Cars

Ich schnürte in der Nacht über die Südautobahn nach Wien und hatte meinen Spaß mit dem Lichtassistenten des nagelneuen BMW, der die LEDs je nach Bedarf an- und abschaltete, aufblendete, wegdrückte und was auch immer. Der Wagen ließ Schatten und Lichtkegel vor mir auf der Fahrbahn tanzen wie das Bolschoi-Ballett. Super, auch wenn ich den Eindruck gewann: Ganz haben die Fahrzeughersteller dieses Dingsbums mit den sektoral zu- und wegschaltbaren Leuchtdioden, um den Gegenverkehr nicht zu blenden und die Fahrbahn trotzdem optimal auszuleuchten, noch nicht im Griff.

Aber so saß ich da, ließ mir die Ohren von der wunderbaren Tori Amos streicheln (hey, der erste moderne BMW, der bei der Bluetooth-Verbindung zwischen iPhone und Audio-Anlage keine Aussetzer produzierte!) und dache über mich und Autos nach.

Es ist nämlich so: Ich hatte schon ziemlich viele. Und ziemlich unterschiedliche. Ohne Testfahrzeuge (ich bin in meinem Job ab und zu privilegiert, weil mich manche Herausgeber trotz nicht vorhandenen Fachwissens Autogeschichten schreiben lassen) kam ich beim Nachzählen bisher auf 17 Stück. Bei 33 Jahren Führerscheinbesitz macht das ziemlich genau ein neues Auto alle zwei Jahre – eine durchaus bescheuerte Quote. Aber mit dem vielen Blech summieren sich auch die Geschichten, das ist wiederum ganz in Ordnung.

Nummer 1: der Ritmo.

Immer noch erzähle ich zum Beispiel gerne von meinem ersten Auto. Nach der Führerscheinprüfung setzte ich all mein Angespartes für die uneingeschränkte Mobilität jenseits von Mofa, Vespa, Straßenbahn und ÖBB ein, die mir damals wie das erstrebenswerteste aller denkbaren Paradiese erschien. Mit 18 bist du halt noch ein bissl matschig in der Marille und weißt nicht, dass es viel bessere Dinge gibt, die du mit Geld machen kannst. Weil in meiner gesamten Familie der distanzierte Durchblick auf die Welt nie so richtig vorhanden war, gab es auch niemanden, der mir sinnvollere Möglichkeiten aufgezeigt hätte. Stattdessen freuten sich alle für mich, und die Tanten und Onkels, die meine über die juvenilen Jahre akkumulierte Silbermünzensammlung fleißig mit Content befüllt hatten, klatschten Beifall, als ich die Dinger – und noch Anderes – gegen einen weißen, gebrauchten Fiat Ritmo eintauschte.

Der war cool, damals.

Er hatte ein getöntes aufklappbares Dachfenster, 75 PS, und ich befestigte am Rückspiegel das Foto einer mir damals verheißungsvoll erscheinenden jungen Dame, was sich insgesamt aber mehr als reine Verzweiflungshandlung herausstellte, weil der Ritmo sie völlig unbeeindruckt ließ und meine unbeholfenen sozialen Interaktionsversuche ebenso erfolglos blieben wie in der Vorautozeit. Jedenfalls, ich startete zeitgleich auch meine journalistische Laufbahn. Ich schrieb beim steirischen Schülermagazin „Crash“ mit, eine beeindruckend dilettantisch gemachte Postille, in der Geld jedoch wegen der persönlichen Situiertheit des Herausgebers kein Thema war, der inhaltlich fleißig mitmischte, obwohl er von Journalismus null Ahnung hatte. Der junge Mann ließ überdimensionale Aufkleber mit dem Namensschriftzug seines Mediums produzieren und ich war tatsächlich blöd genug, mir so ein Ding quer über die Motorhaube zu kleben.

Ich fuhr dann also einen Fiat Ritmo, der riesengroß das Wort „Crash“ in pinken Buchstaben auf der schneeweißen Motorhaube kleben hatte. Und war auch noch stolz darauf, ich Trottel.

Der Doppelsinn wurde mir erst klar, als ich mit dem Fiat einen Verkehrsteilnehmer rammte und meine Motorhaue fein säuberlich zu einer Steilwand hochgefaltet wurde, an deren Vorderseite, der Welt zugewandt, nun völlig unversehrt „Crash“ zu lesen war. Und das an einem Wrack. Hatte was. Damals war ich zwar ein bissl konsterniert, heute kann ich herzhaft über die umstandslose Transformation einer über Jahre angesparten Silbermünzensammlung in einen Totalschaden und die öffentliche Kennzeichnung desselben lachen.

Was folgte, war ein sehr gebrauchter Skoda, den ein mitfühlender Onkel mir schenkte, weil er sich stattdessen einen Ford Escort zulegte.

Nummer 2: der Skoda.

Zunächst war ich erleichtert, wieder mobil zu sein. Die Tatsache Skoda versuchte ich zu negieren, indem ich hinten das Typenschild abschraubte und stattdessen mit roter Farbe einfach Ferrari auf das Auto schrieb. Man tut sich halt ziemlich leicht mit der Selbsttäuschung, wenn man jung ist. Ich bewältigte mit dem Skoda meinen anstehenden Umzug nach Wien, der erste von vielen folgenden hin und zurück und so weiter, was ich damals aber natürlich noch nicht wusste.

Ich werde Ihnen hier jetzt jedenfalls nicht von meinem Wien-Graz-Dilemma erzählen, das ich wohl mein Leben lang nicht mehr sauber auf die Reihe kriege. Wichtig ist, dass Sie wissen: Skoda war damals nicht das Unternehmen von heute. Über die Geschicke entschied nicht VW, sondern das Zentralkomittee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Das bedeutete: Skodas waren grottenschlechte Rostschüsseln, in die außer meinem Onkel, meinem Vater und dann auch mir praktisch kein vernünftiger Westeuropäer einzusteigen wagte.

Leicht war der Transport von Menschen und Dingen mit dem Skoda auf jeden Fall nicht, weil das Auto die Marotte hatte, das Thermostat nach einem undurchsichtigen Zyklus immer wieder einmal streiken zu lassen. Dann überhitzte der Motor und der Innenraum  – die Tschechen haben ihre Autos damals wirklich ein bissl seltsam konstruiert, VW macht das seit der Übernahme natürlich viel besser – wurde mit weißem Rauch zugepustet. Warum der Dampf nicht außen abzog, sondern jeweils ins Fahrezuginnere drang, ich weiß es nicht. Jedenfalls stank es bestialisch und man musste dann immer eine ein- oder zweistündige Pause einlegen, Wasser nachfüllen, dann hatte die Sache sich wieder.

Irgendwann wurde mir das lästig. Du bleibst einfach nicht gern alle paar hundert Kilometer am Fahrbahnrand liegen, wenn du nicht halbwegs klar prognostizieren kannst, wann es passiert. Und in Sachen konkludente zeitliche Pannengestaltung war der Skoda insgesamt eine recht volatile Angelegenheit.

Als ich dann eines Tages auf der A2 in Richtung Südstadt am Weg zu einem Handballspiel wieder einmal die Thermostat-Troubles als weißen Rauch in den Innenraum ziehen sah und es gerade noch von der Autobahn auf die nächstbeste Bundesstraße bei Mödling schaffte, kam ich – reiner Zufall – direkt neben einer Telefonzelle zum Stehen. Ich war schon immer ein Mensch schneller, komromissloser Entschlüsse. Jedenfalls war in diesem Moment der Hass auf den Skoda groß genug, direkt aus dem Auto aus- und in die Telefonzelle einzutreten, beim Anzeigenblatt „Wiener Bazar“ (Sie erinnern sich noch?) anzurufen und eine Annonce aufzugeben. Binnen Wochenfrist war der Skoda Geschichte und ich investierte die dreitausend Schilling Erlös eine Zeit lang in die flüssige Abendgestaltung mit Studienkollegen.

Nummer 3: Nikolaus

Und dann kam nach längerer Pause Nikolaus, den ich mochte wie kein Auto davor und bisher danach auch keines mehr. Ein Grazer Freund verbachte seine Freizeit damit, aus verschiedenen 2CV-Wracks fahrtaugliche neue Exemplare zusammenzuschrauben. Er erledigte das vorzüglich, versorge auf diese Weise den gesamten Freundeskreis nach und nach mit super Enten.

Sie wissen eh noch, oder? Der Citroen 2 CV, die „Ente“!

Praktisch null PS, Fahrverhalten nicht vorhanden, die seltsamste Schaltvorrichtung des Planeten, Klapp-Seitenfenster, Rost als Teil der Standardausstattung ab Werk, Heizung ein Fremdwort und in Kurven ein Schaukelverhalten wie eine venezianische Gondel bei Hochwasser. Aber man konnte das Dach aufmachen und war in diesem Auto dann einfach immer guter Laune. Enten waren die besten Fahrzeuge der Welt.

Die Mutter meiner damals noch ungeborenen Tochter und ich beschlossen, die Ente einen Erpel sein zu lassen und ihn Nikolaus zu taufen. C und ich hatten eine schwierige Beziehung, keine Frage, wir wollen da auch im Nachhhinein nichts beschönigen. Aber wenn wir mit Nikolaus unterwegs waren, waren wir immer glücklich. Zumeist rollten wir das Dach nach hinten, was schon einmal zu einer halbstündigen Prozedur ausarten konnte, in der man sich in die Augen sah, weil man gegenüber an den beiden Flanken des Erpels Position beziehen musste. Dann fuhren wir übers Land, sahen tagsüber ins schöne Blau über uns hinauf und abends in den zumindest in meiner Erinnerung oft makellosen Sternenhimmel. Es war wunderbar. So gerne würde ich Ihnen Nikolaus zeigen, aber ich weiß nicht, wo die vielen Fotos von ihm hin verschwunden sind. Er war grasgrün und hatte gelbe Kotflügel und es war wie gesagt das einzige Mal, dass ich ein Auto richtiggehend geliebt habe.

Das Potenzial ist nun beim soulredroten MX-5, den ich seit einem Monat besitze, zwar durchaus wieder vorhanden, aber der ist noch viel zu neu, um dazu bereits Endgültiges verkünden zu können. Wir werden sehen.

Doch nun sprechen wir von Nikolaus: Während der ersten zwei Jahre meines wiener Publizistik-Studiums leistete er mir großartige Dienste. Er funktionierte zwar viel öfter nicht als der Skoda, aber bei Nikolaus ließ mich das kalt. Ich schaffte mir einfach eine ÖAMTC-Mitgliedschaft an und machte es mir zur Gewohnheit, bei Minusgraden eine Dreiviertelstunde vor geplanten Abfahrten den Pannendienst auf Verdacht zu kontaktieren – denn ich war sicher, Nikolaus würde nicht anspringen wollen. Dann stand ich am Fenster, sah auf die Straße hinunter und dachte an Gott und die Welt, während ich darauf wartete, dass das Pannenfahrzeug kam. Sah ich das gelbe Auto um die Ecke biegen, wußte ich, jetzt geht meine Ausfahrt gleich los, zog Schuhe und Mantel an und trollte mich nach unten. Mit der Zeit kannte ich dann alle ÖAMTC-Pannenfahrer beim Vornamen, Nikolaus war ein höchst kommunikationsförderndes Auto.

Später verstellte sich das Standgas und ich musste beim Schalten immer Zwischengas geben. Dass dann bald einmal auch der linke Blinker ausfiel und ich beim Abbiegen das Seitenfenster hochklappen und Handzeichen geben musste, störte mich erst, als die Fensterhalterung ihren Geist aufgab. Ich musste die untere Glashälfte schwungvoll nach oben stoßen und schnell meine Hand rausstrecken, bevor das Fenster wieder nach unten sauste. Dass es mir dann oft ziemlich heftig auf den Unterarm fiel, war auch nicht so dramatisch, ich hatte in dieser Zeit links halt öfters blaue Flecken und erzählte bei Nachfragen immer etwas von ziemlich heldenhaften Heimwerkerprojekten. Schwierig wurde die Sache jedoch in der Kombination, wenn ich beim Abbiegen gleichzeitig schalten musste – des Zwischengases wegen und wegen der Evolution. Denn die hat uns alle nur mit zwei Händen und einer begrenzten Multitasking-Fähigkeit ausgestattet. Abbiegen und mit der linken Hand draußen herumwacheln, mit der rechten Hand schalten und mit – ja, womit nun? – in die Kreuzung einlenken, das ist nicht leicht.

Zunächst erledigte ich das Lenken immer mit dem Knie, aber diese Lösung ist in ihrer Nachhaltigkeit insgesamt ein wenig zu fragil für komplexe Wiener Verkehrssituationen. Darüber hinaus gibt es dann für das durchschnittliche Studentenhirn ein wenig zu viel zu koordinieren: Linke Hand wachelt, rechte Hand schaltet, linker Fuß bremst, rechter Fuß, der eigentlich bremsen sollte, gibt Zwischengas, Knie 1 lenkt, Knie 2 lungert als Backup herum, Beifahrerin fragt, ob du nicht ganz dicht bist, zehn Wiener im Verkehr rundherum hupen, Nikolaus legt sich gefährlich in Schräglage, und alles gleichzeitig. Das ist nicht zu machen. Nach einigen Wochen voller richtig brenzliger Situationen entschloss ich mich jedenfalls, es zu beenden – und beging einen der größten Denkfehler meines Lebens: Ich verschenke Niklaus an seinen Erbauer zurück, weil ich überzeugt war, mir die diversen Reparaturen nicht leisten zu können.

Hätte ich es versucht und Nikolaus dann in aufopfernder Liebe bis heute durchgefüttert, ich wäre jetzt der glücklichste Mensch auf der Welt. Aber so ging Nikolaus als Ersatzteilspender in zahllosen neuen alten, zusammengeschusterten Enten auf. Ich hoffe sehr, das eine oder andere Nikolaus-Teil (nicht der Blinker, nicht der Vergaser, nicht das Seitenfenster!) lebt auch heute noch in einer der rar gewordenen Enten weiter und kutschiert schaukelnd wie ein schief beladener Hochseedampfer übers Land.

Und mehr von meinen Autos folgt aus Gründen der überbordenden Länge, weil ich im Blog hier halt so ein Plappermaul bin, ein anderes Mal. Ich werde Ihnen dann zum Beispiel von einer Überdosis Tom Waits aufgrund einer Alfa-Schrulle ebenso erzählen wie von – ach, warten Sie einfach ab …

Und die Sache mit dem erwähnten BMW 430i xDrive Gran Coupé und seinen Lichtern, von der können Sie demnächst dort lesen, wo ich ab und zu über Autos schreibe, klicken Sie einfach auf das: www.herold.at/blog/

 

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