leser.

 

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