Automobilità italiana

E´s Kopf päppelte an meiner Schulter wie ein wild gewordener Tischtennisball, lauschig kann das für sie nicht gewesen sein.

Der kleine Allrad-Panda war einfach das falsche Auto, wenn du nächtens auf der Autobahn zwischen Wien und Salzburg romantisieren willst, während die wenig bunten Sommernacht-Autobahnlichter träge vorbei ziehen und nachdem du eine superflauschige CD in den Player geschoben hast, auf den du richtig stolz bist, weil damals noch längst nicht jedes Auto einen hatte, immerhin, man befand sich in den späteren 1980er-Jahren. Aber das Auto war so hart gefedert, dass es jede Bodenwelle an die Insassen weitergab und für E echte Verletzungsgefahr bestand. An Romantik war da nicht zu denken. Ich hätte es ohnehin wissen müssen, als ich den halbwegs neuen, aber doch gebrauchten Panda unter des Vaters tatkräftiger Unterstützung damals am Wiener Praterstern in der Steyr-Fiat-Filiale in meinen Besitz überführte: Das wird nix Gscheites.

Das Auto war in Bundesheer-Grün bemalt. Vermutlich hatte sich der Hersteller gedacht, Allrad, das führt uns ins Gelände, da muss die passende Farbe her. Ich war aber noch nie so fürs Militärische, hätte mich also vom speigrünen Anstrich des Panda warnen lassen sollen. Doch so nahm alles seinen Lauf und ich ruinierte mir an den Brutalo-Blattfedern des kleinen Italieners schon in frühester Jugend nicht nur die Bandscheiben sondern auch das eine oder andere theoretisch mögliche Sozialerlebnis mit dem anderen Geschlecht. Platz auf der Rücksitzbank war übrigens auch keiner.

Ich wurde mit dem Panda nie richtig glücklich und E´s blaue Backenknochen-Flecken nach der Wien-Salzburg-Wien-Tour haben das nicht begünstigt. Der Wagen hatte nämlich ordentlich Macken. Zum Beispiel stotterte er immer wieder einmal – doch nie, wenn ich deswegen eine Werkstatt aufsuchte. Damals wusste ich noch nicht (sollte es aber später lernen), dass das ein eingebautes Extra italienischer Automobile ist: Sie funktionieren manchmal nicht richtig, das jedoch immer nach ihrem eigenen Gutdünken und keinesfalls mit System. Mechaniker Nummer 1 jedenfalls zerlegte am Panda-Motor alles, was zerlegbar war, und fand den Fehler – nicht. Dafür erhielt ich eine Rechnung, die meine studentische Brieftasche in eine veritable Existenzkrise stürzte, obwohl ich sie mit der voreiligen Abgabe des Erpels Nikolaus zu schonen geglaubt hatte. Mechaniker Nummer 2 in einer anderen Werkstatt ließ sich das Problem ein paar Wochen später schildern, sah sich das Auto von außen an und sagte kopfschüttelnd:

Ojeh.

Ich wusste sofort: Wenn ich dem den Wagen da lasse, wird das teuer. Mechaniker Nummer 3 in der nächsten Werkstatt hingegen war ein Genie. Er würdigte den Panda keines Blickes, zog mich stattdessen beiseite, kontrollierte mit zwei, drei schnellen Blicken über die Schulter die Umgebung auf anwesende Spione, und raunte mir dann mit verschwörerischem Minenspiel zu:

Wissen´S wos, wortn´S anfoch a bissl, des gibt si scho wieda.

Heute ist mir klar, welch wertvolles Geschenk der Mann mir damals so selbstlos überlassen hatte: nicht mehr und nicht weniger als die endgültige Zauberformel für den Umgang mit italienischen Autos. Du musst ihnen nämlich deine Liebe beweisen, indem du ihnen ihre kleinen Mätzchen – und alle italienischen Autos haben Mätzchen – einfach nachsiehst und sie gewähren lässt.

Denn irgendwann beheben sich die Probleme nämlich selbst. Es entwickelt sich dann zwar relativ rasch jeweils eine neue kleine Teufelei, aber glauben Sie mir, dem erfahrenen italienische-Autos-Besitzer: Man gewöhnt sich dran. Später einmal setzte der Panda auf der Autobahn zwischen Graz und Gleisdorf tatsächlich zu einem großen, finalen Splotzer an, der mich fast mit der Stirn gegen die Windschutzscheibe knallen ließ, und von da an verrichtete er seinen Dienst einwandfrei. Als ich ihn Monate später verkaufte, war ich fast ein bissl traurig.

Trost fand ich im folgenden Alfa 33, der zwar auch grün war, aber weniger tarnfarbig grün, sondern viel italienisch spritziger grün. Seine Italianità bewies der Alfa mir bereits auf der Heimfahrt vom Händler, als der Tacho begann, einfach auszufallen. Dann ging er wieder, dann fiel er wieder aus, dann ging er wieder, dann fiel er aus, und so weiter. Mich ließ das kalt. Ich dachte an Mechaniker Nummer 3 und blieb cool bis zuversichtlich. Ich wusste: Das wird sich noch erledigen. Der Alfa danke es mir: Als ich ihn nach zwei Jahren verkaufte und ein enthusiastischer junger Koch zur Probefahrt anrückte, funktionierte der Tacho selbstverständlich einwandfrei. Italienisches Auto halt. Natürlich wies ich den Käufer auf das Problem hin, ich bin ja kein Betrüger. Der war aber vom zur automobilen Höchstform auflaufenden Alfa so beeindruckt, das er nur ungefähr das sagte:

Wurscht.

Ich hatte zwar meine Bedenken, gab den Alfa aber weg und nahm mir vor, sicherheitshalber in ein paar Wochen nachzufragen, ob eh alles funktioniert. Dann erfuhr ich: wurscht. Der Koch hatte den Alfa bei einer der ersten Ausfahrten geschrottet.

Ich besaß insgesamt bisher vier Alfas. Alle hatten Macken. Bei einem – ein nigelnagelneuer Dienstwagen – sprang während der Fahrt dauernd der Kofferraumdeckel auf, was durchaus was hatte. Bei schnellen Autobahnfahrten verbesserte es kurzfristig sogar die Aerodynamik. Also beschloss ich, auch in diesem Fall das Problem seiner italienischen Beseitigung zuzuführen und nichts zu unternehmen. Funktionierte tadellos. Nach zwei, drei Monaten: erledigt. Der vierte Alfa gönnte dem Lenkrad-Servo immer wieder mal eine Pause, unangekündigt selbstverständlich. Das war zwar schon lästig – es kommt einfach nicht so gut, wenn du auf einer Serpentinen-Passstraße mitten in einer Kurve bergab von einer Zehntelsekunde auf die andere plötzlich die zehnfache Kraft am Volant aufwenden musst, weil du sonst geradeaus fährst. Aber meine Güte. Durch meine Adern tänzelt italienisches Vorfahrenblut, also stronzo, so etwas bringt mich nicht aus der Fassung.

Eine wirklich ernste Herausforderung jedoch war der dritte meiner Alfas. Das erste Auto, das ich mir selbst frisch direkt aus dem Händler-Schaufenster leistete. Ich war damals gerade ein bissl am schwächsten Punkt meines Nervengerüstes angelangt, an der Sollbruchstelle gleichsam, weil ich soeben den durchgeknalltesten Job im durchgeknalltesten Unternehmen der durchgeknalltesten Branche entsorgt hatte, um nicht als psychisches Wrack zu enden. Ich war Sprecher des größten privaten Telekom-Unternehmens, und das am Höhepunkt der Internet-Blase um die Jahrtausendwende. Ein Höllenfeuer. Zwei Jahre, länger hält ein vernünftiger Mensch das nicht aus. Zur Feier meiner neu gewonnenen Freiheit nach erfolgter Kündigung wollte ich Silvester mit Freunden in Bologna verbringen. Aaaah, Bologna, La Rossa, La Grassa! – und wenn Sie einmal dort waren, wissen Sie, warum die Stadt so heißt.

Es begann vertrackt. Ich startete in Graz, mit den Wiener Freunden sollte es ein Treffen an einer italienischen Raststätte geben, ein erster Cappuccino und so weiter. Tags zuvor hatte ich den neuen Alfa beim Händler abgeholt. Das viele Streusalz auf den Autobahnen, wir hatten ja Winter, sollte der zarten Italo-Autoseele nichts anhaben können, beschloss ich. Also Waschstraße vor der Abfahrt, das volle Programm, inklusive Super-Wachsversiegelung des gesamten Autos. Jetzt ist es aber so, dass Alfa damals beim 156er die Nummerntafel vorne auf die Seite designt hatte, was super aussah. Krawatte lässig über die Schulter geworfen, quasi. Waschstraßenkompatibel war das aber nicht. Die automatische Bürste fegte dem Alfa die Nummerntafel wie nichts von der Karosserie und schluckte sie. Ich bemerkte das erst auf der Pack, als ich anhielt, um mir mein schönes neues Auto einmal in Ruhe anzuschauen. Also zurück nach Graz, den Tankstellenpächter nerven – nur unter großen Anstrengungen schälten wir die durchaus ein wenig zerknüllte Nummerntafel aus den Eingeweiden der Bürste, glätteten sie und schraubten sie wieder ans Auto.

Italiener-Graffl, schimpfte der Tankwart.

Verkonstruiertes Putz-Graffl, schimpfte ich zurück und startete erneut Richtung Süden.

Neuer Treffpuntk war direkt das Hotel in Bologna, es war spät geworden. Bei Udine fiel die Dunkelheit ein, bei Venedig der Nebel. Ich machte Musik. Unterwegs lasse ich da immer den Zufall walten, was heute mit der Random-Funktion am iPhone leicht ist, im Handumdrehen kannst du eine deiner 1.912 Nummern (in meinem Fall) ins Auto streamen. Damals hieß Zufall noch: blinder Griff in die Schachtel mit den CDs, reinschieben, und los. Ich erwischte Tom Waits, „Beautiful Maladies“, großartig. Ich schmierte mit sattem Diesel-Brummen über die schnurgerade Autobahn südlich von Venedig, hielt das Lenkrad fest, zählte gelassen die weißen Nebbia-Punkte der Italiener am Autobahnrand, bis ich sie nicht mehr sah, weil der Nebel immer dichter wurde.

Jetzt folgendes: Nacht, also finster. Schnurgerade Autobahn, kein Verkehr. Dichter Nebel und du kannst höchstens 40 oder 50 fahren. Tom Waits aus den Lautsprechern. Ich sage Ihnen: Das hält auch ein psychisch gesunder Mensch nicht besonders lange aus. Weil ich ohnehin ein wenig angeschlagen war, beschloss ich nach einer halben Stunde: Das reicht jetzt. Ich plante, mir mit einer wilden Duran-Duran-Nummer aus den späten 1980er-Jahren meine Jugend in Erinnerung zu rufen und fröhlich zu werden. „The Wild Boys“ wollte ich in den CD-Player schieben, vielleicht auch „Rio“ oder „Seven and the ragged Tiger“. Allein: Der Alfa gab die Tom-Waits-CD nicht her.

Er gab die CD nicht her!

Ich konnte drücken, wie und wo ich wollte, die CD steckte fest. Ich bearbeitete den Eject-Knopf mit allem, was ich hatte. Der Alfa spielte Tom Waits weiter, als wäre nichts. Ich drückte siebtausenddreihundertzwölfmal Stopp. Der Alfa spielte Tom Waits. Ich schaltete den Player aus. Der Alfa spielte Tom Waits. Nur rechts ranfahren und den Motor abstellen half. Aber auf diese Weise kommst du nie nach Bologna. Also fuhr ich weiter, sang selbst so laut ich konnte irgendwas Fröhliches und versuchte, Tom Waits auszublenden. Weil ich leider damals wie gesagt nach den anstrengenden Jahren im UTA-Job ein bissl gaga war, kam ich nicht auf die Idee, einfach die Lautstärke auf null zu drehen, was vermutlich funktioniert hätte.

Jedenfalls, als ich in Bologna ankam, war ich psychisch fertig. Hören Sie einmal Tom Waits, während Sie im Finsteren und im dichtesten Nebel allein über eine schnurgerade italienische Autobahn fahren. Da werden Sie bald einmal suizid, sage ich Ihnen. Hätte ich noch hundert Kilometer weiter gemusst, ich weiß nicht, was ich …

Und warum haben Sie den Wagen nicht gleich wieder verkauft, wo Sie doch damals offensichtlich ohnehin ein bissl ein volatiles Gebaren beim Kauf und Verkauf von Automobilen an den Tag legten?, werden Sie jetzt fragen.

Aber passen Sie auf, nämlich: der Alfa!

Vor dem Bologneser Hotel in der Innenstadt stand das dunkelblau blitzende, neue Auto extrem sexy da und die zerknitterte vordere Nummerntafel verlieh ihm etwas Wildes, Räudiges. So ein bissl Schönling zwar, aber von der guten Sorte, heldenhafter Räuberhauptmann oder so. Die Frauen lieben das. Und einer wie ich, grundsätzlich vom Typus her eher fad, mit einem Bäucherl versehen und zu schüchtern für adäquates soziales Interagieren, muss in Sachen Frauen nehmen, was er kriegt. Trat ich also am nächsten Morgen vom Hotel auf die Straße, stapfte noch ein bissl verärgert wegen der Tom-Waits-Angelegenheit zum Alfa und sah: Hinter der Windschutzscheibe klebte glatt ein Zettel. Ein feuerroter Lippenabdruck war drauf, ich meine, so richtig rote Italienerinnen-Lippen, wie die junge Sophia Loren sie hatte oder Ornella Muti zu ihrer besten Zeit, und auf der Rückseite stand:

ItalianaCaldaSono una Italiana calda, would like to meet with you!

Passiert mir sonst nie, sowas. Und nicht, dass Sie jetzt glauben, ich erfinde das. Erstens erfinde ich hier im Blog nie etwas, sondern alles ist die reinste Wahrheit. Außerdem habe ich das Ding aufgehoben, aus Gründen der Originalität – ist zwar schon ein wenig vergilbt, doch immerhin. Sehen Sie also  selbst. Zwar stand natürlich keine Telefonnummer daneben und ich wusste selbstverständlich – ich war zwar mental im Eck, aber nicht blöd – dass sich da eine Bologneser Signorina ein Scherzchen erlaubt hatte, aber trotzdem freute ich mich. Und beschloss, den Alfa fortan zu lieben, was ich auch tat. Er lohnte es mir, indem er ungefähr zwei Wochen später Tom Waits wieder hergab und nie wieder eine CD in Geiselhaft nahm. Ich behielt ihn mehrere Jahre und tauschte ihn erst, als ich mir einen Jaguar leisten konnte.

Grazie, bello! Warst eh ein richtig feines Auto. Von dir habe ich gelernt, dass selbst ein behäbiger Österreicher wie ich unter bestimmten Umständen auf das Interesse einer feurigen italienischen Schönheit hoffen darf. Mit un pocco di assistenza, selbstverständlich.

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