Soul Red

Ich hatte schwere Bedenken.

Normalerweise pflanzt dir der 50. Geburtstag, der bei mir schon gut ein Jahr her ist, ja Zipperleins ohne Ende in deinen maturierten Körper. Würde ich daher, einerseits, das Offene, das Luftige, das Wilde verkraften? Und wie würde sich andererseits dieses händische Zurückhieven des Daches bewältigen lassen – von einem, der sich mittlerweile schon nicht mehr ganz so leicht bewegen kann wie früher einmal?

Lassen Sie mich die Antwort so formulieren: Nebbich!

Das Dach des Mazda MX-5 transportierst du lässig mit der lockersten Bewegung nach hinten, die man sich nur denken kann, ein eleganter Schlenzer aus der Schulter heraus: Entriegeln, fließendes Nachhintenschieben, einrasten lassen, erledigt. Dauerte beim ersten Mal zwölf Sekunden, als ich noch nicht genau wusste, welcher Hebel wo zu handhaben ist, weil ich ja nicht der total begeisterte Leser von Gebrauchsanweisungen bin. Nach einigen Tagen im Test-Mazda hatte ich die Sache aber bereits in fünf Sekunden drauf. Schaut super cool aus und an den roten Ampeln der Wiener Großstadtkreuzungen reißen sie rechts und links von dir immer ganz gehörig die Augen auf, wenn der soulredrote Mazda da unten neben ihnen plötzlich sein Dach abwirft.

Die Typen schauen neidisch, die sexy Frauen schauen erotisch auf dich herab. Ich mag das.

Und erst das Offenfahren: Ich vergaß einfach meine soeben erst überstandene Angina mit angeschlossener Mittelohrentzündung und geigte bereits bei 15 Grad Außentemp dachlos über Stadt- und sonstige Autobahnen. Zwar zieht es schon ein bissl, im Mazda. Aber das ist eben das Puristische an diesem Auto, das insgesamt ja mehr ein Go-Kart ist, was sie im fernen Japan beim Konstruieren dieser gelungenen Neuauflage des Jahrzehnte-Bestsellers vermutlich auch genauso gewollt haben. Meine Milchmädchenrechnung jedenfalls: Zehn Minuten Offenfahren mit Zugluft wirft mich vielleicht einen halben Tag lang wieder zurück aufs Krankenbett. Das ist ein gutes Verhältnis und es zahlt sich aus, weil der um die Nase pfeifende Wind so klass ist.

Folgendes ist zum Mazda zu sagen, in Kurzform:

  1. Das Go Kart Feeling: Ja, dieses Auto weckt das Kind im Mann. Du sitzt ungefähr 30 Zentimeter über der Fahrbahn, alles ist sensationell direkt. Die Welt draußen würde wohl gerne über dir zusammenschwappen, aber du lässt sie nicht, weil du mit diesem wieselflinken kleinen Auto einfach unter ihr durchfährst. Zwar irritiert es am Anfang durchaus ein wenig, dass Minis groß, hoch und mächtig an dir vorbei ziehen, als wären sie 30-Tonnen-Trucks. Dass Fahrradfahrer im Vergleich zu dir Riesen sind. Dass Verkehrsampeln so weit oben hängen, dass du sie mehr als Satelliten in der Umlaufbahn wahrnimmst. Dass du ganz generell so weit unten hockst, dass du glaubst, du spürst den heißen Asphalt als Höllenfeuer unter deinem Hintern. Aber ganz ehrlich jetzt: Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, und dann ist dieses Feeling voll total geil. Autodrom quasi nichts dagegen.
  2. Die Schaltung: Ich bin – auch das ist meinem fortgeschrittenen Alter geschuldet – grundsätzlich der Ansicht, dass Autos heutzutage nicht mehr von Hand geschaltet werden sollten. Aber dieses Klick-Klack-Dingsbums im MX-5 ist das Knackigste, was Sie sich unter einer Handschaltung vorstellen können. Du setzt dich in dieses Auto und wedelst klick-klack-klick-klack einfach so durchs Gassengewirr des Großstadtdschungels, sensationell.
  3. Soul Red: An sich müssen Autos schwarz sein, weil jede andere Farbe ganz genau nichts kann. Aber dieses Rot, das Mazda erfunden hat und dem sie einen wirklich coolen Namen gaben, ist großartig.
  4. Das Dach: Im inzwischen bereits ein wenig wildwüchsigen Automatikdach-Universum der Cabrios, Roadsters, Spiders und so weiter ist es selbstverständlich ein wenig schrullig, wenn ein Auto heutzutage noch mit einem von Hand zu bedienenden Hut auf den Markt kommt. Aber dieser Einarmklappmechanismus, den du in wenigen Sekunden durchschaut hast und den du in noch weniger Sekunden bedienen kannst, ist schlichtweg genial. Passt großartig zum puristischen Auto. Hat was, kann was. Love it.

Ein einziges großes Problemfeld durchsteuert der MX 5 jedoch, der seit wenigen Monaten am Markt ist und demnächst von seinem Automatik-Klappdach-Zwilling MX-5 RF ergänzt wird – was aber nur mich trifft: Es geht nämlich um das Thema Musik.

Ich folge ja der lieb gewonnenen Schrulle, jeden Testwagen in ein entlegenes Landei-Kaff zu transportieren und dort die zumeist kalt erwischte lokale Bevölkerung mit passender Musik zu überschwappen. Normal lasse ich dann auf irgendeinem Hauptplatz die Fenster nach unten surren und spiele laut etwas Wildes. Oder was Langsames, was Trauriges, was Lustiges – was mir eben gerade passend erscheint.

Im Mazda würde ich diesmal, so plante ich es, das Dach nach hinten werfen und dann …

Ja, genau. Was dann? Ich konnte nachdenken wie ich wollte, mir fiel keine geeignete Musik zum Auto ein. Anders als sonst wusste ich auch nicht, welches Dorf ich mit meinem Beschallungsplan beglücken sollte. Das war irgendwie schräg, weil ich sonst in Sachen Landbevölkerungsschockierung nicht so schmähstad bin. Ratlos drehte ich das Radio auf: Flüchtlingskrise auf allen Sendern, überall wollen sie Zäune bauen, diese eingekastelten Spießbürger. Da wusste ich es dann plötzlich.

Ich lenkte den Mazda ins burgenländische Moschendorf, wo die Bewohner gerade dabei sind, ihrem Bürgermeister, der Polizei und dem katastrophalen Innenministerium eine Zaunbauermächtigung zu erteilen. Ich bremste mich also im Zentrum des kleingeistigen Örtchens ein, schob das Dach nach hinten und drehte voll auf:

Sinéad O´Connor – Oro se do bheatha bhaile.

Ein Flüchtlingslied. Es handelt vom Kampf gegen Besatzer, der in Irland ja ein über Jahrhunderte ständig präsentes Monstrum ist. Davon, wie man heldenhaft ums Überleben rackern muss und sich nicht unterkriegen lassen darf. Ein Revolutionslied, mehr oder weniger. Genau das Richtige für diese engstirnigen Moschendorfer, die in ihrer Summe keine Ahnung von Würde und Grandezza zu haben scheinen, dafür aber Angst vor allem Fremden. Und wenn du ein Provinzler bist, ist ja bald einmal was fremd. Daher Strafverschärfung für Moschendorf: ein Lied in einer fremden Sprache.

Nehmt das, Moschendorfer!, murmelte ich und drückte auf Play.

Und drehte die Lautstärke bis zum Anschlag. Dazu ist zu sagen: Weil der Test-Mazda mit einem Bose-Soundsystem ausgestattet war, konnte er in Sachen laut richtig was. Sie werden jetzt wohl ein bissl Alpträume haben, in Moschendorf, für die nächste Zeit. Gut so. Baut euch meinetwegen einen Akustikzaun und verschrumpelt in eurer Musikantenstadlidylle! Mir erschien das irische Traditional außerdem zum MX-5 passend, weil darin immer wieder der Refrain vorkommt:

Anois ar theacht an tsamhraidh.

Das bedeutet frei übersetzt: Der Sommer soll kommen. Und wann soll der Sommer schon kommen, wenn nicht dann, wenn du in einem Auto sitzt, in dem du den Hut abnhemen kannst wie ein höflicher Mensch, der jeden einzelnen echten Flüchtling mit Anteilnahme und Freude in seinem Land begrüßt.

Aber lassen wir das, wieder zurück zum kleinen Mazda – ein abschließendes Wort: super Auto. Den können Sie sich kaufen, wenn Sie sich wieder jung fühlen wollen. Und zwar bedenkenlos. Um rund 30.000 Euronen bekommen Sie bereits ein gut motorisiertes, schmackhaft mit Extras ausstaffiertes Exemplar – und passend zu meinem Moschendorf-Trip heißt seine Ausstattungslinie sogar: „Revolution“.

(Aufmacherbild: Mazda). Und P.S. – die Aussprache: Das Irische ist ja grundsätzlich ein bissl ein Hund und für einen wie mich praktisch nicht zu bezähmen – aber Anois ar theacht an tsamhraidh spricht man ungefähr so aus, nur damit Sie sich auskennen:

Anisch er hacht an tsaurei.

 

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4 Gedanken zu “Soul Red

  1. Danke vielmals für den tollen Bericht, macht echt Lust auf „oben ohne“ zu fahren und dabei gute irische Musik zu hören…

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