Jetzt das schon wieder

Jessas, werden Sie nun vielleicht stöhnen: Jetzt kommt das! schon wieder.

Der Bundespräsidentschafts-Wahlkampf. Aber Sie können ja jederzeit wegklicken, wenn Ihnen die Sache zu mühsam ist.

Einerseits lief bisher alles halbwegs glimpflich ab und wir wurden von ärgsten Ausrutschern verschont. Das ist gut so. Aus dem Herbst 2013 haben wir ja noch gut in Erinnerung, wie sehr Clownerien, zum Beispiel jene des alten Herrn, der inzwischen wieder nach Kanada abgeflogen ist, demokratisch ernsthaft engagierten Menschen weh tun können. Nun geht aber doch alles wieder von vorne los. Schön langsam gewinnt neuerlich der Eindruck die Oberhand, dass das Kasperlhafte sich wieder nach draußen wagt und eigenartige Wahlkampfbeteiligte fleißig umrühren.

Dabei befindet sich Österreich keinesfalls in der komfortablen Situation, einen Spaßwahlkampf nur halb so ernst zu nehmender Gemüter locker wegstecken zu können. Unser Land hat durch die desaströse Performance der Koalitionsregierung während der vergangenen zwei und der aktuell noch laufenden Legislaturperiode bereits so großen Schaden genommen, dass es lange dauern wird, bis das alles wieder halbwegs repariert ist. Da ist für unfreiwillige Komik im Bundespräsidenten-Wahlkampf eigentlich kein Platz.

Zum Beispiel der ORF. Was in aller Welt reitet die Kollegen und Innen im Aktuellen Dienst, die seriöse, kompetente und korrekte Kadidatin Griss von einem journalistisch desöfteren  durchaus ungewöhnlich agierenden Wolfgang Fellner befragen zu lassen, noch dazu unmoderiert? Wer einmal die von Fellner verantwortete Tagsezeitung „Österreich“ durchblättert hat, weiß, wo seine journalistische Kompetenz anzusiedeln ist. Selbstverständlich ist so eine Pressestunden-Zusammensetzung eine – ich will nicht annehmen gewollte – Beeinflussung der Wähler, weil: So zieht man die seröse Kandidatur einer angemessenen Kandidatin ins Halblustige, ohne dass die sich ernsthaft wehren könnte. „Imagetransfer“ nennen Kommunikationsfachleute so etwas. Ein Schelm, wer denkt, beim ORF könnte sich dabei jemand etwas überlegt haben.

Den Kandidaten Lugner, der sich in diesem Wahlkampf selbst schon als Kasperl deklariert und beworben hat, müssen wir wohl erdulden. Einen gewissen Hallodri-Faktor kann man dieser Kandidatur aber nicht absprechen. Lieber ORF: Diesen Mann von Fellner befragen zu lassen statt vom hochseriösen Kollegen Andreas Koller von den tollen Salzburger Nachrichten, das wäre okay gewesen. Gleiches zu Gleichem passt immer gut.

Griss-Koller hätte in der TV-Pressestunde sicher das spannendere, weil inhaltlich interessantere Duo abgegeben als die Paarungen Griss-Fellner und Lugner-Koller. Wir hätten uns dann als Zuseher womöglich ernsthaft mit der Situation Österreichs, der Politik des Landes, seiner Zukunft und mit dem Amt des Staatsoberhauptes auseinandersetzen können. So jedoch wurden wir zweimal auf partielle Hallodri-Wahlkampfkomik und -rhethorik zurückgeworfen. Schade, lieber ORF – Chance zur Demonstration politischer Ernsthaftigkeit verpasst.

Überhaupt: Auch wenn das Format „Wahlfahrt“ im Land der Musikantenstadler vermutlich Quote bringt – was soll denn außerdem diese sinnlose Autoreise-Brachialkomik in seriösem politischen Zusammenhang?

Es passt schon, wenn Leute wie Lugner oder Stronach von einem cowboystiefelbeschuhten ORF´ler durchs Land kutschiert werden. Bei Hanno Settele wusste man ohnehin schon während seiner Zeit als Washington-Korrespondent nie ganz genau, ob seine Zuspielungen jetzt kabarettistische Beiträge oder ernsthafte Analysen waren. Wenn so einer die beiden alten Herren in einem alten Mercedes übers mental alte Land führt und dabei Fragen aus der intellektuellen Ramschlade stellt, geht das in Ordnung. Aber für die Annäherung an intelligente Menschen wie die Höchstrichterin Griss, die das Land mit einem echten Anliegen weiterbringen wollen – dafür bräuchte es dann doch einen etwas höherwertigen Zugang. Dürfte spannend sein zu sehen, wie sehr der ebenfalls ernsthafte Kandidat Van der Bellen weit genug über den Dingen stehen wird, um gute Miene zum schaurigen Spiel machen zu können.

Ich muss jetzt auch noch das Folgende anbringen: Der Kandidat Khol, wiewohl selbstverständlich blitzgescheit, soweit ich das beurteilen kann, tangiert ebenfalls einen gewissen Schrulligkeits-Faktor. Wenn jemand Gott in die Verfassung schreiben will (ich meine: Hallo?) und in einem seiner Bücher sinngemäß formuliert, allein erziehende Mütter sind an ihrem Elend selbst schuld, hätten sie halt geheiratet, dann ist das eine unverschämte Clownerie. So ein selbstgerechtes, rückständiges und partiell menschenverachtendes Denken braucht ein Land nicht, das seine Bürger modern, weltoffen und aufgeschlossen durch das komplizierte 21. Jahrhundert manövrieren möchte. In einem Tiroler Bergtal, in das weder besonders viel Licht noch Luft vordringt, mag Khol mit hinterwäldlerischen Ansichten reüssieren. In der weiten Ebene freien Denkens hat das keinen Platz. Fast neige ich angesichts der Umfragen, von denen die meisten den Erzkatholiken derzeit an letzter Stelle der Ernstzunehmenden sehen, dazu, das Gespür der breiten Masse der Österreicher doch ein kleines bißchen mehr schätzen, als ich das sonst tue.

Jedenfalls, meine große Bitte an den ORF nach dem Konsum der heutigen TV-Pressestunde: Bitte versucht doch, ein wenig seriöser zu agieren, und bugsiert eure vermutlich koalitionsregierungsbeeinflusste Agitation aufs nächstbeste Abstellgleis.

Vielen Dank.

P.S. Aufmacherbild: ORF

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