Katzendenglisch

Sen meeka utuurn end fahren drei handred Meters geradaus.

Sagt das Navi und hinterlässt mich ein wenig ratlos. Gott sei Dank wiederholt Mary oder Eileen oder wie auch immer die weibliche Stimme in der Jaguar-Navigation heißt, ihre Anweisung mehrmals, weil ich vor lauter Schreck auf das empfohlene Umdrehen verzichte und den Befehl daher redundant entgegengeschleudert erhalte. Falls Sie noch nicht dekodiert haben, was los ist, liebe Blog-Leser und Innen:

Then make a U-turn, also: Drehen Sie bald um!

Ich hatte in der Vergangenheit schon einige kuriose Anweisungen aus Navigationsgeräten in Autos entgegen genommen. Unvergessen die Stimme – eine Cathy damals – aus dem aufsteckbaren Tom-Tom, das ich mir vor Jahren kaufte. Aufgrund irgendeiner seltsamen Computerpanne vermischte sie deutsche und englische Silben und sagte kurz vor Ankunft am eingegebenen Bestimmungsort jeweils:

Sie haben Ihren Silva daheckt.

Und meinte damit: Sie haben Ihren Zielort erreicht. Das r rollte Cathy dabei typisch britisch mit einer gewissen Nuance amerikanischer Kaugummi-Differenzierung in der Phonetik, das ck knallte sie hart und erbarmungslos wie eine Deutsche in die Lautsprecher. Sehr gekonnt jeweils, nur halt in der Mixtur durchaus tragikomisch.

Die kleine Tochter meiner Grazer Nachbarn, die ich damals öfters zu Ballett, Schule und was weiß ich wohin chauffierte, und ich, wir hatten unsere Freude damit. Per Gaudium gaben wir nahe liegende Ziele ein, nur um das unverständliche Kauderwelsch möglichst oft zu hören. Das war ein Spaß.

Bildschirmfoto 2016-06-10 um 12.27.19Jetzt aber der Test-Jaguar XE. Eine richtig feine Karosse. Ich mag es ja, wie Jaguar sich seit einigen Jahren neu erfindet. Das Design ist völlig anders als früher, aber genauso gut. In die Moderne übersetzte Brit-Tradition halt. Wenn Sie die Nase von all dem glatten deutschen Versicherungsvertreter- und Bankbeamter -Pomp der vielen BMWs, Audis, Mercedes und Passats voll haben, dann ist der neue XE die perfekte-Mittelklassen-Alternative zu 3er, A4, C-Klasse und so weiter. Er ist stilvoller, besitzt mehr von der zurückhaltenden Eleganz, wie sie nur die Briten in die Welt setzen können, ist gut verarbeitet und frei von den vielen kleinen Qualitäts-Dramen diverser Jaguar-Vergangenheiten, und man kann ihn sich auch leisten. Die 180 PS meines Testwagens, über den sie demnächst am richtig, richtig coolen Blog der famosen Firma Herold mehr lesen können, reißen dieselmäßig ordentlich an, die feine 8-Gang-Automatik ist großartig. Und überhaupt. Ehrlich, ich mag den Jag.

Bloß die Sache mit der Elektronik, die ist noch fast genauso britisch wie früher das Dingsbums mit der Elektrik. Ich selbst habe das nie erlebt, weil zu jung, jedoch berichtete man mir glaubhaft: Vor Jahrzehnten konnte es dir passieren, dass du, in einem britischen Auto sitzend und des Nächtens unterwegs, plötzlich die totale Finsternis durchpflügtest, was keine schöne Sache ist, fährst du mit Tempo 100 durch die Nacht. Weil: Elektrik-Ausfall und damit kein Licht mehr, ansatzlos, grundlos, gnadenlos.

Den Jags von heute passiert das natürlich nicht mehr, sie sind 1A verarbeitet und gebaut. Bloß: Ich weiß nicht. Das Navi sprach in meinem Testwagen zum Beispiel aus unerfindlichen Gründen plötzlich Denglisch in seiner unterhaltsamsten Form. Sogar die österreichische Unart, das th an Wortanfängen nicht als Zungen-Zähne-Presslaut, sondern als „se“ auszusprechen, übernahm es. Sehr seltsam. Mir völlig unklar, welcher Bug in den tiefsten Tiefen des Programmes so eine ungewöhnliche Deutsch-Englisch-Mixtur einer elektronischen Stimme verursachen kann. Normal kriegt das ausschließlich unsere ehemalige Finanzministerin Maria Fekter hin.

Habe zuerst kein Wort verstanden, dann höllisch gelacht.

Bereinigt werden konnte das Problem nur durch einen totalen Restart. Control-Enter-Delete quasi. Statt den befohlenen utuurn auszuführen, hielt ich am Straßenrand, was die Navi-Dame erst recht in verbale Panik versetzte. Aus Gründen britischer Höflichkeit verschweige ich ihnen, was sie mir sagte. Ich stoppte den Motor, startete neu, und nachdem das Navigationssystem sich drei Minuten lang selbst frisch hochgefahren hatte, war alles wieder in Butter.

Dass sich am nächsten Tag die gesamte um das riesige Display gruppierte Bordelektronik aufhängte, als ich beim Bluetooth-Streamen der Musik vom iPhone an den Jag gerade zwischen Tori Amos und Peter Gabriel wechselte, kostete mich nur mehr ein Schulterzucken. Hatte mich doch schon den ganzen Weg von Wien nach Graz in beiden Rückspiegeln die seitliche Kollissionswarnung mit ihren orangen Lichtern unterhalten, obwohl weder rechts noch links ein Fahrzeug zum Überholen angesetzt hatte. Die Lampen gingen einfach nicht mehr aus, egal was kam oder nicht kam. Vermutlich lag es am Starkregen, der den Jag wohl verwirrt hatte – obwohl er diesen als britisches Auto wahrlich gewohnt sein müsste. Jedenfalls: Rechts ran, Motor aus, Neustart, behoben.

Sie dürfen jetzt aber nicht überlegen, ob Sie sich das Auto überhaupt kaufen sollen, falls Sie gerade einen Neuwagenkauf beabsichtigen. Nämlich: Kaufen Sie es sich! Der Jaguar XE ist so ein toller und schöner Wagen, dass man sich von den paar Verwirrtheiten nicht aus der Contenance bringen lassen sollte. Andere Autos anderer Automütter spinnen auch ab und zu. Ich hatte auch schon in nagelenuen Test-BMWs meine Streaming-Probleme mit der Musik. Und das Navi im Test-MX-5 vor drei Monaten schaltete mitten in der Fahrt plötzlich auf kyrillische Beschriftung um, weiß der Teufel warum.

Bildschirmfoto 2016-06-10 um 12.31.08Das bissl Katzendenglisch im Jaguar ist da wirklich vernachlässigbar. Eigentlich ist es sogar lustig. Ich setz mich jetzt dann jedenfalls gleich wieder ins Auto. Und voll completely focused as hell, wie ich das hinter Jag-Steeringwheels halt immer bin (aber sehen Sie selbst, ausnahmsweise poste ich hier einmal ein Bild von meinereiner selbst, doch nur der coolen Ray Bans wegen), wird meine von der Genetik überdimensionierte Nase den tollen Jaguar durch das umgebende Grazer Hügelland ausführen. Ich werde mich dabei jedoch immer wieder absichtlich ein bissl verfahren und auf den einen oder anderen Meeka-utuurn-Befehl hoffen.

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